Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-08 · 45 (8.11.1912) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022027--21610-3046713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

^ir. 45 Dr. Blochs Wochenschrift Gelte 765 ernstes Gesicht hatte nichts von -er Frische, welche inan an unseren Bauerntindern sieht, aber auch er hatte ein paar merkwürdige Augen, nicht so glühend wie die seines Katers, aber von einem sanften Feuer, das nicht weniger Geist und Begabung verriet. Auch er war in einem langen Kaftan von blauem Merino gepreßt und mit einem roten Bande gegürtet, auch auf seinem lockigen Kopfe prangte das Samtkäpchen, die Iamurka, aber beides stimmte gut zu seinem ernsten Wesen. Die schöne junge Frau, welche vor dem Cymbal saß, war offenbar die Mutter, denn sie hatte dieselben blauen, etwas schwärmerischen Augen, nur daß bei ihr eine gewisse Schalkhaftigkeit in denselben lag. Obwohl ihr Haar unter der unerbittlichen Scheere Hymens gefallen war. hatte ihr Kopf doch nichts von seinem herben Reiz eingebüßt. Ihren strengen Züge, besonders die kleine Adlernase mit dem flatternden Nasenflügeln atmeten Leidenschaft und, Kraft. Eine kleine weiße Haube bedeckte den Scheitel und eine Binde von Goldbrokat die Stirne, während ihre mittelgroße volle Gestalt durch den dunkelgeblumten Ueberrock und die bequeme Pelzjacke etwas vornehm Behagliches bekam. Sie spjelten nicht zum Tanz, sondern trugen verschiedene Stücke .ihres Programms dem kleinen Publikum vor, das in der weiten Stube versammelt war, teils Bauern aus dem Dorfe, teils junge Leute aus Lemberg, die einen Ausflug gemacht hatten. Sie spielten sicher und mit vollständiger Beherrschung ihrer Instrumente, das Eigentümliche war jedoch ihr Zusammenspiel. Es klang wie aus einem Instrument und einer Seele heraus, und doch spielte eigentlich nur der Mann und die beiden anderen begleiteten ihn und zwar improvisierten sie nicht die Begleitung, denn was er vortrug, würde in einem zivilisierten Lande als „Phantasie über ein gegebenes Thema" bezeichnet werden. Einer der Lemberger Herren hatte ihm das schöne schwermütige Volkslied: Kazut ludi szezom sczaslivi — die Leute sagen, ich war' glücklich — zum Thema gegeben und er spielte eine Art Paraphrase dieser herrlichen Melodie, wahrhaftig! Franz Liszt hätte sie nicht kühner ersinnen und virtuoser Ausfuhren können. Die Frau und das Kind begleiteten ihn mit einem geradezu künstlerischen Verständnis, indem sie bescheiden immer im Hintergründe blieben und doch jeder seinen wechselnden Stimmungen, seinen stets feinen, nicht selten bizarren Nuancen zu folgen wußten. Als sich die Fremden entfernt hatten und ich und die Freundin des Schankwirtes mit dem interessanten Terzett allein waren, forderte ich dasselbe auf, uns etwas Hebräisches zu spielen. Der Mann lächelte, sah die Frau an und dachte nach. Da erhob der Knabe die ernsten blauen Augen und flüsterte: „Das Lied vom Ha Im an Chmilnitzki." „Gibt es denn ein solches", fragte ich, „ein wahrhaft hebräisches Lied?" „Ia," erwiderte der Mann, „Chmilnitzki lebt, im Ernst und Scherz, im Gedächtnis der polnischen Iuden fort: im Scherz als Haman im Ahasverusspiel, das zu Purim aufgeführt wird, und im Ernst in Liedern und Geschichten. Wie König Casimir die Lichtgestalt der polnischjüdischen Chronik ist, so wurde Bogdan Chmilnitzki zum Dämon derselben. Dieser polnische Edelmann, dem ein mächtiger Magnat Weib und Gut genommen hatte, war, ein Michael Kohlhaas in großem Maßstab, zu den Kosaken geflohen und führte sie, als ihr Heefführer, wiederholt in die polnischen Lande, wo jedem ihrer Siege Mord und Plünderung auf dem Fuße folgten. Vor allem wurdeu die Iuden zu Tausenden niedergemetzelt, da man in ihnen die Helfershelfer der polnischen Magnaten fand. Die Improvisation, welche nun folgte, war ein dramatisch-musikalisches Gemälde. Die Melodie der alten Ballade bildete gleichsam den Grund, auf dem der jüdische Geiger dasselbe wob. Ein idyllisches Motiv leitete das Ganze ein. Es ist Friede, der ruhige Bürger freut sich seiner Arbeit, der Sicherheit, des Lohnes, der seinem Fleiß zuteil wird, da tönt von fern die Schlachttrompete. Und bald stürzen sich die feindlichen Scharen über die freundlichen Gefilde. Dörfer und Städte brennen, Wolf und Rabe freuen sich des großen Mahles, das ihnen von Chmilnitzki ungerichtet wird. Der Hat man überblickt die Wüste, die er geschaffen, und freut sich des vollbrachten Rachewerkes, aber der Fluch Israels he,lei sich grauenhaft an die Hufe seines Rosses und die Tränen der polnischen Mütter, deren Söhne die Schlachtfelder decken, schreien zum Himmel wider ihn. Als der letzte Ton verklungen war, sprang ich auf und gab dem Geiger die Hand. „Sie sind ein Künstler," sagte ich. „Ia, das ist er," rief die schöne Frau mit leuchtenden Augen, während der Knabe seinen Vater mit stiller Begeisterung ansah. „Haben sie uze daran gedacht, sich weiter ausbilden zu lassen?" fuhr ich fort. „Ia, aber ich müßte in das Ausland gehen," sagte er, „und es hieße sich für einige Zeit von Weib und Kind trennen." „Und das wollen Sie nicht?" „Rein." „Wie find sie aber zu dieser Kunst gelangt, die Sie unstreitig besitzen, haben Sie einen Lehrer gehabt?" „Ia und nein!" erwiderte der Iude, „ich bin in Sambor geboren. Mein Vater war Schames (^rynagogendiener) dort. Be;i der Militärmusit war ein Iude, der die Geige spielte. Er hat mich unterrichtet ein halbes Iahr lang. Das weitere habe ich so — von selbst gelernt." Ich staunte. „Und Sie," wendete ich mich zu der schönen jungen Frau. Sie sah ihren Mann an, strich mit der weißen Hand über das dunkle Pelzwerk ihrer Sammetjacke und lächelte. Da der Geiger zustimmend nickte, erwiderte sie fetzt: „Das ist ein Roman." „Wie das?" „Ich bin auch aus Sambor", fuhr sie fort, „mein Vater war ein wohlhabender Kaufmann dort, und ich war schon als Kind mit dem Sohn eines reichen Getreidehändlers verlobt. Da sah ich Baruch, meinen Mann. Er kam zu Purim als Bauernmusikant zu uns und spielte die Geige. Sein Spiel gewann ihm mein Herz. Doch die Eltern wollten ihn nicht zum Schwiegersohn. Er galt als Taugenichts, weil er weder den Talmud studieren, noch ein Handwerk erlernen, wollte Um mich zu vergessen wurde er Soldat, aber er vergaß mich nicht, und ich dachte seiner immerfort und mehr als je, als der Tag herankam, wo ich mit einem andern vermählt werden sollte. Das war wie eine Fügung Gottes. Gerade den Abend vorher kam Baruch zurück, und noch in derselben Nacht entflohen wir zusammen. Am folgenden Tage segnete uns ein alter Rabbi, der meinem Baruch gut gesinnt war, und seitdem ziehen wir in der Welt umher, wie Sie uns hier sehen." Und haben Sie niemals bedauert, dem Reichtum entsagt zu haben?" fragte die Schankwirtin. „Nein", gab die Frau des Musikanten zur Antwort, „ich liebe meinen Mann, und unser Sohn macht uns so glücklich und dann die Musik." „Sie lieben also ihre Kunst?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.