Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 758 Dr. Bkochs Wochenschrift Nr. 45 mittelt. Der Vorsitzende gab bekannt, daß Baron Edmond de Rothschild für den Angola-Erpeditionsfonds 100 Pfund Sterling gezeichnet habe. In derselben Sitzung wurden zwei Kolonisations- Vorschläge überprüft, von denen einer dem amerikanischen Itorate zum Spezialstudium überwiesen wurde. Zangwill brachte ferner einen Brief der australischen Regierung zur Verlesung, aus welchem hervorgehl, daß dieselbe nicht in der Lage sei, die von Zangwill gestellten Bedingungen, welche auf eine konzentrierte jüdische Kolonisation in Westaustralien abzielen, zu erfüllen. In derselben Sitzung legte der gewesene Gouverneur von Natal, Sir Mathew Nathan, der gleichfalls Mitglied des Jtorates ist, die Grundzüge für eine Kolonisation in subtropischem Klima vor, welche Sir Nathan auf Grund seiner reichen, jahrelangen Erfahrungen auf dem Gebiete des Kolonialwesens zusamMengestellt hat. Dieses Elaborat wurde einstimmig angenommen. Am darauffolgenden Tage fand, gleichfalls unter Vorsitz Israel Zangwills, eine Sitzung des Emigrations- Regulierungsdepartements der Ito statt. Ueber Antrag Leopold de Rothschilds wurde dem Mitglieds Lucien Wolf anläßlich des Ablebens feiner Gattin das Beileid ausgesprochen. Ebenso wurde beschlossen, dem Präsidenten des amerikanischen Jtorates, Jakob H. Schiff, über das Hinscheiden des Profeffors Morris Loeb, eines der eifrigsten Mitarbeiter an dem itoistischen Galvestonwerke, das Beileid des Jtorates auszudrücken. Zangwill referierte ferner über den Zweck der Reise des Präsidenten der itoistischen Emigrationsgesellschaften in Rußland und Vizepräsidenten der Ito, Dr. Iochelmcmn, nach Amerika. Er erhofft von dieser Reise weitere bedeutende Erfolge in dem Bestreben der Ito, die jüdische Emigration von den stark bevölkerten Handelszentren Nordamerikas abzulenken. Militärische Belobung. Aus Czernowitz wird uns geschrieben: Dem Major des Armeestandes Bernhard Datiner aus Czernowitz wurde für seine mehrjährige, durch hohes Pflichtgefühl, große Gewissenhaftigkeit und Fürsorge für die Truppe hervorragende Dienstleistung als Stalionsoffizier in Czernowitz die belobende Anerkennung des Korpskommandos im Namen des Allerhöchsten Dienstes ausgesprochen. Heldenmütiges Verhalten jüdischere Soldaten des Königreiches Serbien. In eurem Telegramm aus Belgrad wird berichtet, daß die dortigen Zeitungen über b^e Siege der Balkantruppen in großen Artikeln dem heldenmütigen Verhalten der jüdischen Soldaten Worte begeisterten Lobes widmen. Die Heldentat einer AMztin. In Mannheim hat die im städtischen Krankenhause wirkende Aerztin Fräulein Dr. med. Sidonfe Weinm a n n für eine an tätlicher Blutarmut (Anämie) leidende Kranke im Spital ihr eigenes Blut in erforderlicher Menge für die dem Tode nahe Patientin hergegeben und damit ihre Rettung erwirkt. Eine Preisfrage der Königliche!» Akademie von Belgien. Die historische Sektion der Königlichen Akademie von Belgien hat die folgende Preisaufgabe ausgeschrieben : Welche wirtschaftliche Rolle hatten die Juden in Belgien von den Anfängen des Mittelalters bis zum Ende des alten Regimes. Der Preis beträgt 600 Francs. Zum Fall Cafsirer. ~ Die Annalen der systematischen Zurücksetzung der Juden durch die preußische Regierung sind wieder um ein folgenschweres, bedeutsames Ereignis reicher geworden, und die deutsche Iudenheit steht wieder einmal vor einem Faktum unzweideutiger antisemitischer Gesinnung der obersten Behörden. Der Fall gewinnt noch darum an Bedeutung, weil es sich hier nicht nur um ein jüdisches. sondern auch ein allgemein wissenschaftliches, allgemein philosophisches und damit allgemein kulturelles Interesse handelt: der Fall betrifft die Nachfolgerschaft Hermann Cohens an der Marburger Universität. Hermann Cohen zählte zu den wenigen jüdischen ordentlichen Professoren aus jener guten alten Zeit, da die deutschen Juden noch nicht so stark unter der antisemitischen Zurücksetzung zu leiden hatten. Nun, da er weggeht, scheint sich die Regierung zu beeilen, auch, diesen Stuhl mit einem Nichtjuden zu besetzen, und hat so einen Straßburger Privatdozenten als Nachfolger Cohens berufen. Nun ließe sich, wenn es sich um den gewöhnlichen Fall des Abganges eines Professors handelte, nichts logisch Begründetes gegen diese Berufung sagen. Die Regierung muß ja keinen Juden berufen. Scheinbar also liegt hier gar keine Zurücksetzung vor. In Wahrheit aber ist es anders. Denn hier handelt es sich um etwas ganz Besonderes: Hermann Cohen ist kein gewöhnlicher Philosophieprofessor, sondern Begründer einer ganzen Schule, der in der modernen Philosophie rasch berühmt gewordenen „Marburger Schule". Diese „Marburger Schule" zu erhallen, ist eine Pflicht, die für eine verständnisvolle Behörde ganz selbstverständlich sein sollte, und es ist auch gar nicht daran zu zweifeln, daß die preußische Regierung diese Pflicht erfüllt hätte, wenn sie nur einen geeigneten Kandidaten gefunden hätte. Nun gibt es zwar auch einen geeigneten Kandidaten, ja, er ist eigentlich der einzige Kandidat: Ernst Cassirer, der verständnisvolle und bedeutende Schüler Cohens. Da aber kommt der Haken: Ernst Cassirer ist Jude. Also was schert uns „Marburger Schule" und das Interesse der Philosophie, der Mann ist Jude, es nützt alles nichts, der Mann wird übergangen. Hier liegt der Fall so klar wie selten sonst. Daß hier ein wichtiges philosophisches, kulturelles Interesse geschädigt wird, ist klar, und Paul Natorp hat es nochmals öffentlich erklärt: daß Ernst Cassirer der befähigte Mann wäre, die „Marburger Schule" sortzusetzen, wird niemand, der die W,erke dieses Denkers kennt, bestreiten, und Paul Natorp hat ihn auch öffentlich als den einzigen geeigneten Kandidaten bezeichnet: wenn er also trotz alledem nicht berufen wird, so ist es klar, daß dies seines Judentums wegen geschieht, und Paul Natorp hat dies auch öffentlich angedeutet. An der Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit aber eines Mannes von dem Range Paul Natarps als Mensch wie als Philosoph kann wahrlich kein Zweifel gehegt werden. » Der Eindruck des Schreibens Poincares über die Patzfrage. Das Schreiben, welches der französische Ministerpräsident Poincare an den Präsidenten der Liga für Menschenrechte Francis de Presense in Angelegenheit der Behandlung französischer Juden in Rußland gerichtet hat, hat in den Kreisen der Juden Frankreichs einen geradezu niederschmetternden Eindruck gemacht. Man war wohl darauf gefaßt, daß die französische Regierung keinen entscheidenden Schritt zugunsten der französischen Juden bei der russischen Regierung unternehmen werde, doch konnte man es nicht glauben, daß der französische Ministerpräsident durch eine solche Kundgebung die russische Bureaukratie noch aufmuntern und die amerikanische Regierung wegen ihres energischen Schrittes in der Paßfrage verhöhnen werde, wie dies Poincare getan hat. Mit Recht befürchtet man, wie uns aus Paris geschrieben