Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-11-01 · 44 (1.11.1912) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022026--21588-3046690
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

—, Wochechchrfft Nr. 44 grüßte es mit Freuden, daß die „Agudah" keine Kampforganisation gegen andere Organisationen im Judentums sei. Er hoffe in beiden, sowohl in der „Agudah" als auch in der Misrachi, ersprießlich arbeiten zu können. In einer glänzenden Replik bespricht Herr Rabbiner Dr. Klein alle vorgebrachten Bemerkungen. Vorsitzender sagt unter rauschendem Beifall der Versamm!- lung dem Redner den wärmsten Dank und schließt die Versammlung. Nachdem sich eine große Anzahl von Mitgliedern der „Agudah" angeschlassen hatte, fand in Pinkas Restauration (Hotel Rewyork) ein gemütliches Abendessen statt, das, von zahlreichen Reden gewürzt, bis Mitternacht währte. Schriftliche Beitrittsanmeldungen erbeten an die Adresse: Wien, II., Kleine Schiffgasse 10. Bereis der Sabbathfreunde Wien. Mittwoch am 23. Oktober l. I. veranstaltete der Verein der Sabbathfreunde einen Vortragsabend, an welchem Herr Dr. Arnold Klein, Rabbiner aus Nürnberg, der dem Wiener Publikum von seiner glänzenden Rede in der Versammlung der „Agudah" her bekannt war, einen Vortrag über „Die Zukunft des Judentums und der Sabbath" sprach. Lange vor der festgesetzten Stunde war der Saal bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Der Obmann Herr Moritz Felseuburg eröffnete die Versammlung mit einem kurzen Bericht über die diesjährige Vereinstätigkeit und erteilte dem Referenten das Wort. Herr Rabbiner Dr. Klein, stürmisch begrüßt, führte Folgendes aus: „Während mau früher die Lebenskraft des jüdischen Volkes anstaunte, seine Zukunft als fraglos ansah. wurde in der letzten Zeit die Zukunft des Judentums als Problem behandelt. Erst durch den Rückgang des alten gläubigen Judentums wurde die früher feststehende Tatsache zur Frage. Die Erhaltung eines selbständigen aeistigen Seins ist für die Erhaltung des Judentums Voraussetzung.' Für das traditionelle Judentum ist der geistige Inhalt der alte, der gegebene; es ist bereit, dafür jedes Opfer zu bring n, somit lst ihm seine Erhaltung kein Problem. Wohl muß man bedacht sein, in der Ungunst der Verhältnisse Vorkehrungen gegen die Schwierigkeiten zu treffen die dem alten traditionellen Judentum sich entgegenstellcn. Eine solche Schutzmaßregel bilden die bestehenden Vereine der Sabbathfreunde. Der Sabbath nimmt eine derart zentrale Stellung im Judentume und in seinem Gesetze ein, daß trotz der gleichen Verbindlichkeit aller Gebote für ihn besondere Vorkehrungen gerechtfertigt erscheinen. Der Sabbath drückt das Wesen des Judentums am klarsten aus; wer also für die Erhaltung des Sabbath sorgt, sorgt somit auch für die Erhaltung drs Judentums; wer den Sabbath gefährdet, gefährdet das Judentum. Referent führt dann im einzelnen die Gefahren aus, von denen der Sabbath bedroht ist. Zunächst ist er praktisch gefährdet von den Schwachen. Dieselben hangen noch innerlich am Judentum, sie üben noch dessen Gebräuche und Vorschriften, auch die auf den Sabbath bezüglichen; doch sie entweihen iün, wenn auch schweren Herzens, durch ihre gewerbliche, durch ihre Erwerbsarbeit. Sie sind inkonsequent, doch die Inkonsequenz wird früher oder später überwunden und zwar nach der negativen Seite. Allmählich werden die Erinnerungen an deren Jugend und Jugendleben verblassen, man verläßt die Uebung der väterlichrn Lehre, für die Kinder wird das Judentum ein inhaltloser Begriff und sie mehren die Reihen derer, die das Judentum leicht verlaffen. Theoretische Gegner des Sabbath sind diejenigen, die den Sabbath als bloßen Ruhetag, als bloße soziale Einrichtuna bezeichnen. Sie bringen die Frage, ob der Sabbath vcrlegbar ist, absichtlich oder unabsichtlich auf die Tagesordnung. Als entschiedenste Gegner des Sabbath müssen ferner diejenigen, die wie die Vertreter des „liberalen Judentums in Deutschland" den Sabbath erhalten zu wollen vorgeben, sogar die Erwerbsarbeit für verboten erklären, schließlich aber erklären — anstatt für den Sabbath in seiner Reinheit und Heiligkeit zu kämpfen — es gehe auch so, mau müsse den Sabbath aller Erschwerungen zeitgemäß entkleiden. Diese theoretischen Gegner können ihre Auffassung nur im offenen G'gensatz gegen die Quelle, gegen die heilige Schrift vertreten. Der Zweck des Sabbath ist ausdrücklich und deutlich angegeben. Er ist als Zeichen zwischen Gott und Israel, «damit ihr wisset, daß Ich. der Ewige, euch heilige". Ec bezeuzt in sinnfälliger Weise die Theozmtrische Anschauung des Judentums, im Gegensatz zur anthri pozentischen der übrigen Völker. Der Sabbath geht von Gott aus und soll den Menschen seine Stellung und seine Pflichten z-igen. Indem wir den Sabbath hüten, bezeugen wir, daß wir Gott als Schöpfer der Welt anerkennen, daß wir Gottes Diener sind, daß wir von der Erde und deren Darbietungen nur den Gebrauch machen dürfen, den er uns gestattet. Rur wer den L abbath in allen seinen traditionellen Vorschriften einhält, gibt damit Zeugenschaft für seinen Schöpfer. Wer ihn als bloßen Ruhetag ansieht, b'trachiet das Judentum böchstens als ethische Vorschrift. Wer also den Sabbath angreift, greift das innerste Wesen des Judentums an. Gerade weil heute der Erwerbsgedonke überwuchert, muß der Jude sein Judentum besonders hüten. Je schwerer der Sabbath zu halten ist, desto nötiger ist er. Es genügt also nicht, den Sabbath selbst zu feiern, er muß auch dazu mithelfen, daß andere ihn mitfeiern können. Diejenigen, db schwach genug sind, selbst diese Pflicht nicht.zu erfüllen, sollen aus Liebe zum angestammten Judentum diese Kerntruppe, die Sabbathfeiernden fördern und ihnen die Erfüllung ihrer Pflicht leichter zu machen sich bestreben. Alle, insbesonders. die in einflußreichen gesellschaftlichen und öffentlichen Stellungen müssen bestrebt sein, gesetzliche Maßnahmen zu fördern, die den Sabbathfeiernden die Opfer erleichtern. Wer für die Erhaltung des Sabbath einsteht, steht ein für die Erhaltung, für die Zukunft des Judentums. Stürmischer nicht endenwollender Beifall folgte den Worten des Redners. Der Vorsitzende dankt den Erschienenen, insbesonders den Herren Rabbinern, Kultusvorstehern. Professoren und anderen illustren Gästen und schließt mit dem Appell, die Worte des Referenten zu beherzigen und die Ziele des Vereines der Sabbathfreunde zu fördern. Rach Schluß der Versammlung kamen viele Teilnehmer derselben m Restaurant Pinkas (Hotel New-Iork) zum Abendessen zusammen und besprachen in gehobener Stimmung die beiden glänzenden Vorträge des vnekrten Gastes. Herr Wolf Pappenheim feierte den Gast und gab der Freude Ausdruck, daß ein wahrhaft jüdischer Gedanke die sonst von einander getrennte Gesellschaft ffnen könne. Herr Bezirksrat Back dankt Herrn Rabbiner Dr. Klein für seine glänzenden, aus der innersten Ueberzeugung gesprochenen Worte, die auch Fernestehenden dem alten Judentume zurückgewinnen können. Mit. großer Aufmerksamkeit und stürmischem Beifall wurden die Ausführungen des Herrn Dr. I. S. Bloch ausgenommen. Ec rühmte die Gelehrsamkeit des Gastes, dessen Ausführungen eine Fülle von geistiger Anregung bot. „Möge es den Vereinen, denen wir den Genuß danken, Herrn Dr. Klein bei uns zu sehen, gelingen, glänzende Erfolce zu erzielen." Dr. Reiniger wünscht in einem launigen Trinkspruch der gesamten jüdischen Fachpresse die glänzendste Entwicklung, weil sie für ein gedeihliches öffentliches Leben Voraussetzung sei. Herr Sporer wünscht ollen Institutionen, die der Vertiefung der Thora im religiösen Sinne dienen, das beste Gedeihen. Herr Felsenburg feierte die Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit des Gastes. Herr Rabbiner Dr. Klein dankte für die vielen Ehren, die er als unverdient ablehnte, und rühmte die Opferwilligkeit der bürgerlichen (nicht rabbinischen) Mitarbeiter. Herr Oberkantor Müller entzückte durch seine glänzenden musikalischen Vorträge die Gesellschaft. Es war schon Mitternacht längst vorüber, als sich die Gesellschaft in befriedigter Stimmung auslöste. Das Testament eines jüdischen GMerbetreibenden. Vorige Woche Samstag starb der Baufpenglermeister Ferdinand Pick im 657 Lebensjahre. Wie aus dem nun veröffentlichten Testament zu ersehen ist, hat der Verstorbene seinen gesamten Vermögensnachlaß, der ungefähr 100,000 Kr. beträgt, zur Errichtung einer Stiftung für inländische Handwerker bestimmt. Die Zinsen des Vermögens sollen nämlich für bedürftige Handwerker verwendet werden, die seinerzeit unter der Obhut des Vereines zur Förderung der Handwerker unter den inländischen Israeliten gestanden sind. Pick war selbst einer jener, deren sich der Verein während seiner Lehrlingszeit in Wien fürsorglich angenommen hatte. Die Stiftung des Spenglermeisters wird nun von der Finanzprokuratur verwaltet werden, und es ist vorgesehen, daß — falls sich nicht ehemalige Schützlinge des Vereines bewerben — auch andere bedürftige Handwerker und Lehrlinge nach dem Ermessen der Stistungsbehörde beteilt werden. Der verstorbene Bauspenglermeister war unverheiratet. O!>mütz. Das „Mähr. Tagblatt" schreibt: Der Dominikanerpater Schnee, dieser klerikale Heißsporn, dessen Predigten schon sehr oft ausgesprochene politische Erzesso waren, scheint den letzten, mühsam gewahrten Rest priesterlicher Mäßigung verloren zu haben. Die Predigt, die er vorige Woche in der Dominikanerkirche hielt, überbot wenigstens, wie uns Ohrenzeugen berichten, alles, was P. Schnee in dieser Richtung an „Gottes Wort" gef. boten hat. Er wellerte gegen „Juden, Sozialisten und Freiheitliche", und wutschnaubend apostrophierte er die Anhänger der fakultativen Feuerbestattung — expressis verbis! — als „diese Tiere!", nachdem er zuvor das Prinzip der Feuerbestattung beispiellos verdächtigt und bespöttelt hatte. Die Verlegung der Friedhöfe aus dem Stadlbilde hinaus habe nur die Furcht vor dem Tode zur Ursache, die hygienische Rücksicht sei Nur ein —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.