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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Blochs Wocheichhrtft Zette 783 „Keineswegs," erwidert der, „ich habe doch nur den Wert bezahlt. Soviel kostet es, weshalb sollte ich handeln?" „Da scheinen ja bei euch in Jerusalem solche Sandalen sehr kostbar zu sein!" „Gewih, es gibt nur ein paar Schuster, aber jederman gebraucht Sandalen." Kurzum, der Athener versteht, dah es ein glänzendes Geschäft sein mühte, Sandalen, die so billig in Attica und so kostbar in Palästina wären, dorthin zu exportieren, und nachdem sein Bekannter längst wieder heimgekehrt ist, geht er mit einer Ladung von Sandalen nach Jerusalem, wo er, an den Stadttoren angelangt, seinen vermeintlichen Freund von seiner Ankunft benachrichtigen läht. Der kommt ihm auch entgegen, bewillkommnet ihn und sagt: „Bravo, du hast wirklich einen guten Augenblick obgepaht. Solche Teuerung in Sandalen hat es hier noch nicht gegeben. Es ist freilich im Augenblick noch ein kleines Hindernis, eine Förmlichkeit, ein Nichts, aber das werden wir schon machen!" „Was für eine Förmlichkeit?" „Ach nichts! Es ist jetzt seit kurzem angeordnet, dah alle Händler und Krämer, aber auch alle Handwerker ihr äuheres Zeichen haben sollen. Für die Schuhmacher wurde festgesetzt, dah sie bartlos gehen und das Gesicht schwärzen müssen. WenU du dich dem für alle giltigen Gesetze unterwirfst. . . ." Der Athener denkt bei sich: Was ist das für ein so besonderes Unglück? Der Bart wird wieder wachsen und das Gesicht wieder gewaschen werden. Um ein solches Vermögen spielend zu verdienen, ist das nur eine Kleinigkeit. Bald sieht man den Athener durch die Strahen von Jerusalem seine Sandalen ausrufen, glatt rasiert und pechschwarz. Wer vorübergeht, bleibt stehen und muh lachen. Man drängt sich und lacht. Der Athener beachtet es nicht und bietet sein,e Sazndalen aus. Man ruft ihm zu: „Ei. was für ein schönes Gesicht; Was ist das für einer, wo kommt der her?" Alle schütteln sich vor Lachen, doch der Athener in seinem Geschäftseifer achtet gar nicht darauf und ruft seine Sandalen aus, bis endlich einer trotz allen Lachens doch nach dem Preise fragt. „Ein Goldstück das Paar, nur ein Goldstück," antwortet der geschwärzte Schuster. „Das ist ein Narr, ein Narr," ruft alles, und alle foppen ihn um die Weite. Schon ganz verzweifelt, erblickt der Athener in der Menge seinen guten Bekannten, und indem ihm allmählich ein Licht aufgeht, dah er hier der Stadtnarr geworden ist, ruft er ihm zu: „Ich habe dich bei uns anders aufgenommen." Da antwortet ihm der Jerusalemer: „Das ist wahr, und du sollst von mir entschädigt werden. Aber das ist eine Lektion, weil du hierher gekommen warst und glaubtest uns verspotten zu können. Nun bist du selbst zum Spott geworden?) Es kann nicht festgestelll werden, ob diese Erzählung auf jüdischem Boden gewachsen ist. Wenn auch keine Parallelgeschichte in anderen Literaturen gefunden wurde, so ist damit noch keineswegs ihre Originalität an ihrer jetzigen Fundstelle bewiesen. Denn diese Art von Anekdoten sind gewandert und haben sich allezeit dem Milieu angepaht, in dem sie eine neue Heimat fanden. Auch das jüdische Mittelalter hat in engem Könner mit der umgebenden persischen, christlichen und islamischen Welt gestanden und sicher nicht bloh an ihren allgenleinen Kulturverhältnissen und Geistesströmungen, sondern auch an ihren Volkserzählungen und ihrem Humor teilgenommen, die sie in ihrer Art originell gestaltet haben. Nur so ist es zu erklären, dah noch heute Rabbot Echa, Seite 61 a. die Streiche des Waffen Ameis ebenso wie die Eulenspiegeleien des Nahr-ed-Din Chodscha in verwandelter Gestalt bei den Juden des Ghettos erscheinen. Es würde zu weit führen, wollte man hier auf die fröhlichen Klänge eines Al-Charisi Hinweisen oder auf eines Immanuel den Salomo Sifroni Spöttereien und Scherzgedichte eingehen. Was der Volksmund uns heute noch bewahrt hat, zeigt die Beziehungen der Kulturen und der Volksgeister viel enger als die Kunstpoesie. In dem Augenblick, wo die Juden in die deutsche Gesellschaft eintraten. wurde der Judenwitz modern. So hoch Mendelssohn geschätzt wurde, knüpfte man doch Anekdoten an ihn an, die seinem W,esen nicht ganz entsprechen. Sein Freund, her Buchhändler Fr. Nicolai, hat sich mit den Zuständen der Juden beschäftigt und schon hin und wieder eine Anekdote aus dem jüdischen Milieu übernommen. Im 35. Teile seiner Berlinischen Nachlese?) wo er seiner Befriedigung über das Schwinden des Talmudslud iums Ausdruck verleiht, aber doch nicht umhin kann, einzugestehen, dah die beginnende Assimilation „unter den jungen Juden weniger scharfsinnige Köpfe", dafür aber mehr „seichte Geschwätzigkeit unter der jüdischer. Jugend immer allgemeiner" werden liehe,') erzählt er eine witzige Anekdote von einem weltfremden Talmudisten, einer Klasse von Leuten, die im beginnenden neunzehnten Jahrhundert für Iud und Christ den Stoff zu Witzen und Spöttereien hergeben muhten: „Ein solcher in sein Studium ganz versunkener Talmudist zu Berlin hatte sich einen Rechtshandel zugezogen; — man rate, worüber? Wegen Proselytenmacherei!, welche sonst gar nicht die Sache der Juden ist. Der Kalmäuser hatte sich's einfallen lassen, ein christliches Mädchen zu bereden, zum Judentum überzutreten: eine seltsame Geschichte, welche ich vielleicht ein andermal erzähle. Da Klage darüber geführt und einem Fiskal die Untersuchung aufgetragen ward, so lieh ihn dieser zur Verantwortung vorfordern. Ein Bote brachte die Zitation und gab sie an die Frau des Rabbi; denn dieser. beständig seinem Nachdenken obliegend, war selten sichtbar. Die Frau, welche um alles in der Welt ihren Mann nicht in seinen tiefen Meditationen würde gestört haben und welche, wie er. von allen Dingen auher ihrem gewöhnlichen Gesichtskreis gar keinen Begriff hatte, verstand nicht, was der Bote wollte und legte das Papier in einen Winkel, ohne sich weiter darum zu bekümmern. Auf eben die Art ward der Befehl, im angesetzten Termin zu erscheinen, ein paarmal wiederholt, und endlich kam der Landreiter zur Erekution. Die Jüdin ierstaunte reicht weinig über seine Geldforderung. Als sie guf die ihr abgegebenen, schriftlichen Befehle verwiesen ward, welche auch noch da lagen, antwortete sie: Sie hätte nicht gewuht, was sie damit machen sollte. Der Landreiter versetzte: Sie hätte sie ihrem Mann sollen zu lesen geben, damit er sich verantworte. Ach, rief sie aus, mein Mann ist ein Belehrter, er kann nicht lesen und nicht schreiben!"^) Ob Nicolai diese Erzählung für seine Abhandlung in der „Neuen Berlinischen Monatsschrift" dem Volksmunde entnommen oder ein wirkliches Vorkommnis gekannt hat. war nicht festzustellen. Aber dah diese Anekdote im Volksmunde nachher gern wiederholt wurde, ersieht man aus der humoristischen Beschreibung, die A. H. Heymann von seiner Hochzeit gibt. Dieser freundliche Humorist, der seine besten Witze dem Volksmunde entnahm, läht diese Geschichte mit dem Dyrenfurther *) Neue Berlinische Monatsschrift. Herausgegeben von Biester. Bd. 31. 1809. Seite 61/63. 3) Ebenda, Seite 360. *) Die Frau übersetzt das Wort »Lamdau", das einen T a l m u d gelehrten bezeichnet, kurzweg mit »Gelehrter«, und sein Nlchtlesen- und -schreiben können, bezieht sich natürlich auf die deutsche Schrift.

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