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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-29 · 48 (29.11.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 De. Blochs Wochenschrift Seite 813 Übungen im Spital der israelitischen Kultusgemeinde, eine behagliche, fast vornehme Heimstätte sind den Kandidatinnen beschieden. Und wenn sie nach einjähriger Schülerinnenzeit ihre Prüfung mit Erfolg bestanden haben — was bis jetzt noch bei allen Schülerinnen der Fall gewesen — dann treten sie dauernd als Schwestern in den Verband des Pflegerinneninstituts ein. bekommen ihre Diensteinteilung im Spitale und werden später auch nach Bedarf in der Privatpflege verwendet. Nach vierjähriger Dienstzeit erhalten sie ihr Diplom und können sich dann entscheiden, ob sie weiter im Verbände verbleiben oder austreten wollen: selbstverständlich wählen die meisten Schwestern das erstere. Zeigen schon diefe Vorschriften, daß für junge Mädchen, die sich dem Pflegerinnenberufe widmen, ehrende und anerkannte Tätigkeit zur Genüge vorhanden ist, so bieten auch andere Umstände den Schwestern des Pflegerinneninstitutes Annehmlichkeiten und Garantien für eine sorgenlose Zukunft. In diesem Sinne hat das abgelaufene Jahr zwei namhafte Fortschritte gebracht. Aus einer Mietwohnung ist das Institut in die von der Kultusgemeinde zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten XVIII. Währingerstraße 9 9 übersiedelt und damit in direkten Kontakt mit dem jüdischen Spital getreten. Bequem eingerichtete Räumlichkeiten mit großen luftigen Schlafräumen, einem schönen Speisezimmer, einem Tagesraum (bezw. Musibzimmer) bieten schon äußerlich den Kandidatinnen und den Schwestern die Annehmlichkeiten eines eigenen Heims. An der Spitze desselben steht Fräulein Emma Levy. welche,. aus Dänemark gebürtig, die reichen Erfahrungen, die in Dänemark und Norddeutschland über jüdische Pflegerinneninstitute bestehen, bei uns in die Tat umsetzt und die sich allgemeiner Anerkennung und Achtung erfreut: vielleicht ist es nicht uninteressant hier zu bc>- merken, daß der Besuch, welchen der König von Dänemark im abgelaufenen Jahre dem Spital der israeli,- tischen Kultusgemeinde abgestattet hat, nicht zum min* desten der Absicht entsprach, seiner dort in leitender Stellung tätigen Landsmännin seine Anerkennung auszusprechen. Der D i e n st der Schwestern ist derart eingeteilt, daß einige Zimmer des Israelitischen Spitals ständig von den Schwestern geführt werden. Wie sehr hier die Leistungen dieser neuartigen Pflegerinnen von den Aerzten geschätzt werden, mag daraus ersichtlich sein, daß neuestens auch im Operalionsraum an Stelle einer seit Jahren in Diensten gewesenen Rudolfinerin Schwestern des Pflegerinnenheims herangezogen wurden und sich auch in diesem sehr verantwortungsvollen Wirkungskreise durchaus bewährt haben. Für die Privatpflege stehen derzeit noch nicht viele Schwestern zur Verfügung, da dieselben erst dann entsendet/werden können, wenn sie nach einer Reihe von Jahren sich im praktischen Spitaldienst absolute Sicherheit in der Pflege der Kranken verschafft haben. Die Nachfrage nach derartigen Schwestern für die Privatpflege war allerdings eine sehr große, und nur in letzter Zeit hat dieselbe durch einen peinlichen Umstand nachgelassen: es ist uns bis jetzt noch nicht gelungen, für das neue Pflegerinnenheim einen Telephonanschluß zu erhalten, und es mutz, wenn eine Pflegerin benötigt wird, das Spital der israelitischen Kultusgemeinde angerufen werden. Dies bietet Schwierigkeiten, da Spitalsnummern sehr häufig besetzt sind und da auch eine sofortige Auskunft meistens nicht erteilt werden kann, so daß die Partei dann oft auf die Beschaffung der Pflegerin aus unserem Institut verzichtet. Hoffentlich wird diese Schwierigkeit bald behoben werden, und wir zweifeln nicht, daß dann die Pflegerinnen unseres Heims in kurzer Zeit mindestens ebenso gesucht sein werden, als dies bei den jüdischen Schwesterinstituten Deutschlands der Fall ist. Die Bedeutung des abgelaufenen Jahres für die Entwicklung des Pflegerinneninstitutes liegt aber noch auf einem anderen Gebiete. Durch die eifrigen Bemühungen des Vorstandsmitgliedes Herrn Dr. M. Laub ist es gelungen, die Pensionsfrage der Schwestern zum Abschluß zu bringen. Ohne daß von ihrem Gehalt, dessen Ausbezahlung bereits im ersten Jahre beginnt, ein Abzug gemacht ist, versichert das Pflegerinneninstitut die bei ihm in Stellung befindlichen Schwestern vom ersten Dienstjahre (also nach dem Schülerinnenjahr) angefangen, bei einer hiesigen größeren Versicherungsanstalt. Die Versicherung ist so abgeschlossen, daß bereits nach zehnjähriger Dienstzeit im Falle der eingetretenen Invalidität ein Teilbetrag, nach 35 Dienstjahren unter allen Umständen die volle Pension ausbezahlt wird. Schwestern, die also im Verbände des Pflegerinnenheims bleiben, sind auf diese Weise nicht nur ihrer guten Wohnung, sondern im Altersfall auch einer Rente sicher. Der Abschluß dieser Versicherung war für den Verein mit großen Opfern verbunden, da man gerechterweise auch jene Schwestern einbeziehen mußte, welche schon 5 Jahre dem Verein angehören: die Summe der hiefür rückläufig gezahlten Versicherungsbeträge belief sich auf ca. 7000 Kronen. Die jährliche Auszahlung beträgt derzeit ca. 2000 Kronen. So groß die Vorteile, so ehrend der Beruf und so sicher die Zukunft der Pflegeschwestern des Institutes auch sind, überraschenderweise ist die Zahl der Mädchen, welche als Schülerinnen in das Institut eintreten. keine allzugroße. Wohl befinden sich derzeit ca. 20 Schülerinnen und Schwestern im Heim, aber es wäre noch für eine größere Anzahl Platz, um so mehr, als immer von Zeit zu Zeit Abgänge stattfinden — zwei bewährte Schwestern sind uns letzthin ,.weggeheiratet" worden — die ersetzt werden müssen. Wir wissen wohl, daß auch in Deutschland eine Reihe von Jahren verging, bevor die großen angesehenen Schwesternheime (z. B. in Hamburg. Berlin, Breslau) auf denjenigen Stand der Pflegerinnen gekommen sind, den sie jetzt besitzen. Aber es ist gerade bei jüdischen Mädchen überraschend, daß sie nicht eifriger sich dem Pflegerinnenberufe widmen, ca ja bei ihnen sich Intelligenz mit gutem Herzen zu paaren pflegt und damit die Grundbedingungen für diese Lebenstätigkeit gegeben sind. Auch sonst hat das Pflegerinnenheim noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden. Wenn auch anerkennend hervorgehoben werden soll, daß die israelitische Kultusgemeinde sich dieser Schöpfung mit Rat und Tat eifrig annimmt, so stehen weitere Kreise derselben noch immer skeptisch gegenüber und können es nicht glauben, daß hier in Wien eine Einrichtung Wurzel fassen soll, die an so vielen anderen Orten bereits segensreiche Früchte getragen hat. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, weitere jüdische Kreise für das Heim zu interessieren. Derjenige. der das Heim besuchen, der die Schwestern in ihrer Tätigkeit kennen lernen wird, dem wird das spöttische Lächeln bald von den Lippen verschwinden, er wird Respekt bekommen vor den jungen Mädchen, die mit Ernst und Bescheidenheit sich einem der edelsten, schönsten Berufe widmen und die dabei mitkämpsen, den jüdischen Frauen einen ihnen bisher schwer zugänglichen neuen Lebensberuf zu eröffnen. Wien, den 21. November 1912. Dr. Zappert.

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