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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-22 · 47 (22.11.1912) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 800 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 47 der Kultusgemeinde eine Sitzung einzuberufen verpflichtet ist, wenn hiezu ein Antrag mit Angabe der Tagesordnung von 6 Kullusratsmitgliedtttt gestellt wird. Wohl bemühte ich mich vergeblich, die nötigen 6 Unterschriften zusammenzubringen, weil es im gegenwärtigen Kultusrate nur wenige gibt, die den Mut aufbringen, Sie an Ihre Pflicht zu ermahnen, nichts destoweniger überzeugte ich mich, datz viele derselben es schmerzlich empfinden, wenn heute vom Kultusrate, der nur ein Scheindasein führt, mit Hohn und Geringschätzung gesprochen wird und Schauerdinge aus der Kultusgemeinde erzählt werden, ohne daß dieselben all dem entgegentreten können, weil sie über die Vorgänge in der Kultusgemeinde schon mehr als 5 Monate nicht informiert sind. Dies zu Ihrer gefl. Kenntnisnahme. Hochachtungsvoll Selig Wagfchal Kultusrat. Herr Wagfchal hat auf dieses Schreiben keine Antwort erhalten, auch ist eine Sitzung des Kultusrates nicht einberufen worden. Rom. Die Regierung hat dem Oberrabbiner Herrn Dr. Margulies in Florenz als Obmann des Falascha- Komitees mitgeteilt, daß sie in Eritrea konstenlo s ein T e r r a i n zur Erbauung der Falascha-Schule zur Verfügung stellt. Die jüdischen Abgeordneten der vierten Duma. Die „91. I. K." meldet: Bisher sind in die neue russische Reichsduma drei jüdische Abgeordnete gewählt worden. In Kowuo wurde der frühere jüdische Abgeordnete Friedmann wiedergewählt. In Kurland wurde Dr. Gurewitz und in Lodz Doktor Bomasz gewählt. Die letztgenannten zwei Abgeordneten sind in der breiten jüdischen Oeffentlichkeit wenig bekannt, haben sich aber im jüdischen Leben ihrer Wohnorte erfolgreich betätigt. Alle drei jüdischen Abgeordneten werden sich voraussichtlich der konstitutionell-demokratischen Partei anschließend' Konferenz russischer KauflMte und Industrieller zu Gunsten der Juden. Aus Petersburg wird uns berichtet: Der Rat der russischen Großkaufleute und russischen Großindustriellen beschloß in einer dieser Tage abgehaltenen Sitzung, im Laufe des nächsten Monates einen Delegiertentag sämtlicher russischer Handels- und Jndustriellenorganisationen zu dem Zwecke einzuberufen, um über die Notwendigkeit einer ehetunlichsten Abänderung der russischen Judengesetze zu beraten und Beschlüsse zu fassen. Angeblich soll die Bewilligung der Regierung für eine solche Konferenz erzielt worden sjein. Mit Rücksicht darauf, daß diese Konferenz, die ihrem Umfange nach einem Handels¬ und Jndustriellenkongreß gleichkommt, in Petersburg stattfinden solle, wird dieselbe, da die Juden zumeist in Petersburg kein Wohnrecht haben, fast ausschließlich von nichtjüdischen Delegierten beschickt werden. Verurteilung Meiär Mischer Redakteure wegen Verteidigung der Mischen Rechte. Wie uns aus Wilna berichtet wird, wurden dieser Tage die Redakteure der in Wilna erscheinenden jüdrischen Zeitungen der ,,Tog" und „Hasmän" zu größeren Geldstrafen verurteilt. Der Prozeß wurde diesen Blättern dafür gemacht, daß sie in größeren Artikeln die Haftung der russischen Regierung gegen die Juden bezw. die Unterdrückung der arbeitenden Klasse mißbilligten und verurteilten. Besonders im „Tog" wurde darauf hingewiesen, daß die russische Regierung sich selbst mit den bestehenden gegen die Juden gerichteten Gesetze nicht begnüge und in ihrem Antisemitismus die jüdische Bevölkerung noch über das Maß dieser Gesetze hinaus verfolge und bedrücke. Leo Brodsky verläßt Rußland. Aus Paris wird berichtet: Wie Man aus gut unterrichtetem Kreise erfährt, wird der auch im'Auslande bekannte jüdische Millionär und Philanthrop Leo Brodsky binnen kurzem für immer Rußland verlassen und sich in Paris niederlassen. Vor seinem endgültigen Abschiede aus Rrßland wi:d Le) Brodsky aus eigenen Mitteln eine zweite jüdische Gewerbeschule in Kiew errichten. Leo Brodsky, der als reichster Jude in Rußland gilt, hat in den letzten Jahren, besonders seit jenen blutigen Oktobertagen der Massakres vom Jahre 1905 unter dem Antisemitismus zu leiden gehabt, mit welchem in Rußland die offiziellen und nicht offiziellen Kreise auch die Reichen verfolgen. Während jener schrecklichen Oktobertage im Jahre 1905 haben die Huligans auch das Brodskysche Haus angegriffen und zuM Teile de-> Mollert, das Leben seiner Eltern war aufs äußerste bedroht, und als er zu ihrem Schutze auf die blutdürstigen Huligans schoß, wurde er, der als Kadett im russischen Heere diente, aller seiner besonderen Rechte, für deren Erlangung seinem Vater unglaubliche Summen erpreßt worden waren, für verlustig erklärt, weil er in seiner Notwehr auf Räuber und Mörder geschossen hatte. Er errichtete und unterhielt in Kiew ganz aus eigenen -Mitteln eine höhere Gewerbeschule unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dieselbe für Juden und Christen in gleichem' Maße zugänglich sei. Trotzdem hat die Regierung für diese Anstalt nur eine sehr geringe Perzentnorm für jüdische Kinder statuiert. Leo Brodsky errichtete eine Talmud-Thoraschule in Kiew, in welcher auserlesene Lehrer den Unterricht erteilen. Kaum war. die Schule im Aufblühen begriffen, als die Polizei sämtliche Lehrer der Anstalt aus Kiew ausMies. trotzdem Brodsky ihnen noch unter Plehwe mit großen Geldopfern ein ständiges Wohnrecht in Kiew etwirkt hat.: Erst in jüngster Zeit führte die Regierung einen neuen Hieb gegen Brodsky. Für die großen Verdienste, welche sich Brodsky um die Förderung und Entwicklung des Rübenbaues und der Zuckerfabrikation in Rußland erworben hat. wurde er zuM Präsidenten des Verbandes der Zuckerproduzenten gewählt, und als solcher hat er Hervorragendes geleistet. Nun kam ein Erlaß der Negierung daß an der Spitze eines solchen Verbandes nicht ein Jude als Präsident stehen dürfe. Trotz des Protestes der Zuckerfabrikanten, die auf die überaus großen Verdienste ihres langjährigen Präsidenten hinwiesen, hielt die Regierung ihre Maßregel aufrecht. Alle diese Schikanierungen, sowie die Angst vor Pogromen, welche alle Kiewer Juden, ob arm oder reich, seit dem ominösen Beihliß-Prozeß und der Ermordung Stolypins ununterbrochen auszustehen Haben, reiften in dem Kiewer Millionär und Philanthropen Leo Brodsky den Entschluß, diesem Lande der Rechtlosigkeit für immer den Rücken zu kehren. Die Juden in Adrianopel. Adrianopel, das gegenwärtig allgemeines Interesse auf sich lenkt, ist eine Stadt Mit einer uralten Judengemeinde. Gegenwärtig zählt die Stadt 17.000 jüdische Seelen, gegenüber einer Gesamtbevölkerung von 81.000. Die Geschichte der Juden in Adrianopel kann bis in das vierte Jahrhundert unserer Zeitrechnung zurück verfolgt werden. Adrianopel bildete, von jener Zeit angefangen, mit geringm Unterbrechungen bis auf unsere Tage ein wichtiges jüdisches Zentrum. In Adrianopel War die Lage der Juden im' Verhältnis zu den übrigen Ländern eine günstige, so daß diese Stadt wiederholt verfolgten Juden aus anderen Staaten als Zufluchtsstätte diente. Für den verschiedenartigen Ursprung der Juden von Adrianopel spricht auch die Tatsache, daß es in

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