Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Blochs WocheErift Seite 805 alt wie Methusalem", gibt es deshalb in allen Sprachen. Bei gar zu alten und schalen Witzen sagt man wohl auch: „Als Methusalem das in der Arche zum besten gab, liefe ihn Noah aussteigen, weil der Witz doch gar zu alt war." Das hat wenigstens soviel für sich, datz dieser Vorpatriarch, dessen Alter sprichwöcklich geworden ist, wenn man die biblischen Zahlen daraufhin durchrechnet, tatsächliche im Jahre der groben Flut sein Ende gefunden hat. Eine Variante führt den ersten Ehekonflikt zwischen Adam und Eva auf die Wiedererzählung eines gar zu alten Witzes zurück. Das jüdischdeutsche Ghetto sagt von solchen Anekdoten sehr bezeichnend: „Dos is a Meitze (Geschichte) mit a Bort." Nun ja. eine Erzählung, die bereits einen Bart bekommen hat, mutz schon ein recht stattliches Alter haben.. Aber doch ist die Erklärung eines alten und als witzig sehr bekannten Talmudgelehrten für diese Redensart nicht von der Hand zu weisen, „Natürlich hot a alte Meitze a Bort", sagte er, „denn jeder, der sie erzählt, legt a Hör (ein Haar) dazu." Die Anekdoten und Geschichten. die in diesem Zusammenhänge hier milerzählt werden müssen, sind zum Teil sogar recht alt. Sie sind aber doch modern, weil sie, von Mund zu Mund erzählt und von Geschlecht zu (Geschlecht weiter gegeben, sich stets in neue Formen kleideten und sich ihrer Umwelt anpatzten. Die Juden neigen zum Wortwitz, da sie dem gesprochenen Wort ernenn ungebührlich groben Wert beilegen. So spielt bereits in der biblischen Literatur der Wortwitz eine grotze Rolle und die Beurteilung der Worte And Buchstaben hat seitdem nur zugenommen. So sind die modernen Juden noch immer unter diesem Einflüsse ihrer Wort- und Buchstabenseligkeit, und ihr Witz ist zum groben Teile Wortwitz. Das trifft vor allem in der früheren Generation auf Saphir zu. Aber ebenso bestand bereits ein grotzer Teil des Volks- Humors im alten Ghetto ausschlietzlich aus Wortwitzen. Nicht minder erfreut sich das grotze Ghetto in Berlin, in dem 150.000 Juden wohnen, ohne zu merken, datz sie sich gegen ihren. eigenen Willen mehr national abgeschlossen Haben, als es die jüdischen Nationaltheoretiker wünschen können, dieses unsichtbare, aber sehr reale Ghetto, noch immer an Wortwitzen. Man braucht nur das witzige Musiklexikon von H. Osmin aufzuschlagen, um das auf jeder Seite zu sehen. Auch von Mund zu Mund gehen solche Witze. So fragt ein Jude den anderen, ob er wützte, wie man hebräisch dem Kutscher befiehlt: „Vorfahren!" Die Antwort lautet: „Owetz awausseine" (Abot Abotenu, wörtlich die Väter unserer Väter, d. h. die Vorfahren). Der Witz Wippchens. d. h. Stettenheims, ist zum groben Teile ebenso Wortwitz, und das nicht jüdisch sein wollende Witzblatt des „Berliner Tageblatt", der „Ulk", der Mir von Juden geschrieben und redigiert und zum gröhten Teile auch nur von Juden gelesen und goutiert wird, bietet Gutes nur noch in Wortwitzen. Daher ist der Briefkasten der Redaktion, in dem die Druckfehler anderer Blätter verarbeitet und verspottet werden, das einzige wirklich Witzige in diesem ganzen Witzblatt. Aber auch grotze jüdische Meister der Sprache und des Witzes haben den Wortwitz nicht verschmäht. Dabei steht ein Heinrich Heine obenan, der nicht blotz seinen Hirsch Hyacinth ganz famillionär behandeln lätzt. Datz in solchen jüdischen humoristischen Erzählungen, wie „Die Killeberger", „Am? Freitag Abend" oher „Aus dem Notizbuch des Onkel Jonas", der Wortwitz eine grotze Rolle spielt, ist in diesem Sinne durchaus verständlich. Aber ein grotzer Teil dieser Witze ist nicht von den Verfassern dieser Bücher erdacht, sondern bereits dem Volksmunde entnommen worden, so wenn man den Stoff Ging-Gang mit der hebräischen Wortverbindung Holech-Jeilech (Haloch-jelech, gehen, ja gehen wird er) ins Hebräische übersetzt. Natürlich wird der Wortwitz im Zusammenhang mit dem Schnorrerwitz besonders gepflegt. Die Schnurren erzählenden Wanderbetiler sind ebenso die Verfasser und Verbreiter wie dje Objekte solcher Wortspiele mit witziger Bedeutung. Von ihnen wurde sogar diese Art jüdischen Witzes ganz besonders gepflegt und knüpft an s>- an. . *,*: ..;_i Im allgemeinen werden jüdische Witze auch heute noch in Berlin stets mit einem Anklang an den deutschen Judendialekt erzählt, wobei man im allgemeinen eine bessere Erhaltung des jüdischdeutschen Dialektes bei Christen und getauften Juden, als bei stammestreuen Juden bemerken kann. Dabei spielt in diesem Dialekt der Tonfall eine besonders starke Rolle. Das Wörtchen „Nu" (abgekürzt aus dem deutschen „nun") wird in allen möglichen Nüancen betont, und es gibt eine witzige Erzählung, wo sich angeblich zwei Juden ausschlietzlich mit dem genannten kleinen Wörtchen in verschiedenster Betonung längere Zeit unterhalten, und schlietzlich mit einem kurz betonten „Nu" auseinandergehen, das die Bedeutung hat: „Das Ganze war nicht der Rede wert."*) Hierhin gehören solche Fragen, wie was konsequent und was inkonsequent sei. Die unbedingt richtige Antwort liegt ausschlietzlich in der Betonung. Diese Antwort lautet: Konsequent ist: heute so und morgen so! Inkonsequent ist dagegen: heute so und morgen so! Die Betonung im jüdischen Volkswitz nimmt eine so grotze Stellung ein, datz ein sehr grotzer Teil dieser Witze ohne die Betonung, die mM eine singende ist. unverständlich bleibt. Die so innige und ernste jüdischdeutsche Partikel des Mitleids „Nebbich" hat auf diese Weise längst auch einen spöttischen Nebensinn angenommen, der nur durch die Betonung entsteht. Eine ganze Reihe von jüdischen Witzen in alter und neuer Zeit knüpfen 0|it Namen an und gehören damit zu den Wortwitzen. Auch von dem sagenberühmten Rabbi Jehuda Löwe (Arje) ben Bezalel in Prag, dem hohen Rabbi Leib, werden solche witzige Anekdoten erzählt. Er hatte mit seinem späteren Nachfolger, dem Verfasser der „Zehn Gewänder", dem nicht minder bedeutenden Rabbi Mordechai Iasfe (gewöhnlich Mordche Jefei genannt), eine talmudisch-philosophische Diskussion und hatte feinem polemisierenden Sendschreiben den biblischen Satz hinzugefügt: '» n«. Der Löwe (er hietz selbst Arje Löwe) brüllt, wer wird sich nicht fürchten?" (Amos II, 8.) Als Mordechai Jaffe das Sendschreiben erhielt und den Schlutzsatz las, machte er nur über dem Wörtchen '» zwei kleine Strichlein. die eine Abkürzung Anzeigen. Dadurch aber gewann der Vers nunmehr folgende Bedeutung: '•owarnu- „Der Löwe hat gebrüllt, M. I. (Anfangsbuchstaben von Mordechai Jaffo) hat keine Furcht!" Diese Art von Bemerkungen wirkte unmittelbar auf die talmudisch geschulte Judenheit, da sie jeden Augenblick sich teils solcher Abkürzungen bediente, teils auf solche mit ihren Ausdeutungen im talMudischen Schrifttum hingewiesen wurde. Die Zusammenfassung von Namen und Sätzen in zu einem willkürlichen Worte verbundenen Abkürzungen ist den Juden so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, datz sie sie auch in reichem Matze in die moderne Geschäftswelt übertragen haben, wo durch ihre Bedeutung auch ihre Gewohnheit, Abkürzungen zu gebrauchen, die aus Anfangsbuchstaben (populär „Roscheteiwes" genannt) bestehen, es Brauch geworden ist, für Gesellschaften und Firmen, aber auch sonst zu künstlichen Worten zusammengezogene Anfangsbuchstaben zu gebrauchen. Man erinnere sich nur der vielen *)3u den imHipponax mitgeteilten angeblichenMedenSarten der Juden, spielt das Wörtchen »Nu" auch keine geringe Nolle.