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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-15 · 46 (15.11.1912) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3h. 46 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 771 für das gesamte Judentum allüberall dort, wo bis nun eine Zweiteilung desselben in Zionisten und Nichtzionisten oder konservative*) bestand in dem Sinne, daß sie das freiheitliche Judentum in seiner vor dem Auftauchen des Zionismus bestehenden Gestalt und Form erhalten oder konservieren wollen. Diese in die Tat umgesetzte Idee ist ein vom Zentpal-Wahlkomitee genehmigtes und zwischen den beiden gegensätzlichen, bis nun sich befehdenden Parteien geschlossenes Kompromiß in Sachen der K ultus wa h len. Ich gebrauche absichtlich das Wort „Kompromiß" und nicht „Friede", wie dies, offenbar in bester Absicht, von allen Fürsprechern des Zentralwahlkomitees im Munde geführt wurde. Denn ein Kompromiß ist nur ein Teil der Friedensherstellung zu einem bestimmten Zwecke, also ad hoc. Dl"--« ad lioc bedeutet in unserem Falle: die Wahlen in den Kultusvorstand. Ich selbst habe als Mitglied des Zentralwahlkomitees meine Stimme für diesen Teilsrieden mit den Zionisten abgegeben, mit henk Wunsche und der Hoffnung, daß aus dem Teilfrieden ein ganzer Friede werdeu möge! Denn wir Juden haben noch nirgends jenes Maß der Selbständigkeit und Freiheit erlangt, welches eine Mehrteilung oder Parleienzerklüftung und mit dieser eine Uneinigkeit vertragen würde. — Nur durch geschlossenes, einiges Auftreten konnten die Juden Rechte und Freiheiten in Staaten und in den Ländern erlangen. Bei den bevorstehenden Wahlen sollen mehrere Vorstandsmitglieder ausscheiden und an Stelle derselben neue, oder, was wahrscheinlicher ist. dieselben wiedergewählt werden. Die Hauptsache bleibt der erfolgte Teilfrieden, durch welchen den Zionisten zwei Mandate zugestanden wurden. Aber ein Bedenken drängt sich beim „Friedensschlüsse" aus, ob denn der Friede von Seiten der Zionisten tatsächlich und ehrlich gehalten werden wird? Denn unseres Wissens besteht die Zusage der Zionisten in diesem Kompromisse nur darin, eine friedliche und ungestörte Wahl zu ermöglichen, aber nicht auch für eine friedliche Ein- und Unterordnung im Kultusvorstande. Wenn das allein schon ein Gewinn ist, so können wir uns dennoch des Gedankens nicht erwehren, daß die jugendlich-stürmischen zionistischen Elemente, einmal im Vorstande sitzend, nicht wie sanfte Lämmer zu allem „Ja und Amen!" sagen werden, sondern daß sie eher die harte Nuß bilden werden, an der die anderen 34 Mitglieder, und namentlich das Präsidium. schwer zu kauen haben werden. Ich erinnere hier nur an das ähnliche Beispiel Luegers, der vordem sanft und zahm gewesen ist, aber als er in die Gemeindevertretung hineingelangt war, zum wildesten Agitator wurde und alles in seinem und seiner Partei Sinne umgestaltete! — Wir wollen hoffen, daß die zionistische Partei keinen — Lueger besitzt: vielmehr daß sie in wohlverstandenem, eigenem Interesse sich friedlich in die stabilisierten Verhältnisse ejiner geordneten Kultusgemeindeverwaltung einordnen werde, womit aber nicht behauptet werden soll, daß sie tatsächlich zu allem „Ja .und Amen!" sagen sollen: im Gegenteil, eine gesunde, auf sachlichen Argumenten fußende Opposition ist in allen Korporationen von Vorteil, denn sie klärt dir Anschauungen und verhütet eine einseitige Auffassung der Tatsachen. Für die Zionisten wird dieses Kompromiß von großem Vorteile sein. Denn sie werden nicht mehr, wie die im „Julius Cäsar" verwendeten Statisten, „schreiendes und gestikulierendes Volk" darstellen, sondern durch ihre Vertreter teilnehmen an einer ersprießlichen Arbeit *) Konservative nicht gesetzt als Bezeichnung für Orthodoxe. zum Wohle des Ganzen, also auch zum eigenen Wohle. Und sie werden zum ersten Male zeigen müssen, ob sie tatsächlich fähig sind, auf dem Boden realen Schaffens etwas zu leisten, nicht aber ewig dem in absehbarer Zeit kaum zu verwirklichenden Phantome der Schaffung eines selbständigen Iudenstaates nachzujagen. Die Schließung des Kompromisses seitens der Zionisten war offenbar von der endlich eingetretenen Erkenntnis gefördert, daß sie^ allein und abgesondert von der Mehrheit, zu einer gedeihlichen Tätigkeit nicht gelargen können. Diese Erkenntnis dürfte in ihnen übrigens schon früher reif geworden sein, und zwar zu jener Zeih als im ersten „Volksparläment" drei aus Galizien gewählte Zionisten unter Führung des ad hoc, zionistisch gewordenen Czernowitzer Demokraten Straucher den sogenannten „jüdischen Klub" bildeten, der weder die notwendige Autorität besaß, sich Geltung zu verschaffen, noch etwas Ersprießliches für das Judentum zu leisten. Hätten sie sich aber den anderen jüdischen Abgeordneten des Polenklubs angeschlossen, so wären sie keine quantite nagligeable mehr, sondern hätten, ihrer Zahl nach, in und mit dem Polenklub Nützliches für das Judentum, wenigstens für jenes in Galizien, leisten können. Diesen Anschluß verhinderte aber ihre starre und unpolitische Gegnerschaft der sog. Assimilation, die allein ein dauerndes, friedliches Zusammenleben ermöglicht. Diese unfruchtbare Sonderstellung der Zionisten im Parlamente hatte zur Folge, daß bei den Neuwahlen in Galizien nicht ein einziger von ihnen wiedergewählt wurde. Wir Juden können, wo immer wir auftreten. nur dann etwas erzielen, wenn wir die altererbte Eigenschaft der Zusammengehörigkeit und der Einigkeit bewahren und betätigen, und wenn wir dadurch auch nichts erlangen, so ist uns wenigstens die Achtung unserer Gegner sicher. Ich kann nicht umhin, die trefflichen Worte meines in Gott ruhenden Bruders, des um das Judentum viel verdienten Dr. Emil Byk, zu zitieren, mit denen er einen „offenen Brief an die Glaubensgenossen" ddo. 31. Dezember 1905, schloß: sie lauteten: „Seien wir dessen eingedenk, daß das einzige Mittel zur Abwehr unserer äußeren Feinde in unserer Solidarität gelegen ist. Hüten wir uns daher vor allem vor der Selb st zerfleisch ung!" In diesem Sinne begrüße ich wärmslens den ..Friedensschluß" mit den Zionisten, trotzdem ich mit ihren grundsätzlichen Anschauungen und ihrer politischen Achtung nicht übereinstimme. Wien, am 11. November 1912. Ziele und Aufgabe« einer Zentralstelle für sndisches Armenmesen. Von Jakob Krausz. Sekretär des „Allgem. österr. israel. Bund". Wir sind mitten drin in der Wohltätigkeitssaison. Ueberall Rührigkeit und Geschäftigkeit. Es gilt, die mehr oder weniger ingeniösen Pläne, welche von erfinderischen Vereinsherren und -Damen ausgeheckt und in zahllosen Sitzungen beraten wurden, in die Tat umzusetzen, um dem edlen Vereinszwecke neue Mittel zuzuführen und die große Not. das tiefe, wirtschaftliche Elend, das unter den jüdischen Massen der Großstadt herrscht, in der einen oder anderen Form, wenn auch nur vorübergehend, zu mildern. Es ließe sich ja Vieles sagen über die Art, wie heutzutage Wohltätigkeit geübt wird und die Mittel zum Wohltun herbeigeschafft werden. Ein tieferes Eindringen in diese Frage würde sicherlich eine interessante und lehrreiche Studie ergeben.

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