Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Blvchs Wochenschrift Seite 775 den die Soldaten im Kasernenhofe nach Konfessionen gruppiert, um dann unter Führung eines Offiziers ihres Glaubens zum Gottesdienste zu marschieren. Dies. geschah auch vor einigen Tagen in einer österreichischen Kaserne. Die Gruppierung nach Konfessionen war bereits vollzogen, es blieben nur noch zwei Einjährige zurück, die sich keiner der Gruppen angeschlossen hatten- „Welcher Konfession gehören Sie denn an?" frug der diensthabende Hauptmann die beiden Einjährigen, „warum treten Sie nicht in eine der Gruppen?" _ „Melde gehorsamst deshalb, weil wir konfessionslos sind," antworteten die beiden Einjährig-Freiwilligen zu gleicher Zeit. „Was. konfessionslos!" schrie der Hauptmann, „dann marsch, in die jüdische Gruppe!" Mathias Achers Rückkehr zum Religionsjudentum. Dr. Nathan Birnbaum, der sich, um seinen Unglauben zu dokumentieren, den talmudischen Namen ves ungläubigen Elischa ben Abujah. „Acher", beigelegt hat, erklärt in einem Artikel „Wir haben ge^sündig 1" in der Prager zionistischen Zeitschrift „Die ^-elbstwehr" Nr. 40 seine reuige Rückkehr zum jüdischen Gottesglauben und zur Idee der göttlichen Mission des jüdischen Volkes. Die „Selbstwehr" gibt diesem Artikel Raum, indem sie in einer Vorbemerkung betont, daß die in dem Artikel kundgegebene Ueberzeugung den Anschauungen der Redaktion widerspräche. Wir geben im Folgenden einen Auszug des interessanten Birnbaumschen Artikels im Wortlaut wieder: „Ja, wir haben gesündigt, wir sündigen noch und wir werden sündigen." Denn wir sind „das Volt des harten Nackens", der leidenschaftlichen Beharrlichkeit, der trotzigen, geraden Linie. Ich erinnere mich der Zeit, da auch ich diese gerade Linie in das Fremde und Leere zog, da ich mit dem ganzen Eifer und dem Ueberlegenheitsgefühl der Unbedingtheit dem Judentum als Religion gegenüberstand: Da ich es nicht begriff, wie ein so männliches, charakteristisches Volk wie das jüdische vor einem eingebildeten Schrecken so zusammenknicken konnte; da ich. halb schmunzelnd, halb unwillig auf die christlichen und mohammedanischen Völker blickte, die sich vom jüdischen diese ganze Religionssuppe haben einbrocken lassen. Aber es kam die Zeit, wo ich mich dieser leidenschaftlichen Plattheit zu schämen begann, wo der Sinn für eine Weltaufsassung in die Tiefe zugleich mit der Erkenntnis der höchsten Bestimmung meines Volkes in mir wach wurde. Und nun sehe ich alles anders. Nun sehe ich, daß der „eingebildete, Schreck" die ewige Frage und die ewige Auszeichnung des Menschengeschlechtes, die tieftte Bejahung des Lebens ist. Nun weiß ich, daß es nichts Stolzeres, Männlicheres, nichts gibt, was dem Starken mehr ziemt, als in Demut vor dem sich beugen, das hoch über aller Stärke und Schwäche ist. Nun verstehe ich Religion als das große synthetische Element in der Geschichte der Menschheit, als den Ursprung, den Wegweiser und die Seele aller Kultur. Nun weiß ich, daß die Religionen Organisationen der Völker zum Genüsse, zur Erhaltung und Ausbildung ihrer Weltanschauungen, .symbolische Ausdeutungen des Ewigkeitsgeschehens mitten im zeitlichen Leben sind. Nun sehe ich das jüdische Volk als dasjenige, dem die Gnade zuteil wurde, daß es die Ewigkeiten nicht sehen, sondern schauen und nicht nur schauen, sondern auch ins zeitliche Menschentum projizieren will. Ich sehe das jüdische Volk als das auserwählte, dem die Gottheit nicht in plastischer Erstarrung, sondern in dramatischer Bewegung erschien, als der ewige Beseeler und Begeisterer, dem es nachzufolgen hat von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und nicht nur selber nachzufolgen, sondern auch andere nachzuziehen, mitzureißen. Denn auch das weiß ich nun, daß in einem ewigen Strom direkter und indirekter Religiosität eine beispiellose Befruchtung in Idee und Jdeentat von uns aus und auf die andern Völker übergeht. Mögen die Materialisten, die ja zum Teile selbst, ohne es zu ahnen, nichts anderes als jüdische Vollbringer jüdischen Heiligungsglaubens sind, sagen, was sie wollen, mögen anderseits unsere undankbaren und ungebärdigen Schüler auf uns herabsehen, soviel es ihnen beliebt, — es ist doch eine jüdische Welt, die sich unter den immer wieder einsehenden Impulsen Israels immer weiter aus- und immer weiter aufbaut. Und unsere jüdische Religion sehe ich nicht etwa überholt von alldem, was aus ihren Geisteswurzeln zur Selbständigkeit hervorsproß, sondern im Gegenteil, all diese selbständigen Gebilde sehe ich hinter ihr zurückgeblieben, nach der einen oder nach der anderen Richtung, als unzureichende Erfüllungen ihres Wesens und ihres Willens - unzureichend hauptsächlich deshalb, weil sie unfreundlichen und unzulänglichen Volksmilieus sich anpassen mußten, — als schwache Abzahlungen auf die großen Zukunftswirkungen der jüdischen Kraftquelle, auf die endlichen wahren Durchdringungen der Menschheit mit jüdischem Unendlichkeilsmenschentum. Und ich fühle, daß es für unfern nationalen Stolz nie und nimmer einen höheren und herrlicheren Inhalt geben kann, als das auserwählte Korps in dem Ringen der Menschheit um ihre Adelung, um ihre Heiligung, um ihre Gottannäherung zu sein, und keine größere Sorge, als dieses Korps stark zu erhalten und immer stärker zu gestalten. Wenn mir aber jemand entgegenhalten sollte: Ei, da wärst Du ja glücklich wieder bei der Mission Israels angelangt, die Du einst auszogst zu bekämpfen, so werde ich antworten: Ja und tausendmal ja. Doch bin ich nicht allein dahingekommen. Nicht nur in mir, der ja ohnehin die stete Straße vom Intellektuellen Nationalismus zur Bejahung des Volkstums gezogen ist und daber diese Schlußerkenntnis gar nicht mehr verfolgen konnte, ist sie durchgedrungen, sondern auch in vielen anderen, wo sie nur allerdings oft ganz unvermittelt aus einer fremden Gedanken- und Ideenwelt herausschaut. Ja und tausendmal ja! Wir sind jetzt eines Besseren belehrt. Und groß ist unsere Scham ob der Dummejungenfrechheit, mit der wir einst, aus allerlei billige Weisheit gestützt, die Mission Israels abtaten, als wäre sie nicht der Glaube und die Geschichtserfahrung der größten und edelsten jüdischen Geister gewesen. Ich begreife es heute nicht mehr, woher wir nur den Mut nahmen, mit unserem groben Jesaja zu paradieren und uns gleichzeitig über die Mission, über seine Mission des Judentums als über eine Lächerlichkeit lustig zu machen, mit der „ernste", „moderne" Menschen doch nichts zu tun haben können. Oder vielleicht begreife ich es doch aus der gründlichen und im Einblick auf die „religiöse" Atmosphäre sogar selbstbewußten Unkenntnis der jüdischen Vergangenheit heraus, mit der wir an unsere „nationalen" Aufgaben schritten. Wir sahen ja gar nicht den Jesajas und die anderen großen Ahner im jüdischen Volke, sondern borgten uns höchstens ihre Namen aus. um unsere Feiern - diese schalen Surrogate echten jüdischen Lebens, wahrer jüdischer Volksfeste — damit zu zieren. Die Mission Israels aber kannten wir nur von den Afsimilationsrabbinern her. Und sie genügte uns so, wie sie uns von jenen präsentiert wurde, waren, wir ja ebenso selbstgefällige, vernünftelnde Plätscherer wie jene, nur in entgegengesetzter Richtung. Unser war die Schuld. Warum vertieften wir nicht, was jene verflachten? Warum gaben wir nicht wieder Kraft und Würze dem, was sie verwässerten? Wer wäre berufener gewesen als wir wenn anders es wahr war, daß wir die Einsamkeiten Israels vor geschwätzigem Allerweltsgetue, seinen Wein vor dem Wasser der Fremde beschützen wollten? ... Haben wir uns um die Geheimnisse des Volksherzens gekümmert, haben wir jenen Willen gedeutet? . Haben wir unsere geistige Werkstatt unter ihnen aufgeschlagen? Sind wir nicht die ganze Zeit draußen geblieben mit allen unseren „nationalen" Weisheiten und das Volk ist an den Fenstern gestanden und hat uns aus seinen dunklen, wehmütigen und spöttischen Augen kopfschüttelnd 'angeglotzt? Doch ich soll wohl nicht zu lange in diesen trüben Erinnerungen wühlen: Nun, da es doch anders geworden, da die Reue über so viele von uns gekommen ist. Nun, da wir daran sind, unseren natürlichen Platz einzunehmen und den Feind zu verjagen, der mit seinen Halbheiten und Widersprüchen, mit seinen falschen Angriffspunkten dort nichts zu suchen hat. Wie aber, wenn ich nur die Reue oder das neue Bekenntnis feststellen konnte, nicht aber die Kraft, sie in Tat umzusetzen? Nur eine Wandlung der Stimmung, nicht eine Wandlung des Wesens? Wie. wenn ich Grund zur bangen Sorge hätte, daß die Schatten der scheinbar überwundenen Periode noch immer so dicht in die angebliche neue Aera herüberhängen, daß sie sie zur Finsternis und Kälte, zur Unfruchtbarkeit und Jämmerlichkeit verurteilen? Wie. wenn ich behauptete, daß eigentlich noch nichts, noch gar nichts gewonnen ist? ... Das erste, was ich von den jungen nationalen Adepten der religiösen Idee des Judentums erwartete, war. daß sie die Schemata von sich abschütteln und die gewaltige zentrale Kraft des jüdischen Volkes _ zu ihrem Leitmotiv erheben, sie zum Mittelpunkt einer geschlossenen Anschauung machen werden. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, sie haben sich ihr zentrales Denken von früher durch sie dezentralisieren lassen. Früher hatten sie ihre Ueberzeugungen um ein ungeistliches nationales Ziel gruppiert. Hätten sie nun da irgendwohinein auch die Religiosität gefügt, ich hätte es verstanden. Oder wenn sie nun ihre Ueberzeugungen um das religiöse Prinzip herum gruppiert und dabei ihr ungeistliches nationales Ziel untergebracht hätten — ich hätte es noch besser begriffen. Aber daß sie ihre Ueberzeugung lustig um zwei Mittelpunkte, die als solche einander ausschließen, kreisen lassen, — das begreife ich nicht. Oder besser, ich muß es wohl begreifen, weil es Tatsache ist, es verrät mir aber auch, wie armselig ihre „Wandlung" ist, wie wenig Anlaß zum Jubeln sie bietet. Wohl helfen sie sich damit, daß sie das ungeistliche nationale Ziel als Kulturziel auffassen, Religion von Kultur scheiden und ein Nacheinander aus ihnen machen. Aber damit gesellen sie ihrem