Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 812 Dr. Vkochs Wochenschrift Nr. 48 werden, daß ihnen ebenfalls das „Materiale" „vielfach in schiefer Beleuchtung vorgeführt wurde", darunter wohl auch das durch die Todesangst ^erpreßte, aber sofort widerrufene Geständnis des Inhaftierten, die ebenfalls durch Quälereien erzeugte falsche Beschuldigung der Täterschaft zweier Betteljuden, deren Alibi sofort nachzuweisen gelang, was sodann — man bewundere die Gerechtigkeit! - Hilsner eine neue Strafe wegen Verleumdung zuzog. Freilich, pon einer Verfolgung jener, die ihn moralisch mit Todesqualen verfolgten, physisch bedrohten und mißhandelten, hat man nichts gehört. Noch armseliger aber stellt sich die Verschanzung hinter das Legitimationsprinzip dar. Er sprach nämlich dem genannten Verein die „Legitimation" zum Eintreten für Hilsner ab — — genau wie dies anläßlich des Majestätsgesuches um Begnadigung seitens des Kreisgerichts Pilsen unterm 13. Februar 1909 erfolgte. Konfisziert! Die scharffinnigsten Untersuchungen finden statt, ob einer zwei oder zweieinhalb 2ahre oder dergl. bekommen, ob Totschlag oder Mord angenommen werden soll, Plattenbrüder oder Einbrecher, welche ehrliche Bürger oder Schutzleute niedermachen, kommen, damit sie ihre er-- sprießliche Tätigkeit ehebaldigst wieder beginnen können, mit einer Versorgung von einigen Jahren in Strafhäusern davon, Konfisziert! Nur so könnte erklärt, aber keineswegs entschuldigt werden, daß die Interpellationen der Abgeordneten Dr. Benno Straucher vom 13. Februar 1906 und Dü. Jul. Ofner und Genossen vom 28. Jänner 1907; die Eingabe des .Verteidigers Hilsners, Dr. Z. Aukednieek, vom .März 1908 (Wien 1910 im Selbstverlag des Verfassers), die Bitten um Begnadigung durch den „Verein zur Abwehr" sodann durch Dr. Friedft. E l b o g e n und die Aktionen so mancher anderer — bisher gar keine Beantwortung und Beachtung fanden. Jnsolange muß aber eine nachwirkende Böswilligkeit angenommen werden, als nichts getan wird, um diesen Verdacht zu zerstreuen, als nicht auf die offenen Anschuldigungen, im nied.-österr. Landtage vom 28. April 1899 und 5. November 1904*) gegen ein Mitglied der Regierung eine Antwort erfolgt. Konfisziert! Den Ueherängstlichen aber, welche hierin den Zu¬ *) „Oesterr. Wochenschrift", 1906, Nr. 21, S. 334, und 1904 Nr. 46. sammenbruch der allgemeinen Ordnung erblicken, gleichwohl aber einen Alkoholiker ungestraft mit dem „Schutzgeld auf Juden" herumfuchteln lassen, seien die Worte in Erinnerung gebracht, die eine Laiserin, Katharina von Rutzland, an Voltaire anläßlich seines Eintretens für Calas, schrieb: „Sie haben die großen Feinde der wahren Religion und Wissenschaft: den Fanatismus, die Dummheit und die Schikane angegriffen: möge Ihr Sieg ein vollständiger sein." Wien, 22. November 1912. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Unser Pfiegerimrrnheim. Ich sehe ein leises, skeptisches Lächeln auf den Lip? pen unserer verehrten Leser und Leserinnen. Unser Pfle^ gerinnenheim? Also wohl eine Wohnstätte für jüdische Wärterinnen! Es sind ganz eigene Vorstellungen, welche der Begriff „jüdische Wärterin" auslöst: Eine etwas rundliche, rührige, vielgesprächige Frau, die, wenn es sein muß, sich gerne über ihre Pflicht hinaus für den Patienten opfert, die sich aber nicht gerne mehr als unbedingt erforderlich für den Arzt die Hände wäscht. Gewiß, es gibt auch hier viele löbliche Ausnahmen — von den ausgezeichneten jüdischen Vertreterinnen unseres Hebammenstandes soll gar nicht gesprochen werden — aber im ganzen und großen sind die jüdischen Wärterinnen unserer Großstadt nicht das, was sich der modern gebildete Arzt unter einer Pflegeschwester vorstellt. Wie ganz anders ist es da, wenn man eine geschulte Schwester vor sich hat, welche nebst der Tüchtigkeit in der Pflege auch Verständnis für moderne Asepsis, Sicherheit in jedem Handgriff besitzt, den der Arzt öfter von ihr fordern muß. Ist die Ausbildung solcher wirklich geschulter Pflegerinnen, die aus einem besseren Mädchenmaterial stammen, für jüdische Verhältnisse unmöglich? Diese Frage war es, welche vor 51/2 Jahren den Vorstand der israelitischen Lultusgemeinde und' eine Reihe jüdischer Männer, namentlich Aerzte, beschäftigte und deren Beantwortung darin bestand, daß am 19. Juli 1907 das Kaiserin Elisabeth-Institut für israelitische Krankenpflegerinnen gegründet wurde. Präsident Dr. Stern nahm sich als Ehrenpräsident des neu gegründeten Instituts eifrig an, Primarius Fleisch mann, der Direktor des Spitals der israelitischen Kultusgemeinde, trat an dessen Spitze, Hofrat Oser und eine Reihe anderer Aerzte setzten sich lebhaft für die Ver, wirklichung der schönen Idee ein. Nun sind über 5 Jahre seit Gründung dieses Instituts vergangen, und gerade das letzte Jahr hat so geiwaltige Veränderungen in demselben hervorgerufen, daß man wohl berechtigt ist, rückblickend über die Tätigkeit der neuen Gründung Bericht zu erstatten. Die Aufnahme in das Kaiserin Elisabeth-Pflegerinnen-Jnstitut soll nicht ganz leicht gemacht werden. Eine Altersgrenze zwischen ca. 20. und 35. Jahre, vollständige Gesundheit und eine etwa unserer Bürgerschule entsprechende Vorbildung sind die Voraussetzungen, unter welchen die Aufnahme von jungen Mädchen oder alleinstehenden, unabhängigen Frauen stattfinden kann. Dann bedarf es noch ein,er dreimonatlichen Probezeit, innerhalb welcher sowohl die Vereinsleitung als die Schülerinnen berechtigt sind, sich gegenseitig zu kündigen. Ist aber diese Zeit vorüber und besitzt dfe Schülerin Liebe und Eignung für den Beruf, dann kann Man wohl sagen, daß sfe in gutem Fahrwasser sich befindet. Gründlichen praktischen und theoretischen Unterricht, der von den Primarärzten unseres Spitals, also von wissenschaftlichen Persönlichkeiten ersten Ranges . erteilt wird, praktische Dienst-