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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-01 · 44 (1.11.1912) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 748 Dr. BWHs Wochenschrift Nr. 44 verein Frau Marürs Schwarz. Außerdem richteten Ansprachen an den Gefeierten: Direktor M. L. Eisler, Herr Gemeindesekretär und Schuldirektor Voyda, hebräisch. namens des Lehrkörpers und der Kultusbeamten, Herr Dr. Szilärd als Schulpräse-, Herr Moses Krinuer, Kantor i. P., hebräisch, Herr Adolf Hirschfeld (für den Bikur Cholimverein). Alle hoben die Verdienste des Jubilars um das religiöse Gemeindeleben, um die musterhafte Eintracht und den Frieden, welcher in der Gemeinde herrscht, seine Bescheidenheit, seine Gelehrsamkeit, sowohl in der rabbinisch-troditionellen, wie in der modernen Literatur hervor. Auch viele Private gaben ihrer Verehrung für das geliebte geistige Oberhaupt durch pass nde wertvolle Liebesgeschenke Ausdruck. Einen befriedigenden Eindruck machte es, daß auch christliche Honoratioren ihre Teilnahme an der Jubiläumsfeier durch warme Ansprachen hoben, in welcher sie dem Patriotismus, der Liebe zur Nationalsprache bes G feierten Anerkennung zollten Unter anderen erschienen: Oberstuhlrichter D. Friduizky, Schulinspekwr Gustav V. Libertiny, Bürgerschuldirektor L. Lrizär. Der Oberrabbiner erwiderte alle Ansprachen mit innrgen Worten. Der Jubilar hat die Früchte seines schaffenden Gerstes, seiner steigenden Gelehrsamk.it in zwei Bänden: „Tiferet Zcwi" und „Ehawot Jan" niedergelegt, welche seinerzeit von der Fachkritik sehr beifällig ausgenommen wurden. Wr -Neustadt. (Zwischenfall bei einem Leichenbegängnisse.) Der allseits geachtete und bestbekannte Rabbiner Herr Benjamin Weiß, welcher vor zwei Jahren sein 40 jähriges Jubiläum feierte, erlitt vorigen Donnerstag während eines Leichenbegängnisses im hiesigen israelitischen Friedhofe einen schweren Unfall. An demselben Tage wurde die Leiche des auf der Hohen Wand abgestürzten Touristen Adolf Weinwurm aus Wien X. zur ewigen Ruhe bestattet. Nachdem Herr Rabbiner Weiß in der Zeremonienhalle dem Verblichenen einen ergreifenden Nachruf gehalten hatte und der Sarg bereits in das Grab gesenkt worden war, warf Rabbiner Weiß, wie üblich, die ersten drei Erdschollen auf den Sarg. Kurz darauf wurde Rabbiner Weiß von einem Unwohlsein befallen. Die neben ihm stehenden Kultusvorsteher Herr Doktor Wilhelm Wolf und Herr Julius Wolf stützten ihn sofort, führten ihn di? Wohnung des Friedhofaufsehers und nähmen sich sehr an. Der Arzt Herr Dr. Wilhelm Wolf konstatierte sofort eine linksseitige Lähmung infolge einer Gehirnblutung und ordnete dessen Ueberführung mittelst Rettungswagen in die Wohnung des Verunglückien an. In besonders hochherziger Weise nahmen sich der Vorstand der Chewra-Kadischa Herr Adolf Mayer und dessen Stellvertreter Herr Friedrich Weißkopf des auf so tragische Weise plötzlich erkrankten Rabbiners an. Herr Adolf Mayer Pflegte ihn persönlich und begleitete ihn im Rettungswagen in seine Wohnung und ließ ihm seitens der Chewra-Kadischa, dessen Ehrenmitglied der Rabbiner ist, die sorgfältigste Pflege zu teil werden. Auch der Kultusvorsteher Herr Dr. Wilhelm Wolf läßt dem erkrankten Rabbiner durch seinen inständigen Beistand die größte Fürsorge angedeihen. Die plötzliche Erkrankung des Herrn Rabbiner Weiß, welcher sich der höchsten Wertschätzung der ganzen Gemeinde erfreut, rief überall die größte Teilnahme hervor. Von weit und breit laufen fortgesetzt Anfragen nach dessen befinden, welches sich zu Besserem wendet, ein. Auch die Angehörigen der hiesigen anderen Konfessionen, bei denen sich Herr Rabbiner Weiß wegen seiner Toleranz allgemeiner Achtung erfreut, nehmen aufrichtigen Anteil an seinem Schicksal. _ Feuilleton. - (Nachdruck verboten.) Mas sich das jüdische Kolk erzählt. Historisches Allerlei vom jüdischen Bolkshumor. Bin kör g'. Bibliothekar Dr. Heinrich Loewe. Das Schrifttum eines jeden Volkes wird von einer Volksliteratur begleitet, die zwar weniger den strengen Regeln literarischer Gewohnheiten entspricht, dafür aber u'mso tiefer im Volksgemüt wurzelt und ein nicht minder treffendes Bild des Nationalgeistes gibt. Dahin! gehören vor allem das Volksmärchen und das Volkslied, aber nicht weniger das Sprichwort und das Polksfpiel und der Kinderreim. Die heitere Seite dieser Lijtieratur äußert sich in Humor und Witz, dann abelr auch im Schwank, der volkstümlichsten Art des Volksschauspiels. Diese Volksliteratur ist immer in der größten Gefahr, zugrunde zu gehen, da allein schon die, zunftmäßige Literatur und Literaturwissenschaft ihr den Garaus zu machen imstande sind. Und meist kommen die Volkserzählungen und Volkswitze erst dann zur schriftlichen Festlegung, wenn der größere Teil ihres Reich-, tums bereits aus dem lebendigen VolksMund geschwun>- den ist, und wenn die Gefahr sich offenbar zeigt, daß alles verloren gehen kann. Erst unmittelbar vor demdrohenden Untergang beginnen eifrige Freunde ihres Volkes diese köstlichsten Zeugen echten Volkscharakters und Nationalgeistes zu sammeln und zu sichten und der Nachwelt zu überliefern. Es sind das meist dieselben Romantiker, die als Träumer und Schwärmer durch die Welt gehen,- von den nüchternen Denkern und sogar von ihren Mitromantikern als Wolkenwanderer verlacht werden und die mit ihren Träumereien und patriotischen Phantasien in die Jugend 'jene nationalen Sehnsuchtsideale hineintragen, die sie eben zu Romaniiiem machen. Diese Romantik hat das deutsche Volksmärchen in dem Augenblick gerettet, wo es begann, durch die Volksschule und Aufklärung vernichtet und verwandelt zu werden. Diese Romantik, dfe auch im Neidischen Volke jetzt wieder mächtig geworden ist, beinahe noch mächtiger als der Hohn, der ihr stets von den realen Denkern zuteil wird, rettet das idealste nationalc Eigentum im Augenblicke der Gefahr. Denn das große Staubecken des Judentums in Polen und den ehemals polnischen Provinzen, in dem sich Juden und Judentum jahrhundertelang ijn Sicherheit wußten, ist nicht bloß Zum Ueberlaufen vokl, sondern es wird durch die herrschende Macht mit Gewalt von Juden entblößt. Die große Iudenwanderung, die über den Ozean hinüberführt, bringt aber zugleich eine völlige Veränderung. nicht bloß eine Wandlung der äußeren Lebensverbällnisfe, sondern auch mit der neuen Umgebung eine völlig neue Lebensanschauung mit sich. So kommt es, daß diese Wanderung ebenso die alte jüdische Dolksüberltfferung bei den Ostjuden vernichtet, wie diese bereits im mittleren und westlichen Europa in b,en weitesten Volkskreisen zugrunde gegangen ist. Das jüdische Volkslied und das jüdische Volksmärchen machen den Weg über die Se,e nur zum allergeringsten Teile mit. Der jüdische Bolkshumor und das jüdische Volkssprichwort weichen drüben dem amerikanischen Humor, der so ganz anders geartet ist,, und dem Sprichwort, das in den Großstädten New'Vork und Chicago, nicht aber im Ghetto wurzelt. In Rußland und Polen selbst gibt sich gleichzeitig die jüdische Vourgoisie die größte Mühe, das Iüdischdeutfche gegen das Polnische und das Russische einzutaus.chen, und wird hierin trotz allem Nationalismus uno gegen alle Ueberlegung von den Jüidifchnationalen unterstützt, so daß die jüdischdeutsche Sprache in starkem Schwinden begriffen ist, wenn sie auch heute noch von mehr als 96 Prozent aller ruf-, fischen Juden als Muttersprache empfunden wird. Es ist aber keine Frage, daß die jüdische Volksdichtung und der alte jüdische Volkshumor in dem Maße schwinden müssen, als das sprachliche Gefäß, in dem sie sich befinden, zertrümmert wird; und es ist daher die höchste Zeit, aus dem Volksmünde jene köstlichen Erzählungen und Lieder zu sammeln, an denen die Bewohner des Ghetto jahrhundertelang Genuß und Erholung fanden. Es wird die leichtere Arbeit sein, den reichen Schatz an Volksliedern und an Sprichwörtern zu sammeln und zu retten, als die großen Mengen tiefempfundener Volkserzählungen und besonders jenen leichten und heiteren Humor, der zu allen Zeiten im Ghetto die Zeiten der Not und des Unglücks erhellt hat.

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