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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-25 · 43 (25.10.1912) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
43 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seile 733 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 43 Hof; II. Kassier: iur. Paul Brach; I. Schriftführer: 63uä. areli. Heinrich S ch ö n g u t; II. Schriftführer : iur. Hugo Relbl; Bibliothekar : eliem. Max Sonn; Zeitungsverweser: iur. Hans S a d g e r; Haueverweser: iur. Wilhelm Knöpfelmach e r. Simon Bnchwalr» Eine markante Persönlichkeit der großen Wiener jüdischen Gemeinde, ein Mann, weit über die Grenzen unserer Stadt durch sein eminent humanitäres Wirken — er nahm sich armer und kranker Glaubensgenossen, die von nah und fern kamen, um hier Hilfe und Heilung zu finden, besonders an — in allen Kreisen unserer Großstadt gekannt, geachtet und verehrt, Vater Simon Buchwald, ist in der Nacht vom 20. zum 21. dieses Monats nach dreitägiger Krankheit im 80. Lebensjahre von uns geschieden. Buchwald war Präses der Talmud-Thora-Synagoge in der Mahgasse im zweiten Bezirke und des schon viele Jahre bestehenden Thora-Kenntnis verbreitenden Vereines „Bet-Hamidrafch-Talmud-Thora" und hat sich um die religiöse Belehrung der der Schule entwachsenen jüdischen Jugend durch Veranstaltung von speziellen .Vorträgen durch gewiegte Fachmänner besondere Verdienste erworben. Sein segensreiches Wirken wurde allgemein anerkannt und kam die Nachricht von seinem Hinscheiden wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Die Erbauung einer Synagoge im k. k. Allgem. Krankenhause und die Versorgung vieler Kranken mit ritueller Kost durch den Krankenverein, an dessen Spitze der hochgeachtete Herr Markus B o n d i schon seit langem steht, sind größtenteils Schöpfungen Simon Buchwalds. Montag den 21., um 7Uhr abends, fand die Ueberführung der Leiche von der Wohnung aus nach Preßburg statt. Zu Füßen seiner frommen Eltern wollte der Verewigte seine letzte Ruhestätte finden. Der Wiener Kultus-Vorstand, unter Führung seines Vizepräsidenten des Herrn Landesschulrats Doktor Gustav K o h n, viele Rabbiner. Honoratioren und Freunde des Verewigten füllten die Wohnung, und wandte sich die Teilnahme aller der trauernden Witwe und ihrer Familie zu. Der Schwiegersohn, Herr V a r k a n y, verabschiedete sich im Namen der Familie von deren Oberhaupt, kein Auge blieb dabei tränenleer. Dem Sarge folgte, es war 7 Uhr abends, ein sehr langer Zug von Trauergästen bis zum Tempelhofe im nahen Talmud- Thora-Gebäude. Der Sarg .wurde daselbst auf einen Katafalk gestellt, und als erster Redner sprach Herr Vereins-Rabbiner Schenk. Ihm folgte als Vertreter des Bet-Hamidrasch-Talmud- Thora Professor Antscherl und als dritter sprach Herr Oberlehrer K o h n. Feierlich ernst, der traurigen Stimmung Rechnun tragend, klangen unter freiem Himmel die Worte der Vortragenden, nach deren Schluß der Sarg gehoben und zum Leichenwagen getragen wurde, und zwar zur Fahrt nach Preßburg. Ein langer Zug gab dem Wagen noch das Geleite und um 6 Uhr war die imposante Totenfeier in Wien zu Ende. Sie galt einem innig religiösen, sehr verdienstvollen Manne und einem wahren Menschenfreunde. Heber die Bestattung in Preßburg, die Mittwoch Nachmittag stattsand, berichten wir in der nächsten Nummer. A. Wien. Vor kurzem starb hier Frau Cäcilie Schimetschek, Gattin des Herrn David Schimetschek, im 68. Lebensjahre nach 46jahriger überaus glücklicher Ehe. Die Heimgegangene war eine edle Frau von Geistes- und Gemütsbildung, voll Bescheidenheit und vornehmer Gesinnung, und die allgemeinen Sympathien, deren sie sich im Leben erfreute, kamen in der zahlreichen Beteiligung weiterer Kreise bei der Beerdigung zum Ausdruck. Rabbiner Dr. Grumvald zeichnete ihren Charakter und das Bild ihres Lebens in ergreifenden Worten. Wien. Am 14. cr. fand im Kultustempel XV., Turnergasse 22, eine feierliche Trauerandacht für die im Vormonate verstorbene Frau Regine Landeis statt. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Mar Grumvald gedachte in ergreifenden Worten der hervorragenden Eigenschaften der bekannten Wohltäterin, ihr Erscheinen und gemeinnütziges Wirken mit dem Erscheinen und Auftreten Deborah's vergleichend. Oberkantor Schleifer, von den Chorsängern des Kultustempels unterstützt, trug die Gebete und religiösen Gesänge in formvollendeter Weise vor. Die Beteiligung an der Trauerfeier war überaus zahlreich. Neben der r, Familie sowie den Beamten und Arbeitern des Unternehmens, welches die Dahingeschiedene gegründet hatte, waren die Freunde und Bekannten der Verewigten in großer Zahl erschienen. Auch viele Wohltätigkeitsunternehmungen hatten Delegationen entsandt. Wir bemerkten unter anderen in Vertretung der israel. Kultusgemeinde deren Ersten Sekretär Herrn kais. Rat Dr. Lieben, sowie deren Vorstandsmitglied Herrn S. Steiner, Herrn Dr. Carl Löwy, Herrn kais. Rat Julius Stern, die Herren Kommerzialräte Baß und Rosenzweig und viele andere. Die Vorstandsmitglieder der Vereine, an deren Spitze Regine Landeis stand, waren vollzählig erschienen. Mehr als 100 Kinder, Schützlinge des Ausspeisungsvereines für den XII.—XV. Bezirk, des Kaiser Franz Josefs-Ferienhortes und der Heimstätte nahmen in musterhafter Haltung und unter Aussicht des Herrn Oberlehrers Kreisky an der erhebenden Trauerandacht für ihre dahingegangene Hüterin und Führerin teil. Wien. (Allgemeiner K r an k e n - U n t e r st ü tzun g s- Verein „M enschenlieb e".) Zu Gunsten des Vereines veranstaltet das Veranüaunas-Koin'tee am 3 November d. I. eine große Abendvorstellung im Z"ckns Busch-Variete mit gewählt dezentem Programm und anschließendem Tanz. Karten im VereinSlokale: lX. Ber., Porzellangasse 22, Cafe „Jägerhof" von l—3 Uhr nachmittags und von 6—*/,8 Ubr abends. Wien. (Jüd. Turnverein Favoriten.) Dienstag, den 29. Oktober, findet im Saale des jüd. Schulvereines, X., Hasengasse 7, präzise 8 Uhr abends, der erste Vortragsabend dieses Jahres statt. Thema: Zur Frage der jüd. Erziehung. Ref. Turnleiter Herr cand. med. Ad. .T a g l i ch t. Gäste zerzlichst willkommen! Tefilatt Hanoriur. (Ein Lebens-, Leidens- und Zukunftsbild) So lese ich: »Jaum l’jaum jabia aumer, w’lajioli riajloh j^chajeh doath*: Jede Zeit hat der ihr folgenden das Gesetz zu überliefern, es ihr lebendig zu erhallen. Das besagt mir: Wir haben die Pflicht, die Lehre, jüdischen Fug und Brauch, in das Geleise zu bringen, das für die kommende Generation gangbar ist, das ihrem Verständnis, ihrer Zeitlage entspricht. Wir haben die Pflicht, das Erbe zu wahren, und müßten wir selbst Opfer der liebgewordenen Tradition bringen, müßten wir auch manches Außenwerk aufgeben. Wenn nur der feste Turm bleibt. Forscht man nach der Ursache des bei uns herrschenden Jndifferentismus, so ist die Antwort eine Resultierende mehrerer Komponenten: des jähen Ueberganges vom Ghetto zum völligen Auseinanderstreben, wodurch zahlreiche Gemeinden verfielen; des gesteigerten Lebenshungers und wieder der wirtschaftlichen Depression, der geschäftlichen Hast. Nach meinem Dafürhalten muß — ohne daß die Schule ein Vorwurf trifft — jedoch noch elftes Moments gedacht werden: Die Jugend hat in den letzten Jahrgiehnten im Unterrichte nur Formen erhalten, Gefäß ohne Gehalt. Was nützt aller Unterricht, die beste Anleitung, wenn die Betätigung, die praktische Folge ausbleibt, wenn es bei der bloßen Theorie sein Bewenden hat? Welchen Wert haben die schönsten Blüten, wenn aus Ast und Zweig die Frucht nicht reift? Wenn -das Kind nicht mit lebendigem Interesse erfüllt, wird, wenn seine Gefühlswelt, seine Eedankenrichtung der unfern so fern bleibt, wie West von Ost: wenn es die Frage nicht überwinden gelernt hat: Was soll Euch Euer Dienst? ,.Gewölk ohne Regen". Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich, als ich an einem Jom Kippur Zeuge wurde, wie ein junger Mensch arretiert werden sollte, weil er mit aller Macht ohne Einlaßkarte in. den Tempel dringen wollte. Der rasch eingreifenden Jnterxvention gelang seine Freilassung und er beklagte sich bitter über die Verhinderung, er werde nun auch spazieren gehen. Dies drang mir tief in die Seele, ich erklärte mir nun die vielen jungen Spaziergänger beiderlei Geschlechts an solchen Tagen, die in den Straßen und Gärten zu bemerken waren und ihre solchermaßen eintretende Entfremdung vom Judentum war mir kein Rätsel mehr. Dieser Entfremdung der Jugend, folgerte ich, muß mit allen Mitteln vorgebeugt werden, der Gleichgültigkeit muß intensive Erwärmung begegnen. Also denkend, fing ich meinerseits. bald schwache Versuche in dieser Richtung an. Ein glücklicher Zufall führte mich mit dem gleichgesinnten Herrn Joachim Gollerstepper zusammen, einem Greise von 75 Jahren, aber feurigem Gemüte und von raschem Griffe. Bald waren Statuten für einen Verein zur Pflege des lJugendgottesdienstes an den Feiertagen vorhanden, einen Verein, der allerdings nicht recht prosperieren wollte. Doch es fanden sich im Vorstände der Kultusgemeinde einsichtsvolle Männer, die die Sache förderten, und in langsamem Tempo offenbarte

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