Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 79 4 Dr. Mochs Wochenßch M Warschau entpuppen. Wa-, >ich jenseits der Grenzpsähle nicht recht zu halten vermag, kommt hierher, mit seinem lange gedämpften Groll, und kühlt -hier sein Mütchen an den noch Schwächeren, über welche es hier auch unwillkürlich zu herrschen,, ja geraden verfügen zu können vermeint. 2B$nn in Warschau die Juden anläßlich der am 7. d. M. stattgejündenen Wahren zur russischen Reichsduma ihre Stimmen zugun,ien eines sozialistischen chrqiUch-polnijchen Kandidaten JazieUo in die Wagschale geworfen Häven und hmlertrieden haben die Wahl der anii>emitischen bürgerlichen Bewerber, welche Mach gr u n d s ätzlich und programmmägig auf dem Standpunkte der ferneren Beibehaltung der Entrechtung der Juden auch m den Körpern der künftigen Gemeindeverwalrung ausdrücklich zu stehen erklärt haben. Jawohl, wenn die IUdyLyen Bewohner Warschaus stch nicht terrorisieren., und einschüchtern lassen, um geradezu ihre Einwilligung zur weiteren Knechiung selbst kn den autonomen Aerwaltungslörpern der Zukunft zu geben — da wird furchtbarer Lärm geichlagen, sämtliche Krregsrrommeln werden gerührt und ein ökonomi>cher Kreuzzug gegen die Juden gepredigt. Und dies geschieht Nicht nur in Warschau, wo dieser Wmausoruch noch menschlich verständlich wäre — ja dre Lemberger liveralen Blätter, wie d»e „Gazeta Wieczorna" <z. L. vom 9 d. M.), schen sich veranlaßt, hier in Galizien so.ganz allgemein von der Atotwenoigkeit einer rücksichtslosen Bekämpfung (sic!) und Boykottierung der jüdischen Burger in besonders leidenschaftlicher Weise zu sprechen. Dabei mutz man erwägen, daß der ökonomische Kampf der vom Landesausschusse, den Behörden und den Hurrapatrioten besonders geföroerten und unterstützten sog. Agrarischen Zirkel (Koina roinicze; gegen den jüdischen Kaufmann besonders vehement — und leider auch zum Teil sehr erfolgreich — geführt wird. Die Bauern als Schöpfer eines antijüdijchen Konkurrenzgeschäftes, das ist das typische Bild des jüdischen Geschäftslebens in der kleinen Provinz. Die Folgen bleiben auch Nicht aus. Erft vorige Woche ist in der „sJt. F. Pr." eine Aufforderung zur Erhaltung des galizischen Kausmannsstandes von berufener Hand .erschienen. Nur leider ist das Meiste dort mit chemischer Tinte geschrieben. Es ist nicht weniger als eine Anklage gegen die galizischen Eeldmächtigen und Wirtschaftspolitiker, deren Losungswort: Vernichtet den jüdischen Kaufmann! lautet. Eine Enquete tritt in Wien zusammen, um über Mittel und Wege zur Abhilfe in der gegenwärtigen überaus mißlichen Lage zu beratschlagen, eine Leichenfeier erster Klasse, wie sie treffend bezeichnet wird, dort sitzen und schweigen auch die Judeopolen. Vieles wird erwartet. Allein wir erfahren nur Tröstungen. All das ist bloßer Humbug und eitel Geschrei. Höchstens schlechte Konjunktur, llebrigens gibt die Oesterr.-ung. Bank den Geldnehmern denselben Betrag, höchstens zu etwas erhöhtem Zinsfüße, her. Aber anders die Wirklichkeit. Ein Fachmann spricht von ehrenwerten Firmenträgern, die, wiewohl aktiv, wegen Bargeldmangel chre Zahlungen einstellen, erwähnt Hunderte von gefallenen Kaufleulen der letzten zwölf Monate. Dieser Wiener wirst Zählen auf den Tisch und bittet, man möge den „galizischen" Handelsstand nicht zugrunde gehen lassen. Woher diese Erscheinung. Nun hier wird eben unter der Blume gesprochen. Statt „gallischen", lies „jüdischen", und alles wird mit einem Schlage klar und deutlich. Man mutz nämlich bedenken, datz hierzulande die Juden in gewisser Beziehung daran schlimmer sind als selbst in Rußland, wo sie sich wenigstens im Handel ziemlich entfalten mid zur Geltung kommen können. Die Zuckerfabrik in Przevorsk, ein großer Faktor im galizischen Wirtschaftsleben, ist unerhört judenfeindlich. So hat dieselbe z. B. vor zwei Wochen den bedeutend billigeren Zucker der neuen Kampagne an die christlichen Kunden am Samstag, an die jüdischen hingegen ausnahmslos im ganzen Lande erst Montag, bezw. Dienstag, zur Versendung kommen lassen. Schaden mannigfacher Art ist die Folge. Gewiß wird Geld hergegeben —, allein an wen? Die galtzische Landesbank wendet gewiß chre Sorgfalt den Banken zu — mit Ausnahme der jüdischen Bankinstitute. Hunderten dieser Institute wird der Geldzuflnß abgeschnitten, ihre Wechsel werden nicht honoriert Infolgedessen müssen dieselben natürlich dem jüdischen Kaufmann die Prolongierung der Schuld verweigern, welchem Ansinnen jedoch nicht raus einmal -entsprochen werden kann. Dazu die Abnahme und die Schwächung des Leinen Mischen Händlers, welcher der verheerenden Wirkung des Boykottes unmittelbar ausgesetzt ist, und das Bild wird vollständig. Der Fabrikant sieht in der Dämmerung die bösen Hände ihr verderbliches Spiel treiben und fleht deren Lenker um Gnade und Hilfe an — allein die versammelten Herren sprechen von einer schönen Mittagssonne, höchstens ein bischen bewölkt. Gewiß! Nicht, der galizische Kaufmann schlechthin ist gefährdet und unterminiert, darin haben die polnischen und die „polonistischen" Herren Recht, allein der „galizische", sage der jüdische, Kaufmann wird grausam bekämpft und geschwächt, zur Einstellung seiner Zahlungen und seines Gewerbes konsequent getrieben, das meint und will auch, allerdings mit etwas anderen Worten, der Vertreter der Wiener Industriellen gesagt, haben. Zu allen llebeln tritt noch die „Diplomatie" mancher jüdischen Polonisten in führender Stellung hinzu. Die; „draußen" „natürlich" mißliebige ALion der „Jca" zugunsten des bedrohten kleinen Mannes wird ungewöhnlich lässig betrieben und ist schon offenbar am toten Punkt angelangt. Um also nicht in Mißkredit zu kommen, Gott bewahre, als Philosemilen zu gelten, gehen die „Polonisten" in die jüdischen Reihen, nehmen die Fäden in ihre Hand, lassen sich alle Ehrenstetten in die Faust spielen, — tun aber vorsätzlich selber nichts und lassen andere nichts tun. Dem wahrscheinlichen Verdachte und dem möglichen Vorwurfe der Förderung „jüdischer" Jutereisen müssen die jüdischen „Polonisten", durch den Verrat an den eigenen Brüdern Vorbeugen. Daher das Uebel. Großrabbinat der Türkei. Aufruf! An die Juden aller Länder! Nach den mannigfachen und schweren Prüfungen, Massenbrande, Cholera und Erdbeben, die im Laufe der letzten Jahre das Judentum unseres Landes heimgesucht haben, ist nun eine Katastrophe von unsagbarer Furchtbarkeit über uns hereingebrochen. Der Balkankrieg hat alles verwüstet, was in den Städten und Dörfern der europäischen Türkei — mit alleiniger vorläufiger Ausnahme von Konstanunopel, Saloniki! und bis zu einem gewissen Grade auch Adrianopel — an jüdischem Besitz: Böden, Häuser, Bauernwirtschaften, Handelslagern und beweglicher Habe, vorhanden war. Schwert und Brand haben alles weggefegt und dem Erdboden gleich gemacht. Zahlreiche friedliche und unschuldige Menschenleben sind dieser blutigen Orgie zum Opfer gefallen. Zu Tode erschreckt, halb nackt, entblößt von allem Notwendigsten, hinausgehetzt in die furchtbare Oede der Herbstnacht, die rauhe Stürme und Regengüsse durchtoben, haben unsere unglücklichen Brüder in wilder Flucht ihr Lehen zu bergen suchen müssen. Durchfroren, halb verhungert, verwundet und verstört, wie die Tiere verjstaut in überfüllten, gefährdeten Bahnzügen, zum> Teil sich zu Fuß hinschleppend, sind sie endlich in der Hauptstadt angelangt: hilflose Mütter und bleiche Kinder, Greise am Bettelstab, verzweifelte ruinierte Männer, eine Flut von Schrecken und Not in unsere ohnedies schon schwer heimgesuchtjen und verängstigten jüdischen Stadtviertel ergießend. Die Gemeinden von Mustapha-Pascha, Kirk-Kilisse, Bunar-Hissar, Viza, Lule-Burgas, Baba-Eski, Demotika, Silivrie, Tschorlou und in zahllosen Dörfern d,er Provinz existieren nicht mehr. Ihre Reste lagern in unseren Synagogen und Wohnhäusern, die sich barmherzig ihnen öffneten. Jeder Tag bringt neue Scharen von Flüchtlingen. Adrianopel und Saloniki sind gleichermaßen überflutet und richten verzweifelte Hilferufe an unsere Hauptstadt. Wir haben nach Maßgabe menschlicher Kräfte versucht, dieses Elend zu lindern. Wir haben den Hungernden Brot gegeben, den Entblößten Kleidung, den Mn den eine Bettstatt, den Durchfrorenen die Wohltat des wärmenden Feuers. Aber unsere Kräfte müssen bald versagen. Die zur Verfügung stehenden Mittel,'welche unsere