Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3L. 45 Dr. Bkochs Wochenschrift Sem 761 Mit Ihnen freuen wir uns dieses Tages, den der Allgütige herbeigeführt, und hoffen voll Zuversicht, daß es Ihnen vergönnt sein wird, noch viele Jahre zum Segen der Gemeinde zu wirken und zu schaffen. Mögen sich auch fernerhin an Ihnen die edlen Wünsche erfüllen, die Ihnen einst bei Verleihung der Rabbinatswürde zugerufen wurden: „Gott stärke Ihr Herz und erleuchte Ihre Augen, „Auf daß Sie die Augen der Blinden öffnen „Und die Kniee der Strauchelnden stützen, „Israels Ehre erhöhen und unseres Gottes „Dienst verherrlichen. V-o r st and und Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Nach der Ueberreichung dieser Adresse ergriff noch Rabbiner Dr. Stier das Wort, um namens seiner Kollegen noch einmal die besten Wünsche auszusprechen. Er schilderte in kurzem Rahmen das Lebensbild des Jubilars, der nicht nur in treuer Pflichterfüllung seines Amtes waltete, sondern auch mit vollem Herzen und treuer Lie! e sich in den Dienst der Gemeinde gestellt hat „Die Liebe hat Sie geleitet. die 2>eue zum Glauben, die Liebe zum Judentum." Rabbiner Dr. Rojeuzweig. dem man die innere Erregung ansah, erwiderte mit einigen herzlichen Worten des Dankes. Der Rückblick auf seine 25jährige Tätigkeit als Gemeinderabbiner Berlins wecke in ihm ein zwiespältiges Gefühl der Freude und der Wehmut. Die 25 Jahre seien nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Der Inhalt seiner Predigt, die er am heutigen Abend beim Gottesdienste halten werde, werde gewisserm.ßen ein Rechenschaftsbericht über seine Tätigkeit werden und zugleich ein Bild des Anwachsens der Gemeinde und der Größe des in dieser Zeit von den Gemeindebehörden Geschaffenen sein. Als er sein Amt antrat waren es drei Rabbiner, die hier wirkten. Dama's war gerade Frankl gestorben, der ihm stets ein leuchtendes Vorbild gewesen sei. Heute sind es zehn Gemeinderabbiner. Damals gab es eine Religionsschule, heute sind es mit den subventionierten zwanzig. Ueberhaupt mache sich jetzt hier in Berlin der Geist des Glaubens, der Treue zum Judentume, ein warm pulsierendes jüdisches Leben bemerkbar. Es walte jetzt der selbstlose Geist der Hingabe an die Gemeinde und mehr noch die Kinder wachsen wieder auf im Geiste unseres Glaubens. Gewiß geschieht hierin noch nickt alles, aber es geschieht vieles und dafür danke er dem Talmud-Thora-Vorstand. Er dankte sodann in warmen Worten sowohl den Rednern der Gemeindckörperschaften, wie seinen Amtskollegen für alle Zeichen des Wohlwollens, der Freundlichkeit und Anerkennung. Sodann wurde der Jubilar in feierlichem Zuge von dem Vorstande. den Repräsentanten und sämtlichen Kollegen, denen sich die Söhne des Jubilars anschlossen, in die Synagoge geleitet, wo der Altar mit prächtigen Blumendekorationen geschmückt war. Nach einigen Chorgesängen und der Einleitung zum Abendgebet bestieg Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig die Kanzel und hie t eine tiefergreifende Rede unter Zugrundelegung desselben Wortes Jes. 51,16, das den Text seiner vor 25 Jahren an derselben Stätte gehaltenen Antrittsrede bildete, ie Predigt, die einen Rückblick auf seine Amtstätigkeit enthielt, schloß der Jubilar mit einer Stelle aus dem Neilagebet und so etwas wie Neilastimmung lagerte auch über der ganzen Gemeinde, die andächtig lauschend die Synagoge bis auf den letzten Platz füllte. Nach Schluß des Gottesdienstes ergoß sich eine unabsehbare Kette von Gratulanten zum Sitze des Jubilars. Der Militärdienst der türkischen Juden im Kriege. Wie uns aus Konstantinopel berichtet wird, hat die türkische Regierung den Vorstellungen der geistlichen Oberhäupter der nichtmohammedanischen Adulte nachgegeben und von einer Einberufung der christlichen und jüdischen Staatsangehörigen im Alter von 29 bis 45 Jahren zum Kriegsdienst Abstand genommen. Es handelt sich hier um jene Altersklassen, welche bisher niemals beim Militär dienen konnten, da die Nichtmohammedaner bekanntlich vor der konstitutionellen Aera vom Militärdienst ausgeschlossen waren. Die nichtmohammedanischen Geistlichen haben nun in einer gemeinsamen Eingabe an die Regierung darauf hingewiesen, daß die Heeresleitung von der Einberufung dieser Männer nichts profitieren würde, da sie ja niemals in der Behandlung der Kriegswaffen geübt werden konnten. Andererseits würde die Einberufung dieser Leute in unnützer Weise die Zahl derjenigen Familien vergrößern, welche ihres Ernährers beraubt, in Entbehrung und Elend gestürzt würden. Trotzdem die Regierung diesem Ansuchen stattgegeben hat und die Juden in der obenerwähnten Altersklasse nunmehr vom Kriegsdienste gesetzlich befreit sind, hat sich doch eine große Zahl von Juden auch in diesem Alter als Freiwillige einreihen lassen. Die Notlage der Juden in Bulgarien. Infolge des Balkankrieges befinden sich die Juden in den einzelnen Städten Bulgariens in der drückendsten Notlage. Abgesehen davon, daß sie. wie uns aus Philippopel berichtet wird, alle wehrfähigen Männer in den Krieg geschickt und für Kriegszwecke große materielle Opfer gebracht haben, hat ihnen nun das Moratorium direkt den Ruin gebracht. In Philippopel allein befinden sich nahezu 1200 jüdische Seelen in der größten Not, fast ohne das tägliche Brot. In einem Aufrufe. den das jüdische Komitee in Philippopel erläßt, weist es wesentlich darauf hin. daß die bulgarischen Juden bisher immer gewohnt waren, ihren bedrückten Brüdern bereitwilligst helfend beizuspringen. Anläßlich des großen Brandes der nahe gelegenen türkischen Stadt Adrianopel hat die Philippopler Judengemeinde ihre obdachlos gewordenen Glaubensbrüder mit offenen Armen empfangen und reichlich unterstützt. Ebenso haben die italienischen Juden, als sie wegen des italienisch-türkischen Krieges aus der Türkei ausgewiesen wurden, in Philippopel die weitgehendste Gastfreundschaft gefunden. Und nun steht diese Judengemeinde. die immer so stolz darauf war. andere unterstützen zu können, selbst als Bittstellerin da. Nicht besser ist jetzt die wirtschaftliche Lage der Juden in den übrigen Städten Bulgariens. Lin Jude von den Kosaken gewählt. Aus Petersburg wird uns berichtet: Die Ergebnisse der Wahlen der Wahlmänner für die vierte Duma hat auch manche Sensation gebracht, welche der Regierung und den politischen Parteien wohl zu denken geben wird. So wurde in dem Wahlkreise Kuban, dem sogenannten Kosakengebiete. der Jude H. Rugalski zum Wahlmann gewählt. Und wie sehr der Bureaukratie diese Wahl auf die Nerven gegangen ist, beweist der Umstand, daß die Behörden die unglaublichsten Mittel angewendet haben, um diese ihnen unbequeme Wahl zu annullieren. Zunächst versuchten sie es auf Grund des Wohnrechtes. Da jedoch Rugalski den Nachweis erbrachte, daß er die Universität absolviert hat und demzufolge in ganz Rußland Wohnrecht besitzt, so griff man zu einein allerdings fast unglaublichen Mittel. Es wurde nämlich die Entdeckung gemacht, daß in dem Passe Rugalskis der Name des Vaters russisch und nicht jüdisch angegeben ist. Und aus diesem Grunde wurde — seine Wahl annulliert. Ausweisung eines berühmten jüdischen Künstlers. Der im Auslande als „russischer" Künstler bekannte jüdische Maler L. Bakst. der bisher lange Zeit in Paris lebte, hatte die Absicht, sich in seinem Heimatslande niederzulassen, und übersiedelte von Paris nach Petersburg. Doch kaum war er in Petersburg angekommen, als er auch schon eine Vorladung zur Polizei erhielt, wo ihm bedeutet wurde, daß er als Jude in Petersburg kein Wohnrecht besitze und daher die Stadt sofort verlassen müsse. Die Bemühungen der bedeutendsten Künstler und Schriftsteller, diesen Ausweisungsbefehl rückgängig zu machen, blieben erfolglos, und so mußte denn Bakst, dessen künstlerische Erfolge im Auslande selbst die nationalistische Presse Rußlands stets als einen Triumph russischen Geistes hinzustellen pflegte, Petersburg verlassen. „Gufukruma." Wegen dieses rätselhaft klingenden Wortes fand vor dem Gerichte einer südruffischen Stadt ein Strafprozeß statt, wie er eben nur im Zarenreiche denkbar ist. Unter obigem Titel erschien nämlich in einer südrussischen Zeitung ein Märchen, in welchem die furchtbaren Verfol-