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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 772 Dr. Mochs Wochenschrift 'Jtr 46 aber das ist nicht der Zweck dieser Zeilen. Ich begnüge mich diesmal mit der Feststellung der Tatsache, daß die moderne Philanthropie mit allen Vorzügen und Fehlern unserer modernen, mit volltönenden, ja lärmhaften Mitteln arbeitenden Zeit behaftet ist und daß auch von den Wohltätigkeitsvereinen das Wort gilt: Der Erfolg rechtfertigt alles. Es mutz als ein Fortschritt der modernen und besonders der jüdischen Philanthropie anerkannt werden, datz sie sich in gewisser Beziehung immer mehr dezentralisiert und spezialisiert. 2n instinktiver und unbewußter Anlehnung an das Elberfelder System macht sich immer mehr die Tendenz geltend, nicht nur in jedem Bezirke. sondern sogar in jedem Bezirtsteile der Großstadt für je ein Wohltätigkeitsgebiet freiwillige Vereinigungen zu schaffen. Und das ist recht so. Je begrenzter das Gebiet und je spezieller der Zweck, desto leichter und sicherer wird das Ziel erreicht. In England und Amerika hat sich diese Methode autzerordentlich bewährt. Dort gibt es fast für jeden Häuserblock eigene Lotalvereine für Schuhbeteilung, für Beteilung mit Oberkleidern, separate Kohlenverteilungsvereine etc. Und es ist ein Zeugnis für die hohe Auffassung, welche die Engländer von der wahren Humanität haben, datz ihre Frauen- und Mädchenvereine sogar eigene Sektionen für die Beschaffung und Verteilung von Puppen und Spielzeug haben. In Wien sind wir noch weit davon entfernt, dieses gesunde System bis in seine äußersten Konsequenzen durchgeführt zu sehen. Hier gibt es noch ganze Gebiete sozialer Fürsorge, die noch vollständig brach liegen, während auf anderen Gebieten, so hauptsächlich auf dem Gebiete der Winterbekleidung, eine förmliche Ueberwucherung herrscht. Unter völliger Mißachtung des Gesetzes der Arbeitsteilung sind in einem und demselben Bezirksteile mehrere Vereine mit denselben Vereinszwecken tätig, die miteinander autzer jedem Kontakt stehen und sich höchstens auf der Jagd nach Mitgliedern und Förderern treffen. Diese Ziel- und Systemlosigkeit birgt aber nicht geringe moralische, zum Teile auch wirtschaftliche Gefahren in sich, die gar oft die Vorteile überwiegen, die eine solche systemlose Philanthropie etwa aufzuweisen vermag. Das ist der sicherste Weg zur völligen Demoralisierung der armen jüdischen Massen und zur Benachteiligung einer grotzen Schichte würdiger, verschämter Armen. Das kann der Zweck einer modernen Philanthropie nicht sein. Diesem llebel. dessen Folgen sich in den Großstädten immer fühlbarer machen, kann nur ein Verband jüdischer Wohltätigkeitsv epeine, d. h. eine Zentralstelle für jüdisches Armenwesen, abhelfen. Die Aufgabe einer solchen Zentralstelle kann in dem einen Satz zusammengefatzt werden: Sie mutz eine verläßliche Beraterin für den Hilfsbedürftigen sowohl, wie für den Wohltätigkeitsverein und nicht zuletzt für den Philanthropen sein. Eine Zentralstelle, die auf der Höhe ihrer Aufgabe steht, wird also über einen verlätzlichen, fortlaufend richtiggestellten Armenkataster verfügen müssen, aus welchem jeder Verein, jede Wohlfahrtsanstalt und auch jeder Privatwohltäter zu jeder Zeit genauen, den Tatsachen entsprechenden Aufschluß über die Dürftigkeit und Würdigkeit eines jeden Hilfesuchenden erhalten kann. Hierzu ist aber ein ununterbrochener Kontakt der Zentralstelle mit dem Wohltätigkeits- und Armenamte de: Kultusgemeinde und der Stadtgemeinde einerseits und den Mischen und interkonfessionellen Wohltätigkeitsvereinen andererseits erforderlich. Aber ebenso notwendig ist es, datz die Zentralstelle einen guten Vereinskataster besitze, der als verläßlicher Wegweiser sowohl für bcu Hilfesuchenden, als auch für den Hilfespendenden zu dienen vermag. Bei diesen Arbeiten ist eine unbedingte Genauigkeit unerläßlich. die jedoch nur dann erzielt werden kann, wenn die Zentralstelle das Vertrauen der Vereine in vollem Matze genießt. So lange die Zentralstelle nicht das volle Vertrauen der Spender und der zwischen dem Spender und dem Armen vermittelnden Vereine zu erwecken und dauernd zu erhalten vermag, wird die Zentralstelle nichts Ersprießliches leisten können. Man nimmt den Rat und den Schutz nur desjenigen an, zu dem man Vertrauen hat. Da das oberste Prinzip der Zentralstelle eigentlich sein mutz in dem Endergebnis ihrer Tätigkeit, dem wirklich Bedürftigen zu'einer Linderung seiner Not zu verhelfen und ihn sowohl, als auch die Vereine imb Philanthropen vor der Ausbeutung der Berufsbettler in des Wortes weitestem Sinne zu schützen, so wird die Zentralstelle mit unbeugsamer Energie sowohl dem Professionsschnorrer, der alle Vereine und Private behelligt, als auch jenen, vielleicht noch viel gefährlicheren Berufsbettlern das Handwerk legen müssen, die unter dem Schutze eines Vereinsstatutes wohl Gelder sammeln, aber sie niemals ihrem vorgespiegelten Zwecke zuführen. Auch in dieser Richtung wird die Zentralstelle erfolgreich tätig sein können, wenn es ihr, auf dem Vertrauen der Vereine fußend, gelingt, die Vereine gleicher Tendenz einander näher zu bringen und sie zu gemeinsamer Arbeit zu bewegen. Die Zentralstelle mutz die Summe aller Bestrebungen jüdischen Wohltätigkeitssinnes fein, sie mutz daher der von allen gewünschte Regulator jüdischer Philanthropie sein. Sie wird demnach, wenn sie ihre Aufgabe richtig erfaßt, sich den Einfluß darauf erwerben, daß der eine Verein, der sich auf einem Wohltäfigkeitsterrain bewegt, das von zu vielen anderen mit Erfolg bearbeitet wird, ab- und auf ein anderes hingelenkt werde, das noch der Arbeiter harrt. Von ihr werden Anregungen zur Erschließung neuer Gebiete sozialer Fürsorge ausgehen müssen, für welche noch das Interesse fehlt, deren Kultivierung aber von großem sozialen Nutzen wäre. Em wichtiger Grundsatz der modernen Sozialpolitik ist die sogenannte prophylaktische Philanthropie, das heißt, daß die Ursachen des Elends erforscht und die Quellen der Notlage verstopft werden müssen, um zu verhüten, daß aus dem Notleidenden ein Bettler werde. Das wirksamste und unmittelbarste Mittel hiezu ist wohl die Herbeischaffung von Arbeitsgelegenheit. Aber oft handelt es sich bloß um echen Rechtsschutz, dessen der Bittsteller bedarf, um ihn wieder in seine ehemaligen Verhältnisse zurück zu bringen. Ich will hier nur auf ein typisches Beispiel Hinweisen, das besonders in Oesterreich immer häufiger wird. Es ist das die v e r^- l a s s e n e Frau. In England und Amerika sowohl, als auch in Frankreich und Deutschland wird in den Zentralstellen für jüdisches Armenwesen diesem Typus mit Recht besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Die arme verlassene Frau, die, oft mit vielen Kindern gesegnet, der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fällt, würde in vielen Fällen aufhören, ein Wohltätigkeitsobjekt zu fein, wenn ihr und ihren Kindern die Rechtshilfe würde, durch welche sie ihren Mann, bezw. den Vater ihrer Kinder zwingen könnte, seiner Alimentationspflicht nachzukommen. Zuschriften der Zentralstellen aus fast allen Ländern an die Kultusgemeinde beweisen mir, mit welchem Effolge diese in ihren eigenen Abteilungen zum Schutze der verlassenen Frau und des verlassenen Kindes tätig sind. Auch in dieser Richtung eröffnet sich für die Zentralstelle eine große, und wenn sie rationell gemacht wird, segensreiche Tätigkeit. *

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