Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. Mochs Wochenschrift Gelte 7 2 R-.f43 ihr Land und ihre Kirche, die Bulgaren schlachten womöglich alles ab. was sich nicht zu ihnen bekennt und der. montenegrinische Teil der Mallissoren arbeitet nach seiner Art für den Katholizismus. Das ist das Wesejn der Bandenkänrpfe, gegen welche die türkischen Truppen deswegen fortwährend zu Felde ziehen müssen, damit sich die christlichen Konfessionen im Lande gegenseitig nicht ganz umbringen. Nie würde die Ironie der Geschichte größer werden, als wenn die vier Balkanstaaten wirklich siegen und Macedonien unter sich, teilen sollten. Dann würde erst der Kampf unter ihnen selbst entbrennen um jene Form des Kreuzes, welche jedser von ihnen geheiligt zu sehen wünscht, ujnd jenen Teil der Provinz, den jeder der Staaten national zu besitzen behauptet. Das wäreauch die richtige Antwort für das nichtoffizielle Russland, für die Panslavisten, welche jetzt Hetzen, datz man! den christlichen Brüdern zu Hilfe kommen müsse und die Türkei Zu Reformen zwingen müsse. Wünschen sie vielleicht, datz man im Namen des Christentums in der Türkei Sibirien, die Ochrana und die Pogroms einführe? Im übrigen gibt es jetzt keinen schärferen Religionskon flikt als den zwischen katholischer und orthodoxer Kircheh Aus der Seite der Montenegriner nun haben katholische Franziskaner zu den Waffen gegriffen, rn den Reihen der serbischen Freischärler kämpfen auch die Popen. Man darf wohl neugierig sein, wie sich diese Kämpfer die Beute teilen werden, wenn mit ihrer werktätigen Hilfe das Kreuz den Halbmond besiegt hat. Vom Jahrmarkt des Lebens. „Ern Vorschlag des Ministers Sasorwtv."; Unter diesem Titel veröffentlichte „L'Univers Jsraelite" in Paris die folgende traurig-lustige Satyre, durch welche die gegenwärtige Situation der Juden gegenüber den Christen des Balkans so recht beleuchtet wird: Gegenwärtig zirkuliert, so lautet der Artikel, in Paris eine Neuigkeit, welche unsere Leser sicherlich lebhaft interessieren wird. Der Held dieser Nachricht ist Mr. Sasonow. Am Schlüsse einer der vielen Konferenzen, die er in den letzten Tagen in Angelegenheit der Balkankrise mit Poincarä hatte und welcher auch Vertreter anderer Staaten beiwohnten, sprach Sasonow die folgenden mutigen Worte: ,,Die Gerechtigkeit fordert es, datz der Demarche, welche wir im Begriffe sind, in Konstantinopel vorzunehmen, analoge Schritte mit gleicher Entschiedenheit und von denselben Mächten nicht weit von Konstantinopel, und zwar in Bukarest, folgen. Was wollen wir eigentlich in Konstantinopel jetzt unternehmen? Der Türkei die Durchführung des Paragraphen 23 des Berliner Vertrages aiMwingen. Es ist doch sicherlich gerecht, datz die Signatarmächte dieses Vertrages darauf achten, datz die Verpflichtungen desselben auch eingehalten werden. Was ist's aber mit dem § 44 desselben Vertrages, der von Rumänien mit solcher Grausamkeit mißachtet wird? Dürfen wir uns gleichgültig zeigen dem Vertragsbrüche des einen Landes gegenüber, wenn wir auf der änderen Seite bereit sind, selbst die Kriegsfackel in das Andere Land zu werfen, weil es einen anderen Punkt dieses Vertrages nicht eingehalten hat? Ist denn der eine Vertragspunkt nicht genau so den Rücksichten der Menschlichkeit entsprungen und hat denselben Zweck verfolgt, wie der andere? Was wird die öffentliche Meinung zu dieser ungleichen Behandlung und Bewertung dieser zwei Verpflichtungen desselben Vertrages sagen? Hier in Mazedonien erklären gewalttätige Volksstämme, datz sie schlecht regiert seien, zumal sie selber nicht herrschen können. Sie fühlen sich verfolgt, hauptsächlich deshalb, weil sie nicht selber verfolgen können. Europa fliegt zu ihrem Schutze. Das sind Christen. Dort in Rumänien sind es friedlos Untertanen, die nur eines verlangen: das Leben, und nur eine Gnade: die Freiheit zum. Arbeiten: Europa kümmert sich nicht um sie. Das sind Juden. Hier ist der Angeklagte ein Muselmann. Er ist natürlich schuldig, man verurteilt ihn, ohne ihn zu hören. Dort geht der Schuldige in die Kirche und er erhält von, vorneherein das Absolutorium. Die gemeinsamen Heiligenbilder schützen ihn vor den Folgen seines Verbrechens. Leben wir denn noch. in der Zeit der Kreüzzüge? Und darf Europa in der Welt den Glauben erwecken, datz es mit zweierlei Matz mitzt? Es ist wohl wahr, § 23 des Vertrages zwingt zur Anwendung der Gewalt. Während ß 44 desselben Vertrages nur die Stimme des Rechtes zu seinem Verteidiger hat. Hier gibt es kein Volk unter Waffen, um die Rechte der Juden zu schützen. Aber darf das geeinigte Europa die Annahme aufkömmen lassen, datz es ihre koalierte Macht ausschließlich in den Dienst der Macht stellt, und datz das Recht, das sich nicht auf Bajonette stützen kann, für sie gar nicht existiert? Und der gesetzliche Beschützer der Ehre Europas, Sasonow, schloß seine Ausführungen mit der Erklärung, datz er sich bemühen werde, die Regierung zu St. Petersburg für seine Anschauung zu gewinnen und datz er gar nicht zweifle, datz die Regierung der Republik die erste sein wird, die sich ihm anschlietzt. Und datz er schließlich daraus rechne, datz Poincare mit ihm die Mittel und Wege ausfindig machen werde, um seine Vorschläge in die Tat umzusetzen. Es ist das eine sehr zutreffende, aber bittere Satyre. Die Juden in den kriegführmdM Valkanstaaten. In sämtlichen Staaten des Balkans, welche gegenwärtig in einen Krieg verwickelt find, leben die Juden im Genüsse vollster bürgerlicher Gleichberechtigung. Sie nehmen in den betreffenden Staaten auch eine bedeutende Rolle spielende soziale und politische Stellung ein. Hauptsächlich ist dies in den zwei wichtigsten Staaten, die in diesem Kriege in Betracht kommen, in der Türkei und in Bulgarien, der Fall. Die 40,000 Juden, die in Bulgarien leben, wohnen nicht bloß in den Städten, sondern sind auch auf die Dörfer verteilt, in denen sie Ldndwirtschaft treiben und mit der Bauernbevölkerung im friedlichsten Einvernehmen leben. An den Fortschritten, welche das bulgarische Militär auszuweisen hat, haben die Juden einen nicht geringen Anteil. Bezeichnend ist, datz die bulgarischen Juden seit dem bulgarisch-serbischen Krieg im Jahre 1878 ein eigenes jüdisches Freiwilligenkorps erhalten, und die bulgarischen Blätter wiesen wiederholt darauf hin, datz dieses jüdische Korps zu den tapfersten und verläßlichsten zählt und auch eine ruhmreiche Vergangenheit besitzt. In dem obenerwähnten bulgarisch-serbischen Krieg hat dieses jüdische Freiwilligenkorps ganz selbständig einen sehr wichtigen strategischen Punkt unter besonderem Heldenmut besetzt und dadurch einen späteren Sieg herbeigeführt. Unter solchen Umständen ist es wohl nicht zu verwundern, datz die bulgarischen Juden in ihrem glühenden Patriotismus jeden wehrfähigen Mann mit Vergnügen in die Front schicken, um dem Vaterlande zu Hilfe zu eilen. Aberauch in .der Erbringung-, materieller Opfer stehen, wie die bulgarischen Blätter besonders betonen, die jüdischen Staatsbürger obenan. Die Juden in der Türkei zeigen dieselbe Opferwilligkeit und Entschlossenheit zur Verteidigung ihres Vaterlandes. Die ottomanifchen Juden, deren größter Teil in der europäischen Türkei lebt, werden seit der Zulassung der nichtmohammedanischen Ottomanen zum Militärdienst jetzt zum erstenmale in die Lage versetzt, als türkische Soldaten in größerer Zahl für ihr Vaterland zu kämpfen. Und es vergeht fast kein Tag, wo die ottomanischen Juden nicht neue und erhöhte Beweise ihres Opfermutes und ihrer Bereitwilligkeit erbrächten, Gut und Blut für ihr bedrängtes Vaterland zu opfern. Allsabbathlich wird jetzt in den Synagogen durch den Rabbiner die jüdische Bevölkerung ausgefordert, dem Paterlande zu Hilfe eilen. Und diese Appelle werden mit En? thusiasmus ausgenommen, und in allen Städten, in denen die Juden in größerer Zahl leben, melden sich jüdische Freiwillige, die sich für den Krieg anwerben lassen. In Konstantinopel, im Stadtbezirke Haskeuy, fand eine von vielen Tausenden besuchte jüdische Versammlung statt, in welcher eine neuerliche Verbrüderung zwischen Juden und Mohammedanern stattfand und mit der Wahl eines Komitees endete, das die Aufgabe hat, in den jüdischen Vierteln über die Pflichten des Patriotismus aufklärend zu wirken. Der „Rote Halbmond", eine nach dem Muster des „Roten Kreuzes" geschaffene Institution, zählt zu den Hauptförderern Juden. Jüdische Frauen haben sich in allen Städten zu Vereinigungen zusammengetan, um sich an dem Hilfswerk zu beteiligen. Und die Bedeutung dieser Erscheinung wird noch durch den folgenden Umstand erhöht. Während die vier verbündeten Balkanstaaten unter dem Schlagworte gegen die Türkei ziehen, daß sie die Rechte ihrer in der Türkei lebenden christlichen Glaubens-, brüder verteidigen und für die Dauer sichern müßten, während ferner die Türkei den heiligen Krieg proklamiert, um den Mohammedismus gegen. die drohende christliche Oberherrschaft zu ver-, leidigen, ziehen die jüdischen Bürger der kriegführenden Staaten in den Krieg, weil das Vaterland, in Gefahr ist. Sie ziehen in den Krieg und werden mit Todesverachtung kämpfen^ trotzdem es auf der einen Seite sich um die verletzten Rechte der Christen, und auf der länderen Seite um die.bedrohte Existenz des Motz ammedanismus in der Türkei handelt. Undnoch etwas. Sie1 werden ehrlich und tapfer kämpfen und streiten, selbst dann, wenn sie im Kampfe ihrem Glaubensbruder desfeindlichen Staates Aug in Auge gegenüberstehen werden.. Und sie . werden ehrlich und mit Todesverachtung kämpfen .und' streiten, selbst wenn sie