Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 784 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 46 Rebbe in Breslau passieren, der ihn getraut hat, und erzählt sie gelegentlich seiner Hochzeit.') Das erste Mal, daß der Judenwitz als eine besondere Abteilung in der deutschen Anekdotenliteratur auftritt, scheint im Jahre 1814 gewesen zu sein. Das Taschenbuch „Hipponar"") enthält in seinem einzig erschienenen ersten Jahrgange auch eine Abteilung: „Judenwitz", abgesehen r-on einzelnen im Buche unter andern Rubriken verstreuten Judenerzählungen. Obwohl die Juden allezeit gute Reiter waren, auch im deutschen Ghetto, wo sie namentlich einen sehr hohen Verhältnissatz zu den Pferdehändlern stellten, kann es nicht fehlen, daß der übliche Witz über die Sonntagsreiter auf die Juden angewandt wird: „Ein in der edlen Reitkunst nicht erfahrener Jude bestieg ein Roh, welches scheu wurde, und seinen unzulänglichen Bändiger mit einem Luftsprung herunterwarf. Die Umstehenden lachten. „Mei", sagte der Jude, „was utzt ihr euch, ich kann doch nicht da obe hänge bleibe." Der alte Witz, daß ein Verurteilter um die Gnade ersucht, statt am Spiehe zu sterben, gerädert werden zu dürfen, weil er zu kitzlich wäre, um das Gespießtwerden vertragen zu können, wird im Hipponar auf einen Juden übertragen?) Alte Gauner- und Schelmenstreiche, die man in den älteren Schelmenbüchlein bereits früheren Jahrhunderten als leckere Kost vorgefetzt hatte, finden als Judenwitz auch im Hipponar ihre Auferstehung?) Ein Jude, der gestohlen hatte, wurde an den Pranger gestellt, der unmittelbar unter dem Rathause angebracht war. Das Volk neckte ihn. „Nu, wie kommt ihr mir vor," sagte er, wenn's die Herren da obe haben wollen, müht ihr auch daherstehn."') Wenn man die Art kennt, wie man mit armen Juden gerichtlich verfuhr, wie man ihnen jeden Diebstahl. der irgendwie begangen wurde, auf das Konto setzte und sie mit der Folter zum Geständnis zwang, um ihnen nachher die Strafe und die Schandmale aufzudrücken, dann versteht man, dah diese Witze von jüdischen Dieben von Mund zu Mund gingen, weil man ja ohne weiteres sich bemühte, jeden begangenen Diebstahl auf arme Juden abzuschieben. In diesem Sinne haben die folgenden Gaunergeschichten des Hipponar auch noch einen weiteren kulturhistorischen Sinn: Ein Hebräer wurde wegen verübter Schelmenstreiche zum Abschneiden der Ohren verurtheilt. Als der rothe Mann alle seine Fakultätsmeubeln zurecht gelegt hatte und ihm die Haare zurückschlug, um zur Operation zu schreiten, fand er zu seinem Erstaunen, dah der Delinquent bereits früher um diesen Schmuck seines Hauptes gekommen war. Er gab ihm eine handgreifliche Ermahnung. aus Aerger wegen seiner getäuschten Hoffnungen. „Nu," sagte der Jude, „kann man denn vor euch Schelmen etwas behalten?"* * * * * 7 8 * 10) Eine Variation dieser Anekdote, die ihre Verwandtschaft deutlich zeigt, folgt unmittelbar darauf. Ein Erzgauner von einem Juden beging einen Diebel A. H. Heymann: Lebenserinnerungen. Nach seiner Niederschrift herausgegeben von Heinrich L o e w e. Berlin 1909, Seite 206/07. *) Hipponax. Ein Taschenbuch für Freunde heiterer Laune. Herausgegeben von Castor und Pollux. Jg. 1, mit illustrierten Kupfern. Frankfurt a. M. 1814. 7) Auch Eulenspiegel verbietet in seinem Testament, ihn bei seiner Beerdigung unter die Achselhöhlen zu fasten, weil er zu kitzlich sei. 8) S. 18 5 ff. 8) S. 185/186. 10) Man beachte die von M. D o m a r u s als ein Beitrag zur Geschichte der kurmainzischen Kriminaljurisdiktion mitgetellten „Schicksale eines Schnorrers" (in: M i t t e i l u n g e n des Vereines für Naßauische Altertumskunde und Geschichtsforschung Jg. 12, 1908/09. Wiesbaden 1908, S. 1( 3 ff) und man wird auch für die Neuere Zeit den mittelalterlichen Satz bestätigt finden, daß jeder Jude ohne weitere Verdachtsgründe jedes Verbrechens für fähig und verdächtig gehalten wurde. (Omni* judaeus, omnis sceleris reus). stahl und wurde zum Lohn auf seiner Kehrseite mit Galgen und Rad dekoriert, und freundnachbarlich wies man ihn dem angrenzenden Staate zu. Auch hielt er sich nicht kauscher, und sollte mit dem Staubbesen reguliert werden. Er wendete alles an, um den rechtlichen Absichten zu entgehen, welche man mit ihm hatte. Aber vergebens. Bei der Exekution erstaunte der Richter und fragte ihn, wie er, bei den Zeichen, welche er trage, noch hätte so unverschämt sein und auf seinen ehrlichen Namen pochen können. „Nu", sagte der Jude, „wer kann vor Gewalt, sie haben mir das Wappen gegen meinen Willen aufgedruckt." Sehr viele Witze über Generale und Beamte, die deren Tapferkeit oder- Ehrlichkeit in ein merkwürdiges Licht stellen, werden den Juden in den Mund gelegt und mögen auch vielfach von ihnen stammen. „Sonderbar, daß man nichts mehr vom General Cr—t hört," sagte während des 'Revolutionskrieges Herr M. „Gott behüt'!" entgegnete ein anwesender Jude, „was sollen Sie von dem hören? Der ist doch wie eine Trommel, wenn er nicht geschlagen wird, macht er kein Lärmen!" Die Soldaten des fürstlichen Kontingents Bückeburg erhielten bei ihrem Abmarsch zur Reichsarmee vor dev Schlacht von Kunnersdorf rauhlederne, ungewichste Schuhe als Montierungsstücke. „Warum die Leute wohl braune Schuhe bekommen?" fragte ein Bürger bei der Austeilung. „Nu", meinte ein Jude, „die Wichs werden sie schon da droben kriegen." . „Welch ein Unterschied ist zwischen den Kindern und der Reichsarmee?" fragte ein witziger Jude im siebenjährigen Kriege. Niemand wußte zu antworten. „Nun", sagte der Hebräer, „wenn die Kinder geschlagen werden, so schreien sie, die Reichstruppen hingegen sind mausestill, wenn sie Schläge bekommen." In deni Revolutionskriege hatte ein Jude beträchtliche Lieferungen an Heu für die preußische Armee gemacht, ohne seine Zahlung erhallen zu können. Er wandte sich zuletzt an den Minister und Generalkriegskommissär von X. und bat um Auszahlung seiner Forderung. Der Minister ließ ihn lange flehen, ungeachtet der Jude, nach eigenem Geständnis, sich es viele Carolins hatte kosten lassen, um den raren Herrn zu sprechen. Endlich ermüdete des Israeliten Geduld, er bittet nochmals um eine Audienz, die ihm nicht ohne Schwierigkeiten verstattet wird. „Halten Jhro Erzellenz," so schloß der Jude die Unterredung, „doch nur ä koriose Frag' zu Gnade! Habe Jhro Erzellenz ag die Bibel gelesen?" — „I mand, warum nicht!" entgegnete der Minister, „wohl kenne ich ihren Inhalt." — „Nun," fuhr der Jude fort, „so habe Sie ag von Mansche gelesen, wie er den Aegyptern alles Gold und Silber mitgenommen hat, aus welchem das abgöttische Volk in der Wüste ä Kälbge gegosse hat. Nu, worum is es ä Kälbge und kein Barg (Berg) bei dem großen Reichthum an Gold geworden?" Der Minister, des Juden Tücke nicht ahnend, schwieg. Dreiste fuhr der Jude fort: „Worum? Dorum, das Geld ist durch die Hände der Herren Kommissärs geloffen."") „Thuan", sagte ein Jude, als die preußischen Mautbeamten in dem Städtchen E. ankamen und durch ihre Regsamkeit die Betriebsamkeit der Spekulanten in etwas gehemmt worden war, — „Thuan heißt Ihr die Leute, Gott behüt! heißt sie doch Th u aus."") Es ist bei allen diesen Anekdoten zu beachten, daß Hipponar in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickte und daß daher der Dialekt, in dem die Juden eingeführt werden, eine künstlich vermauschelte'Abart der an sich dem Norddeutschen unschön klingenden Frank- ") H i p p o n a x, Seite 192—194. ") Ebenda, Seite 192.