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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-18 · 42 (18.10.1912) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 714 Nr 4-2 Dr. Blochs Wochenschrift Berlin. G heimrat Professor Dr. Hermann Munk, der berühmte Physiologe, ist — 73 Jahre alt — verschieden. Munk war aus Posen gebürtig und Schwiegersohn des Kommerzienrats Samuel Jaffs-Posen. Sein wissenschaftlicher Ruhm knüpft sich namentlich an seine Studien über die Funktion der Groß- Hirnrinde. Munk war Mitglied der Königl. Akademie der Wissenschaften. Gleiwitz. Mit dem Hinscheiden des Repräsentanten Emil Aufrecht verlor die hiesige jüdische Gemeinde eine ihrer angesehensten Persönlichkeiten. Der Verstorbene erreichte ein Alter von 85 Jahren. Pose«. Geheimer Archivrat Prof. Dr. Warschauer ist nach ZOjähriger Wirksamkeit in Posen als Direktor des Wefipreußischen Staatsarchives nach Danzig übergesiedelt. Hamburg. Die letzte Volkszählung weist hier 19.472 Juden nach gegen 19.602 im Jahre 1905. Der Anteil der Juden an der Bevölkerung ist von 2°24 auf 1*92 Prozent gesunken. Feuilleton. Gin Keitrag zur Keiderrsgeschichle der Mararruen In den letzten Tagen ist eine neue, geschmackvolle Uebersetzung der unter dem Titel „Rameons Neffe" bekannten zweiten Satire Diderots, eines der berühmt testen Meisterwerke der französischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts, erschienen?) Der Name Diderot hat auch aus deutschem Boden einen guten Klang. Neben Voltaire und Rousseau hat Diderot als Apostel der Aufklärung gewirkt und die Umwälzung vorbereitet, die sich am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich vollzog. David Friedrich Strauß bezeichnete ihn als den Lessing der Franzosen, wobei jedoch zu bemerken ist, daß er der Lehrer und Lessing sein Schüler war. Lesiing hat dies auch in der Vorrede seiner Uedersetzung von Diderots Je fils natnrel' dankbar anerkannt, indem er hervorhob, daß Diderot an der Bildung ftines Geschmacks sehr großen Anteil hat und daß er ohne Diderots Muster und Lehren eine ganz andere Richtung würde bekommen haben, vielleicht eine eigenere, aber doch schwerlich eine, mit der am Ende sein Verstand zufriedener gewesen wäre. Diderot hat für die Darstellung seiner Ideen mit Vorliebe die Form des Dialogs gewählt, die er wie kein zweiter beherrschte. Er selbst bezeichnet Originalität. Kraft, Schwung. Leben und Temperament als die Erfordernisse eines guten Dialogs; und alle dich» Eigenschaften finden sich in hervorragendem Maße in dem Gespräche vereinigt, das er mit dem Neffen des berühmten Tonkünstlers Rameau im Cafe de la Regence geführt zu haben behauptet. Es werden darin dis Heuchler und Schmarotzer, von denen die Welt erfüllt ist, im ganzen Umfange ihrer Schlechtigkeit geschildert und seine literarischen Feinde, insbesondere der Schriftsteller Palissot. an den Pranger gestellt. Dieser hatte in seinem dramatischen Machwerk ..Die Philosophen" die großen französischen Aufklärer in schmählicher Weise herabgesetzt. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Diderot an ihm Vergeltung übt und ihn mit den derbsten Peitschenhieben geißelt. Den Höhepunkt dieses Strafgerichts bildet di» Geschichte dom Renegaten von Avignon, einem zum Judentum übergetretenen Christen, der an einem Maranncn einen grauenhaften Schurkenstreich verübte. *) Diderot. Zweite Satire (Ramcaus Neffe) nach dem im Jahre 1891 gefundenen Originale übersetzt von Gustav Rohn. Verlag von I. E i s e n st e i n L Cie., Men und Leipzig 1914. Preis X 3.- . Wir lassen hier diese interessante Erzählung folgen, weil sie einen Beitrag zur Leidensgeschichte her Marannen liefert; und wir geben sie dem vollen Wortlaute nach wieder, um dem Leser einen EisiGlick in den g,ristreichen Inhalt dieser Satire zu gewähren, die man, mit Goethe zu sprechen, desto mehr bewundert, je mehr man damit bekannt wird. Ich: Sie sind ein Gassenjunge! Reden wir von etwas anderml Seitdem wir miteinander sprechen, schwebt mir fortwährend eine Frage auf den Lippen. Er: Warum hielten Sie so lange damit zurück? Ich: Weil ich fürchtete, zudringlich zu erscheinen. Er: Nach dein, was ich Ihnen soeben geoffenbart habe, wüßte ich nicht, welches Geheimnis ich vor Ihnen haben lönnte. Ich: Sie sind nicht im Zweifel, welches Urteil ich über Ihren Charakter fälle? Er: Durchaus nicht! Ich bin in Ihren Augen ein sehr verkommenes und höchst verächtliches Geschöpf und bin es manchmal auch in meinen Augen. Aber selten! Ich pflege mich meiner Laster wegen weit öfter zu beglückwünschen als zu tadeln. Sie sind viel beharrlicher in Ihrer Verachtung. Ich: Allerdings! Aber warum decken Sie mir Ihre ganze Schändlichkeit auf? Er: Zunächst, weil Sie doch schon ein gutes Stück davon kannten und weil ich sah, daß ich mehr gewinnen als verlieren kann, wenn ich Ihnen den Rest eingestehe. Ich: Wie das? wenn ich fragen darf. Er: Wenn es auf irgendeinem Gebiete wichtig ist, heroorzuragen, so namentlich in der Schlechtigkeit. Auf einen kleinen Spitzbuben spuckt man; aber einem großen Verbrecher kann man eine Art von Achtung nicht versagen. Sein Mut setzt euch in Stau.nen, seine Grausamkeit macht euch schaudern. Man preist in allem die Einheit des Charakters. Ich: Aber diese schätzenswerte Einheit des Charakters haben Sie noch nicht erreicht. Ich finde Sie von Zeit zu Zeit schwankend in Ihren Grundsätzen. Es steht dahin, ob Sie Ihre Schlechtigkeit von der Natur oder vom Studium haben, und ob Sie durch das Studium so weit als möglich darin vorgeschritten sind. Er: Mag sein. Aber ich habe getan, was ich konnte. War ich übrigens nichts bescheiden genug, Wesen anzuerkennen, die vollkommener sind als ich? Sprach ich nicht von Bouret mit der höchsten Bewunderung zu Ihnen? Bouret ist in meinen Augen der erste Mann der Welt! Ich: Aber unmittelbar nach Bouret kommen Sie? Er: Nein. Ich: Also Palissot? Er: Es kommt wohl Palissot; aber nicht er allein. Ich: Und wer wäre würdig genug, den zweiten Rang mit ihm zu teilen? Er: Der Renegat von Avignon. Ich: Vom Renegaten von Avignon habe ich noch nie gehört; aber es muß das ein höchst merkwürdiger Mensch sein. Er: Das ist er auch! Ich: Die Geschichte großer Männer hat mich von jeher angezogen. Er: Das glaube ich gerne. Unser Renegat lebte bei einem guten und braven Manne aus der Nachkommenschaft Abrahams, die diesem Stammvater der Gläubigen so zahlreich wie die Sterne verheißen worden war. Ich: Bei einem Juden. Er: Ber einem Juden. Er hatte sich zunächst Mitleid,. dann Wohlwollen und schließlich vollstes Vertrauen erschlichen. Denn so pflegt es immer zu kommen. Wir bauen dermaßen auf unsere Wohltaten, daß wir unsere Geheimnisse selten vor jemandem verbergen, den wir mit unserer Güte überhäuften. Wie soll es aber keine Undankbaren geben, wenn wir die Menschen in Versuchung bringen, es ungestraft zu sein? Unser Jude, der diese richtige Betrachtung nicht anstellte, vertraute also dem Renegaten an, daß sem Gewissen ihm verbiete, Schweinefleisch zu essen. Sie werden gleich sehen, welchen Vorteiltem fruchtbarer Eeist^aus diesem Geständnisse zu ziehen wußtet Es^ verstrichen

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