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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-22 · 47 (22.11.1912) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 796 Dr. Blvchs WocheMrfft Nr. 47 Jahresbeitrag, zunächst für die Dauer von 3 Jahren, zu ermöglichen. Das hohe Verdienst, zu einer solchen Großtat jüdischer Menschenliebe, helfend die Hand geboten zu haben, möge allen denjenigen zur Seite stehen, die gemeinsam mit uns an der Errichtung und Erhaltung dieses Liebeswerkes sich beteiligen. „Glücklich derjenige, der armen Kranken seine verständige Fürsorge zuwendet, .am Tage des Unglücks wird Gott ihn erretten." (Psalm 41, 2.) Vorsitzender des Komitees ist Herr Rabbiner Dr. S. C arleb ach. Lübeck, an den Anmeldungen für Jahresbeiträge zu richtzen sind. Außerdem ist der Aufruf unterzeichnest von den Herren B. E. Eitje, Präses der Pekidim, Amsterdam, Dr. med. Josef B o n d i, Wien, Hermann C.r a me r, Frankfurt a. M., L. Davids o h n, Warschau. Dr. med. M. Erlanger, Luzern. Kommerzienrat Louis F e i st, Frankfurt a. M., Jacob Goldschmidt. Hamburg, M. Katzen stein, Hameln. S. Meijer, Brüssel, Wolf Mo eile r, Altona, S. Persitz, Moskau, Hillel Zlatopolsky, Kiew. Geldsendungen nimmt entgegen die Reichs b ank Eiro-Conto Lübeck für Louis Wolff, oder Postscheckkonto Hamburg Nr. 6376 für Alexander Carlebach. Saloniki und die Juden. Gerade an dem Tage, an welchem Saloniki von den Griechen besetzt wurde, erschien in der angesehenen englischen Zeitung „Obsewjer" aus der Feder des in großem Ansehen stehenden englischen Journalisten I. L. Garvin ein Artikel, in welchem er den Vorschlag macht, um der Streitfrage wegen des Hafens von Saloniki ein Ende zu machen, diesen Hafen als neutral mit einer jüdischen Munizipalität zu erklären. Mr. Garvin erklärt in seinem Artikel, daß er diesen Vorschlag nicht nur als ein interessantes Experiment mache, sondern auf Grund der historischen Entwicklung, welche die Stadt und der Hafen von Saloniki gerade durch die Juden durchgemiacht haben. . . Saloniki — heißt es in diesem' Artikel — sollte eine freie .Munizipalität und ein Freihafen unter internationalem Schutze werden. Es besitzt vielleicht die merkwürdigste und berühmteste Judengemeinde der Welt. Die Majorität der -Bewohner sind Juden. Die Führung von Saloniki als Freistadt und Freihafen durch die Jm den wäre einerseits ein Experiment von tiefstem Jntereffe, aber andererseits muß auch bedacht werden, daß zu einer Zeit, wo alles nach den Prinzipien der Raste und der Nationalität geregelt werden soll, auch die Frage der Verwaltung dieses mittelländischen Hafens, wo die Juden eine prädominierende Stelle einnehmen, nach diesem Prinzip geregelt werde. Wäre Lord Beaconsfield (Disraeli) noch am Leben, er hatte diese Idee sicherlich aufgeworfen. Mr. Garvin nennt diese Lösung eine wohl unverhoffte, aber praktische Form des Zionismus oder richtiger Territorialismus und rechnet damit, daß die Juden der ganzen Welt einem solchen Plane mit Sympathie begegnen würden. * * * Die „Agerice d'Athenes" setzt den Gerüchten über eine feindselige Haltung der Israeliten in Saloniki gegen die Griechen ein kategorisches Dementi eMgegen und stellt fest, daß Griechenland umsomehr auf die Sympathie und den Patriotismus der Israeliten rechnet, als es eines der ersten Länder war, das den Israeliten volle Gleichberechtigung gewährt hat. Uebrigens hat der König bei seiner letzt n Fahrt durch Theffalien in Trikala im Hause eines israelittschen Notabeln gewohnt und Griechenland ist der einzige Staat des Orients, wo Israeliten im Staatsdienste, auch als Richter, tätig find. Die Rasseuzugehörigkeit der Jude». JmBerliner „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach im überfüllten Oberlichtsaal der Philharmonie, der gesperrt werden mußte, der Berliner Anthropologe Dr. v. Luschan über die Rassenzugehörigkeit der Juden. Er ging von der Frage aus, wie verhalten sich die Juden zu den Semiten, und wie diese zu den anderen Rassen, wobei er gleichzeitig hervorhob, daß der Rassebegriff ein sehr unklarer ist und es überhaupt fraglich ist, ob es irgendwo eine reine Rasse gibt. Man spricht deshalb vorsichtiger von menschlichen Gruppen, die zusammengehälten werden durch gemeinsame Sprache, religiöse und politische Einheit und Körpereigenschaften. Die Ethnologie der vorderasiatischen Völkerschaften ist jetzt restlos gelöst. In einsamen Tälern des Hochgebirges findet man Sektierer, die alle somatisch ähnlich sind und so aussehen, wie sie vor vielen Jahrtausenden ausgesehen haben. Von semitisch Sprechenden kennt man aus dem Altertum die Babylonier, Assyrier und die große Gruppe der Hebräer, Phönizier und Aramäer, die 1000 o. Ehr. - die alphabetische Schrift erfunden. Die Typen gehen aber auseinander. Man kann eigentliche Beduinen unterscheiden, kleinnasig, langschädlig, und die Syrier mit kurzem, hohem Schädel, großen Nasen. Beide nicht verwandt. Nur die Beduinen find rasserein,-die lange vor Mohammed nach Syrien gekommen und ihre Kultur der vorsemitischen Bevölkerung, von der heute noch Reste vorhanden, aufgedrängt, haben. Aus alten Inschriften erwähnt er eine Inschrift, in der diese Hethiter als Ackerbauer genannt werden, die von einer semitischen Dynastie unterjocht sind. Der König der Dynastie zeigt aus dem Relief dieselbe Schläfenlocke, wie die orthodoren Juden sie noch heute tragen. Was die Schädel der Juden änbetrifft, so haben Messungen hauptsächlich an Lebenden ergeben, daß zwei' Typen Vorkommen, einer hoch und kurz, einer lang und niedrig, und dieser Typus findet sich bei Mischehen beider Typen meistens wieder rein bei den Kindern. Ein Vergleich der Schädelkurven bei Juden, Griechen und Türken ergibt dieselben Typen in nahezu parallelen Kurven. Vortragender geht zum Schlüsse auf die Zukunft der Juden ein, die nach seiner.Meinung parallel läuft mit der der europäischen Kulturvölker in den Großstädten. Wie hier Tuberkulose, Alkoholismus und Syphilis die.Städter dezimiert und nur der Zuzug vom Lande neues Blut herbeischafst, so geht es den Juden. Je mehr sie sich vom Ghetto entfernen, um so mehr verlieren sich ihre sozialen, anthropologischen, rassehygienischen Eigenschaften. Sie gehen an denselben Seuchen zugrunde, indem sie das . musterhafte Familienleben des Ghetto aufgeben. Für die Juden' ist der unkultivierte Osten das, was für die Großstädte dös Land ist. Christen und Juden haben gemeinsame Interessen,° sie kämpfen gegen die Schäden der Kultur. Die Juden sind die Erben einer uralten ehrwürdigen Kultur, sie, sind, unsere Mitarbeiter und Streitgenössen um die höchsten Güter t>et' Menschheit, "üin Fortschritt und geistige Freiheit. . ' . Zum Artikel des Herrn Oberstabsarztes Dr. Oswald Byk: Kompromiß für die Krrltusrvahlerr." (Eine Gegen-Glosse) Von Dr. Heinrich Schreiber. 15. November 1912. Gustos und — noch etwas anderes sind verschieden. Opportunitäten über sind wie die — Gustos. Auch sie sind verschieden. Auch kann man nicht über Gustos und nicht über Opportunitäten streiten oder eigentlich, um' das alte Sprichwort ad absurdum zu führen, Man kann über nichts so viel streiten, als über sie. Aber nicht um zu streiten, habe ich zumWort und zur Feder gegriffen, sondern um auf einige Bemerkungen zurückzukommen, welche in dem letztwöchentlichen Artikel des Herrn Dr. Oswald Byk und in seinen Glossen. zum Kompromiß sür die diesjährigen Kultuswahlen ausgesprochen waren. Das ist doch sicher, daß das Kompromiß eine Opportunität ist und deshalb, sowie sintemalen es im Zeichen der Friedfertigkeit und zur Herbeiführung eines Friedens getroffen wurde, darf und soll nicht schon jetzt ein Streit darob entbrennen. Uebrigens pflegen wir Juden in verzwickten Lagen und verwickelten Fällen, die nicht leicht geklärt und gelöst werden können, uns eine Art des allerdings in diesen Tagen nicht zu besonderen Ehren gelangten „Kismet" zurechtzulegen. Wir sagen: Auch das ist zum' Guten. Wohlan denn, so sagen auch wir: Auch das Kompromiß ist zum Guten: oder vielmehr: wir müssen trachten, ihm seine guten Seiten abzugewinnen und vor allem es zum Guten zu wenden.

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