Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022027--21604-3046707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 46 Dr. Vlochs WochenMrift Seite 759 wird, daß diese Haltung Poincares auch die französischen Antisemiten aufmuntern und den Antisemitismus in Frankreich von neuem fördern werde. Tatsächlich haben die nationalistischen und royalistischen Blätter das Schreiben Poincares bereits zu aufreizenden Artikeln gegen die Juden verwendet. Mie jchiitzen wir unsere Jugend gegen sittliche Entartung? Die Gegenwart ist unermüdlich in ihrem Bestreben, der Heranwachsenden Jugend ihre Entwicklungszeit möglichst angenehm und glücklich zu gestalten, und nur das Beste halten wir für unsere Kinder gerade für g>.t genug. Aber schon unser ältestes Schrifttum, die Bibel, fordert die nachhaltigste Einflußnahme der natürlichen Erzieher, der Eltern, auf die körperliche, geistige und sittliche Ausgestaltung der Heranwachsenden Jugend. Fürsorgliche Eltern sorgen daher zunächst für die möglichste Förderung des körperlichen Wohles ihre» Schutzbefohlenen; denn nur in einem gesunden Körper wohnt — wie schon die alten Pädagogen mit Recht sagen — ein gesunder Geist. Frühzeitig muß ein ganzes System streng bemessener Körper Übungen Herbalten, um den Organismus zu stählen und zu kräftigen. Werden auch Ausflüge in Gottes herrliche Natur unternommen, so resultiert hieraus sicherlich der reichste Segen für die köip'iliche und geistige Ausgestaltung der Menschennatur. Eine vernünftige Auslese aus den einzelnen Unterrichtszweigen wirkt sicherlich nur veredelnd und klärend auf den Intellekt ein. Die veredelnde und fördernde Einflußnahme der so wichtigen Erziehungsfaktoren „Elternhaus und Schule" tragen sicherlich unendlich bei, um die jugendliche Menschennatur in sichere Bahnen zu lenken. Eine dritte, die kindliche Individualität mächtig beeinflussende Sphäre ist das „gesamte Milieu", in der sie ihre Ausgestaltung erlangt. Hier drohen zuweilen Gefahren der mannigfachsten Art; denn das Innere der Menschen ist auch oft der Sitz unzähliger böser, ja geradezu bösartiger Triebe, die niederzuhalten oft die größte Umsicht sehr erfahrener Erzieher erheischt. Auch möge nicht übersehen werden, daß die Jugend ausnahmslos im höchsten Grade nachahmungsiüchtig ist. Nur zu oft ahmt sie all das nach, das zu erspähen sich ihr die günstige Gelegenheit darbietet. Da nun das lebendige Beispiel am meisten zur Nachahmung anspornt, so fordert j?oliche Erziehungsweise, daß zunächst die natürlichen Erzieher (Vater und Mutter) durch ihr gesamtes Tun veredelnd und läuternd die Gedankenwelt und die Willensäußerungen ihrer Kinder beeinflussen mögen. Sehr zahlreich sind die Stellen unserer heiligen Bücher, die die Wichtigkeit der planmäßigen Einflußnahme der Eltern mit Rücksicht auf die religiös-sittliche Erziehung ihrer Kinder ganz besonders hervorheben. Und nun einige Beispiele aus der unmittelbaren Gegenwart zur Illustrierung sehr bedenklicher Verkehrtheiten ans erziehlichem Gebiete: Die Witterung ist rauh geworden und an den freien Sonntag- Nachmittagen wandern jetzt ganze Familien ins rauchige Kaffeehaus. Der Vater zerstreut sich beim Kartenspiel, die Mutter im Kreise lieber Freundinnen. Und die Kinder? — Diese greifen gerne zur Lektüre illustrierter Blätter. Daß sie bei solchen Anlässen nur zu oft eine Fülle des Unpassenden aufnehmen, ist fast selbstredend. An Sonntagen geht man auch sehr gerne mit seiner Familie ins Kuw. Die daselbst gebotenen Genüsse sind leider gar zu oft ebenso schädlich für das Auge wie für das Gemüt. Oft bemächtigen sich auch Kinder in unbewachten Momenten solcher Lesestoffe, unter d.ren Einfluß selbst Erwachsene verwildern und verrohen. In der Hand der Jugend w.rden derartige Preßerzeugnisse in kurzer Zeit eine furchtbare Quelle geistiger und moralischer Verwüstung. An dieser Stelle sei das gute jüdische Haus vor einer speziellen Sorte der dem Vergnügen dienen wollenden Preßerzeugnisse, den sogenannten Lozelach, ganz besonders gewarnt. Sie enthalten oft das Gemeinste und Niedrigste, was Menschengeist ersonnen.--— —---— Bekannt ist die Vorliebe der Jugend für alles Buntbemalte. Anläßlich des im Monate September stattgehabten israelitischen Neujahrsfestes sah man nun in sehr vielen Auslagefenstern diverser Papiergeschäfte eine schier endlose Fülle von Neujahrskarten. Es läßt sich einfach nicht schildern, wieviel des Häßlichen und Abgeschmackten hiebei mitlief. Wie weit die Gewinnsucht einzeln r Ansichtskarten-Verleger bei diesem Anlaffe sich v.'rstieg, zeigte beispielsweise eine Karte, darstellend die Kaaba in Mekka und die selbe lügenhaft bezeichnende Bemerkung: „Ansicht von Zion". Biete man doch endlich auf dem Gebiete der darstellenden Kunst auch unserer Jugend etwas wirklich Schönes. Nehme man sich doch das edle, befruchtende Wirken des Bezalel in Jerusalem zum Vorbilde, um durch edle Motive, entnommen dem jüdischen Familienleben, dem palästinensischen Boden, belehrend und veredelnd auf jung und alt einzuwirkrn. Der Förderung des religiös-ästhetischen Sinnes käme die Vertonung vieler unserer herrlichen Psalmen und die Herstellung künstlerisch einwandfreier, selbe dem Verständnis näher bringender Lichtbilder — sicherlich nur zustatten. Unsere jüdische Jugend muß uns jetzt und immerdar ein unendlich kostbarer Schatz, ein Sanktiffimuw sein und bleiben, ganz im Sinne der alten bewährten Jugendlehrer, welche für alle geistigen und sittlichen Regungen der Menschennatur die größte Ehrfurcht beanspruchten. Wien. Josef A n t s ch e r l. Korrespondenzen. Emigrairten-Fürforge der Israelitischen AManr zu WrcN Während der Monate September und Oktober 1912 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz in Wien insgesamt 196 Emigranten, davon 180 russische und 16 rumänische, weiter befördert, und zwar 104 nach den Vereinigten Staaten. 38 nach Argentinien, 24 nach Canada, 14 nach England, 13 nach Frankreich. 3 nach verschiedenen anderen Ländern. In die Heimat zurückbefördert wurden 27 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden im September und Oktober für 75 Personen zusammen 470 Tage Logis und volle Verpflegung gezahlt, und an 148 Emigranten insgesamt 540 ^peisemarken für die israelitische Volksküche abgegeben. Vom Jänner bis Ende Oktober wurden insgesamt von Wien aus 986 russische und rumänische Einig ranken nach überseeischen bezw. westeuropäischen Ländern weiter befördert und 173 Rückwanderer repatriiert Die Ursachen des Mangels an Rabbmvrgrößen in Oesterreich-Ungarn. Sehr geehrter Herr Redakteur! Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Prof. Dr>. Simon Stern-Saaz hat seine in Nr. 43 der „Oesterreichischen Wochenschrift" veröffentlichte Erwiderung auf meine Auseinandersetzungen mit Unrecht eine .Richtigstellung" genannt. Der sehr geehrte Herr Profeffor hat meine Behauptung, datz der böhmische Rabbinerverband sich in Gesellschaft jener befindet, die das Zustandekommen der Gesamtorganisation durch Proteste bei der Regierung stören, nur bestätigt, und dieses Verhalten bloß zu begründen versucht. Aus dem langen Artikel spricht die eeelaäa'militans, als deren Generalissimus nch Herr Rabbiner Dr. Stern der großen Oeffentlichkeit präsentiert. Aber das ist es ja, was die Delegierten der Kultusgemeinden stets davor zurückschreckte, den Rabbinern als einer eigenen, geschloffenen Gruppe jenen Einfluß in der Organisation zuzubilligen, den sie für sich in Anspruch nehmen wollten. Die Idee, welche der Organisation zugrunde liegt, ist eine Vereinigung aller Richtungen im Judentume, aber nicht einer Delegation von Kasten. deren EXistenz oder Entstehen im Judentume nie und nimmer zugegeben werden darf. Der Unterschied zwischen uns und den Herren Rabbinern aus dem Lager des Herrn Dr. Simon Stern ist eben der. daß wir der Meinung sind, datz genau so wie jeder von uns auch der Rabbiner nur ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft ist. deren Gesamtheit das Judentum vertritt, während Herr Rabbiner Dr. Stern und sein Anhang der Ansicht sind, daß die Rabbiner die „Vertreter des Judentums" sind. Wir sind der Anschauung, daß jeder von uns, also auch der Rabbiner, im Gefüge der Gesamtheit sein ganzes Können und Wissen in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen habe, während Herr Rabbiner Dr. Stern und die Gleichgesinnten der einseitigen Ansicht huldigen, daß jeder Widerspruch gegen ihre Mei-