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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-18 · 42 (18.10.1912) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
42 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Str. h Dt. Vlochs Wochenschrift ©ettt 708 erklären aber die Einstellung von Christen in den Landsturm für ungesetzlich, da das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht vom Senate (angeblich) noch nicht erledigt ist und „diese Maßregel überdies in das g e schüft lichie und soziale Lehen tief eingreisen würde." Und dann erst die Dankbarkeit dieser Balkanvölker, deren sich Oesterreich und Rußland annehmen, sie gewissermaßen gegen Verluste nach einer Niederlage versichernd. Nur ihre Gläubiger werden jedenfalls verlieren. Als Montenegro (1862) wegen seiner Unterstützung des Aufstandes in der Herzegowina von den Türken geschlagen, Cettinje von diesen eingenommen wurde, da war es Oesterreich, das es vor dem Aergsten rettete. Zum Dank dafür hat der kleine Wladika, der damals von einer Königskrone nicht einmal träumte, sieben Jahre später den Aufstand der Krivoscianer in Süddalmatien unterstützt, der uns viel Geld und Blut kostete. Auf Andringen Oesterreichs hat die Türkei (1867) seine Garnisonen ganz aus Serbien zurückgezogen. Als. die Serben dann von den Vulgaren geschlagen wurden, war es wieder Oesterreich, welches sie vor weiteren Niederlagen schützte. Zum Dank dafür haben sie bei der. übrigens ganz überflüssigen, Annex io n Bosniens mit ()em Säbel gerasselt, uns bedroht und die anderen Mächte gegen Oesterreich aufzureizen gesucht. \ Aus der Korrespondenz des englischen Gesandten in den Niederlanden, Sir William Temple, aus dem Jahre 1676 ersehen wir, wie warm sich damals Großbritannien seiner jüdischen Bürger in der hollandischestr Kolonie Suriaam annahm. Jetzt wagt es nicht, sich seiner nach Rußland reisenden Bürger anzu- N eh men. Aber immerfort verlangt man oou der Türkei Reformen auf Grund des Berliner Vertrages von 1878, daß aber das christliche Rumänien mit seinen grausamen Judengesetzm diesen Vertrag seit Jahrzehnten verhöhnt, läßt man sich ruhig gefallen. Freilich ist auch das Material der europäischen Staatsmänner danach. Wo gibt es jetzt einen Palmerston oder Rüssel, einen Thiers oder Gambetta? Man kann nicht anders sagen, als daß diese Staatskunst vor dem Bankerott steht, der nicht „unverschuldeten Unglücksfällen", sondern der Unfähigkeit zuzuschreiben wäre. Ein boshafter Politiker soll gesagt haben, man würde nichts mehr von Krieg und Kriegsgeschrei, hören, wenn sich alle Minister des Aeußern, Botschafter, Gesandte mit ihren Attachees und Legationsräten auf dem .^Titanic" eingeschifft hätten. Ein neues Scherzwort lautet: viele Diplomaten sind des Friedens Tod. L. Die Zentralisierung der Kinderbekleidung. In diesen für Oesterreich so düstern Wochen beginnt es wenigstens auf einem Gebiet unserer weitverzweigten, von den besten Intentionen, aber noch lange nicht von derselben Energie und Konsequenz, wie in anderen Ländern, beseelten jüdischen Wiener Armenpflege zu tagen. Mehr als je ist es unsere Pflicht, eine zum Lebenskampf gerüstete, den anderen Stämmen unseres Vaterlandes nicht nur geistig, sondern auch körperlich ebenbürtiger Jugend heranzuziehen. Aus dem Wöhle der ärmeren Schichten beruht ja auch die Zukunft unserer Rasse, nachdem dem Abfall der reicheren Jugend noch lange nicht Einhalt getan ist. Da muß es religiöse und humane Pflicht jedes Mitgliedes der Gemeinde werden, wie es der jüdischen Frau und dem jüdischen Mädchen schon lange Herzensbedürfnis war. das traurige Los des Wiener jüdischen Schulkindes zu verbessern. Weil aber bis jetzt öfters das Herz als die Vernunft gesprochen, haben sich die gröbsten Mißstände in dem bei der jetzigen Jahreszeit uns zunächst liegenden Zweig der Kinderfürforge, der Winterbekleidung. eingrschlichen. Ueber dreihundert Vereinigungen unterziehen sich dieser schwierigen Aufgabe, wobei es weder die! Bedürftigsten waren, die man in den Schlupfwinkeln des Elends aufsuchen konnte, anderseits vielfach Protektion und Doppelbekleidung desselben Kindes bei so ejnorm zersplitterter und getrennter Arbeit unvermeidlich war. Hatte doch keines von unseren wackern Armeekorps eine Ahnung, wie groß der zu bekämpfende Feind eigentlich sei, d. h. wieviel Kinder wir den Unbilden der Jahreszeit, drohender Erkrankung, Verspottung ihrer besser situierten Kameraden, die ein verwundbares Kinderherz nicht minder hart trifft, als Hunger und Kälte, schützen müssen. Da haben sich mm im Laufe des vergangenen Jahres vierzehn*) der angesehensten Bekleidungsvereine. welche nicht durchaus konfessioneller Natur sind — bestand doch die großzügige Aktion des Bürgermeisters Dr. Lueger vor zwölf Jahren darin, fämtkichq Wiener Bekleidungsvereine unter einem Hut zu bringen, was leider scheiterte, während wir nicht zweifeln, daß wieder einmal das Judentum auf diesem humanitären Gebiete der Pfadfinder für die Andern sein wird, — es waren also vierzehn Vereine, deren Delegierte sich unter der Führung des Herrn Heinrich Mendel und der von ihm gegründeten Zentrale für jüdisches Armenwesen zu gemeinsamer Arbeit zusammentaten. Wenn wir auch über das vorbereitende Stadium noch nicht hinausgekommen sind, so haben wir doch schon ein einheitliches Bild von dem zu Erstrebenden gewonnen. Wir sind durch die mühevolle Arbeit der Herren Religionslehrer im Monats Juni des vorigen Jahres zu dem traurigen Resultat gekommen, daß rund 4000 von den rund 17.000 jüdischen Schulkindern in Volks- und Bürgerschulen auf fremde Hilfe angewiesen sind, von diesen wieder rustd dreitausend der allernötigsten Kleidung entbehren. Diese Zahl erschöpft die Menge des jüdischen Pauperismus keineswegs, denn einmal sind auf keinem Gebiete wohlhabendere Verwandte und Vorgesetzte der Litern bereiter, zu helfen, als hier: ferner fehlen die Kinder der diesjährigen ersten Klasse, auch haben viele Kinder, deren Vereinsbekleidung einen Winter überdauerte, das Lobenswerte Bestreben gchabt, dies Jahr nicht zur Last fallen zu wollen. Bei Ausscheidung manches Unwürdigen werden immerhin zirka dreitausend Kinder übrig bleiben, welche auf diese zwölf Vereine nach Maßgabe ihrer Kräfte und ihres guten Willens aufgeteilt werden. eine Zahl, die Mar an sich erschreckend ist, der aber die Vereine Herr werden könnten und nicht mutlos einem nicht zu bewältigenden Elend hilf- und kraftlos gegenüberständen, bliebe ihnen nur die Schar der früheren Geld- und Materialspender getreu. Aber durch die Krisen der letzten Wochen bleibt uns manche sonst geöffnete Tür geschlossen, während Kosten für Anschaffung. und Arbeitslohn sich von Iahr zu Jahr bedeutend steigern. In dieser Lage wird die stattgehabte Vereinigung hoffentlich dieselben reichen Früchte tragen, wie anderwärts. Ein über Vorschlag des Herrn Professors Steif für alle Vereine gleichmäßig angelegter Recherchebogen, dessen Textierung auch dem minder geübten Recherchenten ermöglicht, die Spreu vom Weizen zu sondern, wird künftighin mit dem aus diesen Bogen zusammenzustellenden Kataster verhüten, daß auch nur ein Kind unrecherchiert bleibt. Die Vereine sind dringendgebeten, sich diese Bogen in der Zentrale, I. Seiten- *) „Treubund", „Jugendschutz", „Maria Therefia-Kreuzerverein", „Pesta!o;zi", „Tonauperle", Verein VI. und VII. Bezirk, „Philanthropia", „Frauenhort". „Jugendfreunde" im XVI. Bezirk, Gebrüder- Vereine im X., im XXI. Bezirk, Erdberger Kinderfreunde, XVIII. Bezirk. IV. und V. Bezirk, XIII. Bezirk.

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