Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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sstut 702 Dr. Blochs Wochenschrift «... 42 Wie der Feldherr, so hat auch der Staatsmann oft seine größten Erfolge weniger seinem GMie als den Fehlern seiner Gegner zu verdanken. Wir Oesterreicher haben König grätz und das lombardisch-venetianische Königreich vergessen, wir haben ja dafür — freilich nicht umsonst — das schöne -Bosnien bekommen, von dem, wie erzählt wird, ein vor einigen Jahrhunderten nach Wien gekommener Bosniake gesagt haben soll, der Stephansturm fei allein mehr wert als sein ganzes Ländchen. Di,e Franzosen denken aber noch immer an die verlorenen zwei Provinzen. Um sie wieder zu bekommen, würden sie sich dem Teufel verschreiben, und da dieser keine Lust zu haben scheint, das Geschäft zu machen, versuchte man es wieder mit der Frömmigkeit: man sang Vien sanve In France. der Klerus bemächtigte sich fast der ganzen Armee und Regierung, und da echte Frömmigkeit stets zu Opfern bereit sein mutz, suchte man den jüdischen! Kapitän Dreyfus als Opfer darzubringen. Das hat nun der böse Zola verhindert, und die erzürnte Gottheit verschlotz sich den französischen Gebeten. Da nun Gott und der schwarze Teufel nicht halfen. Elsatz-Lothringen immer deutscher wurde, wendete man sich an den weitzen — Zaren. Der mag nun keinen Republikaner und Radikalen, und dennoch lätzt er sich herab, in Frankreich zu pumpen und erfreut sogar gelegentlich dje Franzosen mit einer kleinen Höflichkeit oder Freundlichkeit. Diese wird von ihnen devotest -erwidert, und ihre schönen Millionen fliehen in diel russische Staatskasse und in die Taschen der Tschinowniks. Sehr treffend sagt der sozialistische Abgeordnete Maurice Allard in der französischen Zeitung „Humanite" gelegentlich einer sentimentalen franzosenfreundlichen Kundgebung der russischen Grotzfürstin Anastasia an der deutschen Grenze: „Trocknen wir die von anderen Zeitungen vergossenen Tränen der Rührung und Begeisterung über diese Demonstration mit den in denselben Zeitungen enthaltenen Ankündigungen einer russischen Anleihe von 1200 bis 1500 Millionen Franken. Das ist das ganze Geheimnis der Reise des Herrn Ministers Poincarö nach Rutzland, der Ausstellung des Grotzfürsten in Frankreich und der Wallfahrt der Grotzifürstin an die lothringische Greife. Wenn Frankreich früher angepumpt werden sollte, kam der Zar Nikolaus persönlich, jetzt ist das nicht mehr nötig. Das Bündnis hat derartige Fortschritte gemacht, datz es gegenwärtig genügt, sich einen fraifeösischen Minister nach Rutzland kommen zu lassen oder einen russischen Grotzfürsten nach Frankreich zu schicken. Heute lätzt Frankpejich sich nach Belieben melken. Mag man übrigens die Taschen derjenigen leerem die nicht alle werden. Es scheint aber höchst gefährlich, datz Grotzfürsten und Grotzfürstinnen zum alleinigen Zwecke der Erleichterung solcher Geschäfte nach Frankreich! kommen." Roch grotesker erscheint es. wenn französische Minister nach Petersburg fahren und sich vor dem Absolutismus bücken. Frankreich, das immer der Hort der Frecheil und Gleichheit war, zeigt kein Mitleid mit den unterdrückten Polen, Finnländern, Juden, Armeniern und Kleinrussen. Auf die von der französischen Menschenrechtsliga an den Ministerpräsidenten Poincare gerichtete Aufforderung, aus Grund der französisch-russischen Handelsverträge von 1871 und 1905 bei der russischen Regierung in der Angelegenheit der Pässe der französischein Juden zu intervenieren, erwiderte er, „datz er eine derartige Intervention für unnütz und gegenstandslos anfehen müsse, da in dem Vertrage von 1874 ausdrücklich erklärt werde, datz die Vertragsbestimmungen in keiner Weise die politischen und sonstigen Vorschriften bezüglich der Behandlung der Ausländer beeinträchtigen können. Uebrigens werde auch den katholischen Priestern nur durch besondere Ermächtigung seitens des russischen Ministeriums des Innern in Nutzland Einlatz gewährt." Als Ludwig Philipp, der doch ein König und kein republikanischer Präsident war, in ähnlicher Weise den -Zar Nikolaus i. umschmeichelte, schrieb ein deutscher Publizist: „Eine Regierung, welche den Liberalismus ftuiirt Prinzip hat, verleugnet dieses Prinzip, wenn sie dasselbe nicht in allen ihren Beziehungen zum Auslande fest hält. Wer nur in seinem eigenest Lande die Freiheitskokarde trägt, der liebt die Freiheit nicht um ihrer selbst willen, sondern er duldet sie nur, so lange er mutz." Dieser wenig bekannte deutsche Schriftsteller hatte besseres Verständnis für Nationalehre, als der gegenwärtige Ministerpräsident der französischen Republik. Während Frankreichs Regierung öffentlich sich als ergebener Diener Rutzlands zeigt, nur mit dem Unter- Wied, datz es ihm fortwährend Geld leiht, während' ein Diener sonst Lohn von seinem Herrn bekommt, scheint Italien heimlich mit ihrn angebandelt zu haben. Die Fäden laufen über Montenegro, dessen schlaues Königlein, „der beste Freund Rutzlands", wi,e ihn der Zar genannt hat, der Schwiegervater des Königs von Italien ist. Die Schicksale dieser zwei Staaten sind einander auch insofern ähnlich, als sie den Niederlagen ihrer Heere viel zu verdanken haben: Italien ist durch Novara, Custozza und Lissa grotz geworden, Rutzland hat nach dem Krimkriege einen neuen Aufschwung genommen. Nach den Niederlagen im fernen Osten kam zwar ein Rückfall in die alte Barbarei und Intoleranz, aber von den europäischen Regierungen Wirdes um so mehr umschmeichelt. Jetzt feiert es sogar seinen Sieg über Napoleon, und die Franzosen sagen Ja und Amen dazu. Mit grotzem Pomp und viel kirchlichem Firlefanz wurde dieser angebliche Sieg von 1812 in Rutzland gefeiert. Aber einige unbeabsichtigte Komik fehlte dabei nicht. „Die Muttergottes von Kasan", heitzt es in der Beschreibung der Prozession, „ging zu Besuch in die Jsaakskathedrale." Wie Potemkin der Kaiserin Katharina auf der Reise Theaterdekorationen für bewohnte Dörfer ausgab, so hat man dem Zar Nikolaus bei der falschen Siegesfeier auch falsche Veteranen vorgeführt, die vorgahm, im Jahre 1812 an dem Kriege teilgenommen zu haben. Die Leute mützten also ungefähr 120 Jahre alt sein. In den allgemeinen Jubel tönten einige Dissonanzen hinein. Wir Hören von einem Gouverneur Koschko, der von einer Frau totgeschossen wurde, weil er mit Vorliebe politische Gefangene prügeln liefe; wir hören, datz der Bürgermeister von Wiborg und zwei Stadträto verhaftet und nach Petersburg weggeführt wurden: wir hören endlich! von neuen Bedrängungen der Juden. Zwanzigtausend Juden Haben im russischen Heere gedient. Tausende sind gefallen oder als Krüppel zurückgekoMmen, und Juden werden auch! im nächsten Kriege „zur Befreiung der Slawen vom türkischen Joche" dienen müssen, obwohl man von ihnen wahrlich keinen Patriotismus fordern oder erwarten darf. Denn dieser setzt voraus, datz, was man Vaterland nennt, wirklich eine alle geistig-moralischen Kräfte beschützende, alle Staatsbürger mit Gerechtigkeit und Milde behandelnde Regierung habe. Und wie verhalten sich! die Christen in der Türkei-, die doch viel bester behandelt werden als die Juden in Rutzland, in dem Reiche des Sultans, wo es doch auch christliche Minister und Gouverneure gab und gibt. Die Chefs der christlichen Konfessionen in der jetzt von allen .Seiten angegriffenen Türkei