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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-18 · 42 (18.10.1912) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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fti. 4*2 Dr. Blochs Wochenschrift Seile?ls> einige Monate, in denen unser Renegat seine Anhänglichkeit verdoppelte. Als er oen Juden durch seine Fürsorglichkeit genügend gerührt, gefangen genommen und von der Ueberzeugung durchdrungen fand, daß er in allen Stämmen Israels keinen besseren Freund habe .... Bewundern Sie doch die Umsicht dieses Menschen! Er beeilt sich nicht, er läßt die Birne reisen, bevor er den Zweig schüttelt; zuviel Eifer konnte seinen Plan zum Scheitern bringen. Denn die Größe des Charakters entspringt gewöhnlich aus dem natürlichen Gleichgewichte mehrerer entgegengesetzter Eigenschaften. Ich: Lassen Sie doch Ihre Betrachtungen und setzen Sie Ihre Erzählung fort: Er: Das geht nicht. Es gibt Tage, wo ich Betrachtungen anstellen mutz. Es ist das eine Krankheit, der man am besten ihren Lauf lätzt. Wo blieb ich stehen? Ich: Bei der vollständigen Verbrüderung des Juden mit dem Renegaten. Er: Die Birne war also reif.Da kommt er eines Abends zu seinem guten Freunde mit verstörter Miene, gebrochener Stimme, totenbleichem Gesichte, bebend an allen Gliedern. — Was^ fehlt dir? — Wir sind verloren. — Verloren? Wie? — Verloren, sage ich, rettungslos verloren! — Erkläre dich doch näher! — Einen Augenblick, bis ich mich von meinem Schrecken erhole. — Also gut, erhole dich! sagte der Jude, anstatt ihm zu sagen: „Du bist ein abgefeimter Spitzbube, ich weitz nicht, was du mir zu sagen hast, aber du bist ein abgefeimter Spitzbube, dein Schrecken ist Komödie." Ich: Und weshalb hätte er ihm das sagen sollen? Er: Weil er in seiner Verstellung das Matz überschritten hatte. Das ist für mich klar, und unterbrechen Sie mich weiter nicht. „Wir sind verloren, rettungslos verloren!" Fühlen Sie nicht, wie übertrieben dieses wiederholte „verloren" klingt? — Ein Verräter hat uns der heiligen Inquisition angezeigt, dich als Juden, mich als Renegaten, als einen ruchlosen Renegaten. — Sehen Sie, wie dieser Verräter sich mit den hätzlichsten Schimpsworten belegt, ohne zu erröten. Es gehört mehr Mut dazu, als man denkt, sich selbst beim richtigen Namen zu nennen; Sie wissen nicht, was es kostet, dahin zu gelangen. Ich: Gewitz nicht. Und dieser ruchlose Renegat . . . Er: Ist ein Gaukler; aber die Gaukelei ist sehr geschickt. Der Jude erschrickt, rauft sich den Bart und wälzt sich auf der Erde; er sieht die Häscher an seiner Türe, sieht sich mit dem San-Benito bekleidet, sein Autodafe vorbereitet. — Mein Freund, mein teuerer, mein einziger Freund! Was jst da zu beginnen? — Was beginnen? Sich sehen lassen, die größte Sicherheit zur Schau tragen, die gewohnte Lebensweise fortsetzen. Das Verfahren jenes Tribunals ist geheim, aber langsam; man mutz die langen Fristen benützen, um alles zu verkaufen. Ich werde ein Schiff mieten oder durch einen Dritten mieten lassen; ja, ja, durch einen Dritten, das wird das beste sein! Dorthin bringen wir dein Vermögen, denn hauptsächlich auf dein Vermögen haben sie's abgesehen. Und dann suchen wir beide unter einem anderen Himmel die Freiheit, unserem Gotte zu dienen und ungefährdet die Gesetze Abrahams und unseres Gewissens zu befolgen. Das Wichtigste aber in unserer gefährlichen Lage ist: ja keine Unvorsichtigkeit begehen. — Gesagt, getan. Das Schiff ist gemietet und mit Lebensmitteln und Matrosen ausgerüstet; das Vermögen des Juden ist an Bord; morgen mit Tagesanbruch gehen sie unter Segel; sie dürfen wohlgemut die Abendmahlzeit hallen und beruhigt schlafen; denn morgen entrinnen sie den Verfolgern. — Mitten in der Nacht steht der Renegat auf, stiehlt dem Juden Brieftasche, Börse und Juwelen, begibt sich an Bord und — weg war er. Und Sie glauben, das ist alles? weit gefehlt! Als man mir diese Geschichte erzählte, erriet ich das von selbst, was ich Ihnen, um Ihren Scharfsinn zu erproben, noch vorenthalten habe. Sie taten gut daran, ein anständiger Mann zu bleiben; denn Sie wären nur. ein armseliger Schelm geworden. Auch der Renegat ist bis zu diesem Augenblick nichts weiter als das, nichts als ein verächtlicher Schurke, dem niemand gleichen möchte. Das Erhabene seiner Schlechtigkeit zeigt sich erst darin, datz er selbst der Verräter seines guten israelitischen Freundes war, den die heilige Inquisition gleich beim Erwachen festnaym, um einige Tage später ein schönes Lustfeuer mit ihm zu veranstalten. Und so kam der Renegat in den ruhigen Besitz des Vermögens dieses fluchbeladenen Sprossen jener, die unseren Heiland gekreuzigt haben. Ich: Wahrlich, ich weitz nicht, was mir mehr Entsetzen einflötzt, die Verruchtheit Ihres Renegaten, oder der Ton. in welchem Sie davon sprechen. Er: Das habe ich Ihnen doch vorhin gesagt. Das Grauenhafte der Tat bringt Sie über die Verachtung hinweg. Und darin liegt der Grund meiner Offenherzigkeit. Ich wollte, datz Sie erkennen, wie sehr ich in meiner Kunst hervorrage; ich wollte Ihnen das Geständnis entreißen, datz ich in meiner Verworfenheit wenigstens urwüchsig bin; ich wollte mich in Ihrem Kopse in die Reihe der großen Schurken gestellt sehen und sodann ausrufen: „Vivat Alascarillus, fuurbum imperator!“ Holla, juchhe! Herr Philosoph, Cqorus: Vivat Mascariilus; fourbum imperator! Diderot über die holländischen Juden seiner Zeit. („Holländische Reise" 1773 im Kap.: Religion.) Die Juden find nirgends den anderen Bürgern so gleichgestellt, wie in Holland. Sie bewohnen ein abgesondertes Viertel. Es gibt bärtige unter ihnen und' bartlose. Sie haben dreizehn Synagogen in Amsterdam: mehr Schulen als Tempel: nach dem Gebet benchmen sie sich anscheinend ungehörig, denn sie sprechen von Geschäften und Liebessachen. Diese augenscheinliche Geringschätzung des Schicksals ihres Gebetes bringt ihnen in Erinnerung, datz der wahre Tempel nicht mehr besteht. Die Synagogen in Amsterdam, Rotterdam und Haag find sehr schön. Es gibt deutsche, und portugiesische Synagogen. Die Deutschen behaupten, vom Stamme Juda, die Portugiesen, vom Stamme Benjamin zu. sein. Sie betreiben alle möglichen Arten Handel, dem .ärztlichen Beruf, aber kein Handwerk. Wird ein auf einen Christen gezogener Wechsel am Samstag fällig, so sind sie berechtigt, ihn Freitag einzukassieren. Am Sabbat ist ihr Geschäft gesperrt, aber man kann sie vor Gericht laden, ebenso wie zu Ostern und anderen großen Festen. Sie erwerben unbewegliches Gut, sie erben, testieren und genießen irden staatsbürgerlichein ^Schutz; zu den Aemtern aber haben sie keinen Zutritt. Die bartlosen Juden sind reich und gelten für anständig; vor den bärtigen, die nicht sehr skrupulös sind, mutz man sich in acht nehmen. Es gibt auch sehr gebildete unter ihnen. Mehrere reiche Juden sind unter Wilhelm HI.', Barone geworden, aus Dankbarkeit für die mächtige Geldhilfe, die sie ihm 1682 leisteten. Die Zahl der Juden in Amsterdam belief sich vor den Wirren in Polen und der Hungersnot in Böhmen auf mehr als hunderttausend; sie ist seither sehr gewachsen. * Um verirrte Seelen zurückzuführen, gestattete die holländische Regierung kein anderes Mittel als die Predigt. Es mag sein, daß in anderen Ländern die Religion mehr Gutes wirkt, aber in diesem Lande richtet sie am wenigsten Schaden an. Ich besuchte eine Synagoge in Amsterdam. Beim Eingang rief mir der Türhüter zu: „Setzen Sir Ihren Hui auf!" — „Ich trage keinen," antwortete ich. — „«Also treten Sie ein!" - Die Juden kommen einer nach dem anderen herein, der Gottesdienst beginnt. Die Einen singen ein biblisches Buch, die Andern ein anderes Buch: der hielt bei diesem Perse, jener bei irgendeinem vorhergehenden oder nachfolgenden. Nach dem Gottesdienste gehen die Einen weg. dir Andern bleiben und sprechen, wie erwähnt, von Geschäften, Handel und Liebessachen; man könnte glauben, datz man in einer unserer Kirchen ist.

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