Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 44 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 749 Nun besitzt nach Heinrich von Treitschke, dem dies Wort von Juden und Nichtjuden oft nachgesprochen worden ist, der Jude zwar Witz, und zwar recht beizenden Witz, Sarkasmus, aber keinen Humor. Das ist eine von den vielen judenfeindlichen Äbstrahierungen von einem kleinen kreise von Juden, mit dem der Verfasser des genannten Wortes in Berührung kam, und eine ganz ungerechtfertigte Verallgemeinerung. Denn wenn sich auch in den Kreisen der getauften und zur Tauf« geneigten Juden, die Treitschke. und feine Freunde stets als „d ie Juden" ansehen, der alte jüdische Humor wie alles jüdische positive Volkseigentum verflüchtigt hat und nur jener seichte Journalistenwitz und die überlegen sein wollende Spottlust zurückgeblieben sind, so hat doch gerade das jüdische Volk zu allen Zeiten über einen guten Teil gesunden Volkshumors verfügt. Man braucht nur die Lebenserinnerungen A. H. Heymanns zur Hand nehmen und man atmet jenen köstlichen Humor in vollen Zügen, der sich sogar in dem kleinen märkischen Städtchen erhalten hat. Aber der jüdische Witz ist ja bekannt, s o bekannt, daß heute ein Buchhändler nur dann auf einen klingenden Erfolg einer Witzsammlung rechnet, wenn sie in einem jüdischen Gewände erscheint, während sonst doch noch immer das jüdische Milieu nicht gerade zu buch-, händlerischen Erfolgen ermutigt. Es war nämlich seit jeher in nichtjüdischen Streifen bekannt, bah im Ghetto eine eigene Art von Witz und Humor heimisch ist, und die Schlagfertigkeit der Juden war eine Tatsache, die man nicht leugnen konnte. Sie hängt mit der leichten Beweglichkeit des jüdischen Geistes zusammen. Die Neigung und Eignung der Juden zum Witz hat dem nicht gerade schönen, antisemitischen Volkslied „Schmeißt ihn raus den Juden Jtzig, Denn er ist uns viel zu witzig" schon vor vielen Jahrzehnten, wenn nicht noch früher die Entstehung zuteil werden lassen. Man wußte vom jüdischen Witz, man bewunderte ihn sogar, aber man. kannte ihn nicht. Erst der Einrritt der Juden in die moderne Literatur und besonders in die Journalistik hat den Juden als Witzbold eingeführt. Vornan stehen Männer wie Heine und Börne, aber dicht dahinter Kopf an Kopf Männer wie Ludwig Kalisch, Saphir, Stettenheim und die ganze Reihe der Herausgeber und Mitarbeiter der Witzblätter. Manches alte jüdische Volksgut wanderte auf diese Weise vor allem in das deutsche Schrifttum und noch mehr in die mündliche Ueberlieferung der deutschen Nation ein; aber in den allermeisten Fällen war dieser angebliche jüdische Witz bereits der Assimilation verfallen und nach Inhalt und Form der Angleichung erlegen» Ein ganz außerordentlich großer Prozentsatz der heuto als jüdisch umgehenden Witze stammt aus einer viel älteren Zeit und aus nicht-jüdischem Milieu. Namentlich wurden alle alten Witze über Gauner und Betrüger schon aus bloßem Judenhaß ohne weiteres in ein jüdisches Milieu übertragen, und allmählich ist es so weit .gekommen, daß in Berliner jüdischen Kreisen der alte jüdische Witz längst ausgestorben ist, und was heute als jüdischer Witz erzählt und betrachtet wird, ist der Assimilationsrichtung entsprechend ausschließlich antisemischer Witz. Nicht Mzuselten sind solche Witze aus einem ursprünglichen nichtjüdischen Milieu in ein jüdisches so übertragen worden, daß man ohne weiteres noch diese Uebertragung erkennen kann. Aber niemand zweifelt, daß er einen jüdischen Witz vor sich hat, wenn er die Namen Cohn und Phrkus, Abraham und Sarah hört, und deshalb wird er als den Juden zugehörig weiter-. erzählt, obwohl sogar in der Pointe der ursprüngliche nichtjüdische Charakter leicht zu erkennen ist. Mar Oberbreyer macht in einer Anmerkung zu seiner neuhochdeutschen Bearbeitung von Wernhers Meier Helmbrecht auf die Ungeduld .der Gotelind aufmerksam, die auf die dreimal wiederholte Frage, ob sie zum Ehemann den, Lämmerschling wolle, nicht mehr „ja" sagt, sondern verlangt, daß man ihn ihr nun endlich gebe: „Hübsch ist die wachsende Ungeduld der Gotelind in den Antworten gezeichnet. Das erinnert an die Geschichte von jenem Bankier, der auf die gleichlautende dreimalige Frage des Rabbiners: „Nimmst du Rebeckche Cohn zur ehelichen Gattin?" endlich entrüstet ausrief: „Nu. Herr Rabbiner, was fragen Sie noch lange? Wenn Löbel Meier hat gesagt: er nimmt, dann nimmt er"^) Die dreimalige Frage des Geistlichen bei her Trauung ist jedoch christlich, nicht jüdisch, und gerade Meier Helmbrecht zeigt,, daß die Elemente auch dieses Witzes im deutschen SchrifttuMe zu suchen sind, das in jüngerer Zeit alle Gauner und Spitzbuben, aber auch alle Empörkommlinge und Protzen auf die Juden abschob. Man kennt die vielen. Witze und Anekdoten, die von Wränget erzähli werden und die an sein falsches Deutsch Mknüpfen. Sehr bezeichnend für d,en Berliner Dialekt dieses Feldmarschalls, der für mich und dich, stets mir und dir und in der Anrede entsprechend für den Akkusativ Sie die Form Ihnen gebraucht, ist eine niedliche Anekdote, welche Wrangel mit seinem Adjutanten in Disput geraten läßt, ob der König ihn zuerst gegrüßt habe. Wrangel: Der König hat mir zuerst gegrüßt. Adjutant: Mich, Ew. Erzellenz. (Er berichtigt den Sprachfehler.) Wrangel: Wat. Ihnen? Adjutant: Sie, Ew. Erzellenz. Wrangel: Also doch mir! Dieselbe Anekdote erzählt M. Nuöl in seinem Rabbi Lach von dem Vetter eines Dr. Simon Kameelhaair aus Ulanow fn Galizien?) Jeder Gaunerstreich wurde ohne weiteres dadurch zu einem jüdischen Witz, daß man den Gauner Cohn oder Lewy nennt. Schmutzige Witze aller Art wurden an die Namen Abraham und Sarah angehängt, und so ent-s stand das, was man in Berlin allgemein als jüdischen Witz grinsend genießt und womit man dem Juden, her bekanntlich alles mehr als das Judentum kennt, seinen Stamm verächtlich macht. Dieser jüdische Witz hat mit dein Judentum nichts zu tun. Er ist erst durch die Assimilation 'des neunzehnten Jahrhunderts in den Besitz der Juden gelangt, die besser daran täten, dieses unrechtmäßige Eigentum dem ursprünglichen Eigentümer bedingungslos zurückzuecstatten. Ganz unabhängig von diesem „jüdischen Witz" ist daher der wahre jüdische Volkshumor, der natürlich auch in Wechselwirkung zum Humor anderer Nationen steht, der aber sich organisch im Judentum entwickelt hat. Er ist so alt wie der jüdische Stamm, und am Herdfeuer hebräischer Beduinen wurden zweifelsohne witzige Reden gewechselt und humorvolle Geschichten zum Besten gegeben. Man braucht sich nur der Heldenfigur eines Simson zu erinnern, der mit der wilden und unbezw'nglichen Heldenhaftigkeit einen frischen Humor verband, der in seinen den Philistern aufgegebenen Rätseln nachklingt. Mit welchem bitteren Humor verspottet der Prophet Elijjahn') die Baalspropheten: „Rufet mit Lauter Stimme, denn er ist ein Gott, er ist wohl in. Gedanken, oder in Geschäften, oder auf Reisen. Viel- ') Meier Helmbrecht von W e r n h e r dem Gärtner. Die älteste deutsche Dorfgeschichte. Aus dem Mittelhochdeutschen von Tr. Max Oberbreyer. Leivzig ^8781, Seite 58 ^Anm. 1). *) M. 9tuel [b. i. Manuel Schnitzlers: Rabbi Lach und seine Geschichten. 3. Ausl. Berlin (1910). Seite 106/107. 3) I. Könige, Kap. 18, 27.