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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-25 · 43 (25.10.1912) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
43 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Bl ochs Wochenschrift Sette 723 daran denken werden, daß der Glaubensbruder im Feindeslager gleichfalls jenen Juden entstammt, die am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aus Spanien vertrieben und von der Türkei gastlich aufgenommen wurden . . . ___Der Doyen der französischen Geniale. Als vor kurzem die übrigens falsche Nachricht durch die Weltpresse ging, daß der ungarische General Arthur von Görgey, der älteste lebende General, gestorben sei, erinnerten die französischen Blätter an den Doyen der französischen Generäle. Es ist dies der jüdische General Brisac, der am 9. Juni 1817 in Luneville in Lothringen geboren wurde. Nach Absolvierung seiner technischen Studien in Metz, wurde er im Jahre 1841 Leutnant der Artillerie und fünf Jahre später Kapitän. Vom 17. Mai 1849 bis zum 29. Juni 1850, also bereits! vor 62 Jahren, nahm' er an der Belagerung Roms teil. Schwer verwundet, erhielt .er das Verdienstkreuz der Ehrenlegion. Als kaiserlicher Gardekapitän nahm er an den Kämpfen in Italien unter Canrobart teil. Er war Direktor der Artillerie, als im Jahre 1870 der deutschfranzösische Krieg ausbrach und er der Rheinarmee zugeteilt wurde. Hier geriet er in preußische Gefangenschaft und blieb bis 1871 als Gefangener in Koblenz. Seit 33 Jahren wird er als General der Reserve geführt. Ein jüdischer Bürgermeister in Norwich. In der englischen Stadt Norwich wurde der bekannte jüdische Politiker Arthur Samuel zum Bürgermeister gewählt. Der neugewählte Bürgermeister steht erst im 38. Lebensjahre und dürfte der jüngste Lordmayor von England sein. Diese Wahl ist historisch nicht uninteressant. Norwich spielt in der Geschichte der Juden eine traurige Rolle. In dieser Stadt wurde die erste Nitualmordlüge gegen die Juden erhoben. Es war das Irrt Jahre 1144, als ein Jude, gleichfalls mit dem Familiennamen Samuel, von der wütenden Volksmenge auf offener Straße verbrannt wurde, und als man im Jahre 1290 die Juden aus Norwich vertrieb, befand Gch unter ihnen auch die Familie Samuel. Nun hat dieselbe Stadt Norwich einen Samuel, der sich um das Aufblühen der Stadt überaus große Verdienste erworben hat, mit der Wahl zum Lordmayor ausgezeichnet. Erne Blb.lauSftellung. Aus Stuttgart ichräbt man uns: Anläßlich des hundertjährigen Bestehens der wölltemberglschen Bibelanstalt wurde in der F sthalle unseres Landesgrwerbemuseumr eine üderau? intetiffunte Ausfüllung von Bweldrr-ck n und von wichtigen Handschriften und Drucken, die sich auf die Grsch chle der Bibel beziehen, für die Dauer des Monats Oktober veranttallet. Die LandrsbidUoth k hat aus ihren konbaren Schätzen dazu reichlich beigesteuert Uralte Bibeln in beb älicher, griechischer, lateinischer und altdeutscher Sprache liegen auf. sodann viele Bib-'ln in allen modernen Sprüchen. Bon den vielen Bibe.n ai S den verschiedenen Missionsgebreten ist die mertwürdraste eine auf Palmbtättern nicdergeschriebene. In der Avteiluna der Handschriften erregen besoilderes Aufieben der von T'ichendorf rm Katkaimenk otter auf dem Sinai entdeckte Codex Sinaiticus (vermutlich etne der Prachtbi"eln, die Kaiser Konstantin für die GoUestiouser in seiner neuen Hauptstadt Konstai'tinoptl Herstellen ließ), der Codex Vaticanus (Handschrift des großen Kirchenlehrers Athanasius?) und Codexi), att>atei»>fche Bruchstücke der so enannten Jtala. B.merk nsweil sind auch die Blmdenbtbeln in lateinischer Versal- und rn Bra'llescher Punlturschrifl. Die Wiedererbauung -es Salomonischen Tempels. In einem Londoner sonst sehr ernsten Blatte lesen wir die folgende abenteuerlich klingende Mitteilung: Der Freimaurerorden beschäftigst sich jetzt mit dem Plane, in Jerusalem einen Tempel zu errichten, der genau so erbaut werden soll, wie der seinerzeitige Tempel Salomos. Dieser Tempel soll auch die Zentrale der Freimaurerorganisation werden. Zu diesem Zwecke soll eine eigene Jerusalem-Loge gegründet w>erden, welcher die einflußreichsten Mitglieder des Ordens in allen Staaten und aller Nationalitäten angehören sollen. Die Pläne, des salomonischen Tempels sollen auf Grund der biblischen Beschreibung genau studiert und der neue Tempel genau nach dieser Beschreibung ausgeführt werden. Wie das Londoner Blatt weiter berichtet, hätten die Freimaurer sich der Hoffnung hingegeben, daß ihr Plan von den Juden, welche den Wiederaufbau des ersten Tempels herbeifehnen, sympathisch ausgenommen werde. In dieser Hoffnung hätten sie sich jedoch getäuscht, da ihnen in diesen jüdischen Kreisen entgegengehalten wird, daß die Juden, welche an eine Wiedergeburt des heiligen Landes glauben, einen Temp.el herbeHchnen, den sie, selber erbauen können. Nicht aber den Tenrpel der Freimaurer. S. Fr. Beer. Aus Florenz kommt die Nachricht, daß dort der Bildhauer Samuel (Friedrich) Beer gestorben ist. Ohne Leiden, ohne Krankheit, ganz plötzlich. Er war am 18. d. abends nach Hause gekommen und am anderen Morgen fanden ihn seine Hausleute vollständig angelleidet, den Hut auf dem Kopf, den Ueberrock auf der Brust geöffnet. tot im Fauteuil sitzen. Ein Herzschlag hatte das Leben des hochbegabten Künstlers ausgelöscht. Seinen unerwarteten Tod werden auch in Wien viele Freunde betrauern, denn er hat hier Zeinen Teil seiner Jugend/ zugebracht. Als Sohn eines Kaufmannes am 1. Septejmber 1845 in Brünn geboren und als Lehrling beij eincnn Drechsler beschäftigt, fing er gleich vielen anderen, namentlich Tiroler Plastikern, mit dem Schnitzmesser zu arbeiten an. Bald aber litt es ihn nicht mehr bei Bein und Meerschaum, und er ging an die Wiener Akademie, später zu weiterer Ausbildung nach Rom. Dort erlebte er schöne, fröhliche, aber auch fleißige Jahrei'm Palazzo Venezia als einer der beliebtesten jungen.- Mitglieder der österreichischen Künstlerkolonie. Er schuf schon manches hübsche Werk und bestand manches Abenteuer. Darunter auch ein Pistolenduell, das merkwürdigerweise im Hofe des Palazzo Venezia ausgetragen wurde. Als Beer in den Sechzigerjahren nach Wien zurückkehrte, war er bereits ein fertiger Meister. Er fand Anerkennung, erhielt aber wenig Aufträge. Es ging ihm knapp, und da faßte er 1874 den kühnen Entschluß^ nach Paris zu gehen. Er sollte ihn nicht be.-euen, denn Paris brachte ihm das Glück, das ihm Wien versagte. An den berühmten Maler Munkacsy empfohlen, der damals in Paris ein großes Haus führte, hatte er den guten Einfall, dessen Büste zu modellieren und im „Salon" auszustellen. Die Büste ward ob der feinen Ausführung und der sprechenden Aehnlichkeit allgemein bewundert; ihr Schöpfer lernte im Hause Munkacsys viele bedeutende und vornehme Persönlichkeiten kennen, unter anderem auch den Herzog von Aumale. So war er, den man in Wien beinahe übersehen, in Paris, binnen Jahresfrist ein hochgeschätztes Mitglied der dortigen Künstlerwelt geworden. Er hätte, wenn er ein wenig praktisch gewesen wäre, ein Vermögen Äwerben können, aber auf Gelderwerb und Sparen verstand er sich schlecht. Einige seiner Statuen, darunter namentlich der junge Dürer, machten in Frankreich und Deiutschland Aufsehen. Seine Arbeiten waren eigenartig, verbanden ideale Auffassung mit realistischer Ausführung. Vor sechs oder sieben Jahren übersiedelte er nach Florenz, wo sich kurz vorher sein Schwager Markus, dessen feingebildete und kunstsinnige Gattin Berta Beers Schwester war, bleibend niedergelassen hatte. Er erreichte dort den Höhepunkt seiner Kunst. Die lebensgroße Büste einer wunderschönen Engländerin und zwei Athletengestalten, die er in letzter Zeit geschaffen, zeigen deutlich, wie er an der Schwelle des Greisenalters sich noch vervollkbmmnete. Er gehörte zu jenen Künstlern, die k.inen Stillstand ihrer Leistungen dulden, die sich auch noch im Alter zurufen: „Erzelsior!" Und dabei war er ein. tüchtiger Mann und ein guter Mensch.

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