Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022029--21653-3046758- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8W Dr. Blochs Wochenfchrfft Slr. 47 Bedag und Delag, Ala und AEG, aber auch der in Geschäften gebräuchlichen Bemerkungen DLM („Das Luder mauft") und ähnlicher vieler. Die Anknüpfungen solcher Witze und humoristischen Bemerkungen an Namen war nicht immer dieser gleichen Art, hat vielmehr eine große Dtannigfaltigkeit hervorgebracht, von denen hier nur zwei erwähnt sein sollen, die beide aus dem alten Judenquartier der Stadt B r e slau stammen. 3m Breslauer jüdischen Gemeindearchiv werden neben anderen recht wertvollen Urkunden und Stammregistern der Juden auch Beschneidungsbücher und das Hebammenbuch der jüdischen Hebamme Wohlfahrt aufbewahrt. Mit Recht. Denn Frau Wohlfahrt hat sorgfältig die Namen und Familien aufnotiert, wo sie die Geschäfte der weisen Frau verrichtete. Hat sie doch unter anderen einen Ferdinand Lassalle „zur Welt gebracht". Sehr komisch, aber auch sehr charakteristisch ist die Federzeichnung vorn im Anfang ihres Buches, wo ein neckischer Zeichenkünstler sie mit ihrer Tasche auf dem Wege zum Orte ihrer Hilfsbereitschaft verewigt hat. Ueber sie sind heute, nach einem Jahrhundert, Poch sehr viele Anekdoten in den alten Breslauer Familien im Umlauf, von denen eine auch an ihren Namen anknüpft. Eines Tages wurde nämlich Frau Wohlfahrt, die der Vermehrung des Lebens ihr Leben widmete, zu einer jungen Frau gerufen, die sich in Erwartung von Mutterfreuden gleichzeitig an den alten jüdischen Arzt und an Frau Wohlfahrt gewendet hatte. Beide eilten schleunigst hin, kamen auch zu gleicher Zeit dort an. Als sie aber eintrafen, wurde ihnen mitgeteilt, daß trotz ihrer großen Eile das Knäblein noch eiliger als sie bereits ohne jede Hilfe eilige* troffen fei. Da brach de.r alte Sanitätsrat in die fliegenden Worte aus: „Wo sich die Völker selbst befrei'n. Da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n!" Um ein halbes Jahrhundert weiter liegt dagegen der an den Namen einer anderen Breslauer Judenfamilre anknüpfende Witz, wenn man ihn so. nennen darf, zurück. Seitdem die Juden in alter Zeit versucht hatten, sich den Griechen in Alexandrien anzugleichein, war der Name Alexander ein häufiger Judenname geworden, und zu seiner Rechtfertigung dichtete die sich entschuldigende Mische Volksseele eine niedliche Legende vom frommen König Alexander dem Groben, dem Makedonierkönig, der als Alexander Mukdan (Makedonier) in der jüdischen Sagenwelt eine überaus große Rolle spielt. Ist doch der Alexanderroman ein eiserner Bestandteil der Legendenwelt ebenso des talmudischen Zeitalters, wie des Mischen Mittelalters geworden. Der Name Alexander hat daher neben anderen griechischen Namen, wie Phoibos (Feiwsl Feibisch — Fabisch) und Todres (Theodoros) und vor ihnen eine feste Stelle behauptet, so daß es immer eine große Menge von Juden mit dem Namen Alexander (Szender—Zender oder Zander) gab und gibt. So lebte um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Breslau ein baumlanger Alexander, den der humoristische Volksmund erst Alexander den Großen, nachher aber hebräisch Alexander Mugdan nannte. Und der Name Mugdan ist ihm und seinen Nachkommen als Familienname bis auf den heutigen Tag geblieben. Schließlich muß man hier auch noch folgende kleine Anekdote anfilgen, die ebenfalls mit einem Namen verknüpft ist. Als im Jahre 1826 Karl Maria.Webers Oper „Oberon" in Breslau zum ersten Male aufgeführt wurde, wollte ein dort weilender polnischer Jude ins Theater gehen. Er war noch nicht recht entschlossen, als er neben sich einen Herrn die Theateranzeige stu-< dieren sah. „Wo's werd' haint gegeben?" fragte er und erhielt zur Antwort: „Oberon, König der Elfen." ..Ah", sagte er, „besten Dank! — Owrohm, kenn ich der helfen (Abraham, kann ich dir helfen)? Dos is a jiddisch Stick, do gei ich Heu." Owrohm ist nämlich die jüdischdeutsche Aussprache des Namens Abraham. Hier beruht der Witz auf der Kontaminierung von Hochdeutsch und Jüdischdeutsche In den Witzen aller Völker im heutigen Europa gibt es Witze der Art, daß man fragt: „Kennst du den Unterschied zwischen dem und dem?" Die Antwort ist dann ein Wortspiel. So fragt einer: ,>Was ist der Unterschied zwischen einem Briefträger und einer Fensterscheibe?", um dann selbst die Antwort zu erteilen: „Der Briefträger läuft erst und dann schwitzt er. Die Fensterscheibe schwitzt erst und 'dann läuft sie." Diese Art von witzig sein sollenden Fragen und Un.Worten gehört ganz in das Gebiet der Wortwitze und hat daher auch stets bei Juden Gefallen und Nachahmer gefunden. So wird gefragt: „Was ist der Unterschied zwischen einer Szukte (Laubhütte) und einer Chuppe (Chuppah Trauhimmel)?" Die Antwort lautet: „Nach der Szukke geit mte mit an Esrog (sprich: Eßrock. Ethrog — Paradiesapfel). Nach der Chuppe etzt me mit'n Gehrock." Zuweilen freilich geht hier der Wortwitz in den Sachwitz über und wird dabei oft boshaft. So, wenn man fragt: „Was ist der Unterschied zwischen einer Chuppe und einer Lewäje (Beerdigung; eigentlich bedeutet Lewaja das Geleit)?", und die Antwort lautet: „Bei der Lewaje begrobt men einen, bei der Chuppe zwei." Trotz dieser scheinbaren Abneigung gegen die Chuppah ist sie doch das Ideal nicht bloß der jungen Mädchen und ihrer Eltern, sondern auch der jungen Männer. Damm spielt der Ehevermittler eine nicht unbedeutende Rolle im täglichen Leben. Der berufsmäßige Ehevermittler heißt „Schadchan". (Fortsetzung, folgt.) Literatur. Erklärung. Erst verspätet erhalte ich Kenntnis von einem Artikel, der am 9. 'Juli d. J. in der „Staatsbürger-Leitung“ unter der Ueberschrift: „Wer macht die Revolutionen?“ erschienen ist. Darin heißt es: „Aber einer hat uns gezeigt, worauf wir unser Augenmerk richten müssen. Es war kein Antisemit, .sondern der jüdische Professor Graetz-Breslau, der die Ergebnisse seines vielbändigen Geschichtswerkes über sein eigenes Volk zusammenfaßt in dem Satze-: Die Revolution ist der Stern Judas. Der mußt es wissen.“ Demgegenüber erkläre ich folgendes:. Seit mehr als 40 Jahren vergeht für mich nahezu kein Tag, an dem ich mich nicht mit der Geschichte meines Lehrers und Amtsvorgängers beschäftigte. Etwa die Hälfte der Bände habe ich selbst im Laufe der letzten fünfzehn Jahre in neuer Bearbeitung herausgegeben. Ich glaube demnach, den Anspruch darauf erheben zu dürfen, daß ich in dem Gesamtwerk Bescheid weiß. Auf Grund dieser Tatsache1 halte ich den Graetz zugeschriebenen Satz: „Die Revolution ist der Stern Judas“, so lange für eine glatte Erfindung, bis nach Band und Seitenzahl der Eundort angegeben sein wird. Die öffentlichen Blätter bitte ich, von dieser Erklärung Kenntnis zu nehmen und sie abzudrucken. Breslau, Ende Oktober 1912. Dr. M. Brann. Julius Rosenfeld: „D i e M a tr i k e 1 f:ü h r u n g der Israeliten in Oesterreich n ach den bestehenden staatlichen Vorschriften.“ (Verlag R. Löwit, Wien, I., Rotenturmstraße 22.) Mit diesem Sammelwerk hat der Verfasser, der Matrikelführer-Stellvertreter der Wiener israelitischen Kultusgemeinde ist, für jedermann, dessen Beruf die genaue Kenntnis der auf die Matrikelführung der Juden in Oesterreich bezughabenden Vorschriften erheischt, ein außerordentlich nützliches Buch geschaffen. Dieses Buch ist nicht nur deshalb nützlich, weil es sehr vieles enthält, sondern vielleicht noch mehr deshalb, weil es so manches nicht enthält, was für den "Praktiker nur als überflüssiger Ballast empfunden werden muß, der die Klarheit beeinträchtigt. Rosenfeld hat sein Buch für die Praxis geschrieben,, und tat recht daran,