Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 754 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 45 Bekenntnisse findet, ohne daß jemandem in seinem Kultus das mindeste Hindernis in den Weg gelegt wird. Die Kämpfe zwischen der serbischen orthodoxen und der katholischen Kirche in den Balkanstaaten sind weit schärfer, als die zwischen Islam und Christentum, was die Religion betrifft. Wiweit das Schlagwort von „Kreuz gegen Halbmond" in Wirklichkeit berechtigt ist, geht wohl am besten aus den Meldungen hervor, daß man im Vatikan die Niederlage der Türken mit Sorge betrachtet. Denn im Bereich der Hohen Pforte konnte sich der Katholizismus ungehindert enffalten, während er unter der Herrschaft der Balkanvölker kaum ungestört bleiben dürfte. Wenn aber auch die Christen sich zurückgesetzt und geschädigt fühlten, dürften sie darum ihr Vaterland auf der Wahlstatt schmählich im Stiche lassen? Darf ein in Oesterreich eingebürgerter, zum Waffendienste verpflichteter reichsdeutscher Protestant auf dem Schlachtfeld desertieren, wenn die Schlacht gegen Deutschland geschlagen wird? Wir möchten sehen, was die antisemitische Presse wohl schreiben würde, wenn die Juden diese Haltung einnehmen würden. Und doch gibt es eine Gelegenheit, in welcher nach der Meinung des „Deutschen Volksblatt" ihnen „kein Gerechtdenkender verargen dürfte, wenn sie sich weigern, ihre Haut zu Markte zu tragen". Rußland und Rumänien sind für ihre Juden kein Vaterland, sondern ein Kerker voll Elend und Leiden. Und doch waren es vorwiegend jüdische Regimenter aus Rußland, welche gegen das anfänglich numerisch weit stärkere Japan in die Avantgarde geschickt wurden und unter riesigen Verlusten am Jaluftusse heldenmütig kämpften. Die Musikkapelle, welche im Kugelregen der Japaner ihre aufmunternden Weisen spielte und bis auf den letzten Mann weggefegt wurde, bestand nach russischen Berichten durchaus aus Juden, aus Angehörigen des Volkes, das in Rußland recht- und schutzlos im Ghetto leben muß. Ein anderes historisches Beispiel, das jetzt stark zitiert wird, brachte die Belagerung von Plewna. Hier hat die rumänische Armee die von Osman Pascha verteidigten Schanzen heldenmütig gestürmt, und in ihr befanden sich nach übereinstimmenden Berichten sehr viele Juden. Man weiß, was die Belohnung der Tapferen gewesen ist, die im Armeebefehl besonders gerühmt wurden. Sie dürfen in Rumänien weder Grundbesitz .erwerben noch ein Handwerk betreiben, sie werden nicht als Staatsbürger anerkannt, aber sie müssen als Soldaten dienen und können als solche keinen Chargengrad erreichen. Jetzt ist es nun sehr leicht möglich, daß sie von ihrem „Vaterland" wieder zu den Waffen gerufen werden, daß Rumänien auf dem Balkan eingreift. Erniedrigt und erdrückt, sollen sie tapfer ihr Leben einsetzen für den Stern Rumäniens. Oder sollen sie es den Christen des Balkans nachmachen, in Massen desertieren, zu Bulgarien oder zu der Türkei übergehen, wo sie die Gleichberechtigung haben? Sollen sie „gerecht" und balkanchristlich handeln und ihr Vaterland preisgeben, oder patriotisch? Das „Deutsche Volksblatt" soll auf diese Frage antworten. DieWroselyten-Gememde in Ungar«. (Die Sabbatarier von Bözöd-Ujfalu.) (Schluß.) Ebenso erhebend war die Feier des Neujahrsfestes (nur einen Tag) und des Versöhnungstages. In Sukkoth, das sie ja auch! im Herbste feierten, nachdem sie die Ernte eingeheimst hatten, sahen sie ein Fest, dessen vornehmste Bestimmung das Wohltun war. Am Pessachabend stiegen in ihrem Gedächtnisse Erinnerungen an das christliche Abendmahl auf, es erhielt dadurch eine doppelte Weihe: der Seder vertrat ihnen das christliche Abendmahl. Obschon sie sich dem Christentum völlig abgewendet und die Dogmen desselben verworfen hatten— sie wollten nichts von der Taufe und am allerwenigsten von d>er der Kinder wissen, selbst das Läuten der Kirchenglocken konnten sie nicht dulden — trotz alldem vermochten sie sich von allen Erinnerungen des Christentums, aus hem sie ja hervorgegangen sind, in ihrem Denken und Tun nicht immer loszulösen. Von unseren Fasttagen scheinen die Sabbatarier keine Kenntnis gehabt zu haben, ebenso wenig von Purim und Chanukka, wenigstens finden sich in ihre!m Gebeibuche keine diesen Festzeiten bestimmten Gebete, Lieder oder Hymnen. Die Feier des N e u m o n d e s jedoch wurde durch besondere Gebete und Hymnen ausgezeichnet. Das Gebetbuch SiMon Pechis ist zwischen den Jahren 1630- 1638 entstanden und enthält nicht nur von ihm selber verfaßte oder übersetzte Gebete, Lieder und Hymnen, von denen manche große Aehnlichkeit mit unseren Selichoth haben, er nahm auch die poetischen Erzeugnisse .anderer Gesinnungsgenossen auf, unter denen sich auch, wie wir gesehen, zwei Rumänen, Georg Schinca und Ghergheli befanden. Um den Sabbatariern den Gebrauch! des Gebetbuches zu erleichtern, versah es Pechi Mit Anweisungen und Erläuterungen. Die literarische Tätigkeit Simon Pechis im Interesse der Sabbatarier beschränkte sich nicht bloß auf die Abfassung des Gebetbuches. Er erklärte auch die Psalmen und legte diesen Erläuterungen Talmud, Midrasch^ R. Hai, Raschi und besonders Kimchi, den er den Weisen nennt, zugrunde. Bei Nennung der Namen dieser Kommentatoren unterläßt er es niemals, hinzuzufügen: „Es ruhe auf ihm der Friede!" Alle jene Stellen der Psalmen, durch! welche nach Auffassung der Kirche Jesus vorausverkündet sein soll, bezieht Pechi gleich uns Juden auf das ganze Volk Israel oder den König David. Vom Pentateuch hat er nur das erste Buch! und einen Teil des zweiten übersetzt und erläutert. Warum hat er nicht den ganzen Pentateuch übersetzt? Dr. S. Kohn meint, er sei daran durch die über ihn hereingebrochene Katastrophe, mit der wir uns sofort beschäftigen wollen, verhindert worden. Sonst besitzen wir von ihm die Uebersetzung der „Sprüche der Väter" pw* "p-s Uebertragungen und Bearbeitungen späterer rabbinischer Schriften, selbst Bruchstücke aus dem Jalkut Schimeoni usw. Dank der unermüdlichen, nach allen Richtungen hin sich erstreckenden Tätigkeit Pechis verbreiteren sich! seine Anhänger in solchem Maße, daß sie bei hen vier rezipierten christlichen Konfessionen des Landes Neid und Furcht erweckten: besonders waren ihnen die Unitaripr feind, da sich die Sabbatarier fast ausschließlich aulf ihre Kosten vermehrten. Schon früher wurden von Staats wegen Versuche gemacht, die Sekte der Sabbatarier zu unterdrücken, so der am 16. April 1595 in K a r l s b u r g (Gyulafehervür) tagende Landtag, der die Unitarier mit den strengsten Strafen bedrohte, wenn sie von ihrem angeblichen Ketzerglauben nicht abfallen und zu einer der vier rezipierten Konfessionen zurücktreten würden. Auch Michael der Tapfere, Fürst der Walachei (1593—1601), dem es gelungen war, sich zum Herrn Siebenbürgens zu Machen, erließ die strengsten Verbote gegen dfe Ausbreitung der Sabbatarier und bedrohte sie mit der Konfiskation ihrer Güter, wenn sie in ihrer Ketzerei weiter verharren würden. Aehnliche Beschlüsse wurden durch S i g m. R ü k 6 c z y und G abriel Vüthory 1610 in Bistriz gefaßt gegen all diejenigen, „die sich Zu dem jüdischen Glauben