Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 42 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 42 I«tzrg«ms nil Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. -nr::'i □- Wien, 18. Oktober 1912 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie«, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Gloch's Wochenschrift, Wie«. Oo ■ ■ -OO? Vexugsprris fiir Vefterrrich: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Nusl«nd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2nal gespal» j lene Petttzeile 48 Heller. c o O .. .O o Ä. K. Pofifxarkklffenaml Q Slearing-Verkebr Vir. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/i, Hahugaffe Nr. 15. |) Telefon Nr. 14.847. oP - Oo Inhalt: Leitartikel: Die Sünden und der Bankerott der Diplomatie. — Die Zentralisierung der Kinderbekleidung. — Tie Sabbatarier von Bözöd-Ujfalv. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Schwert und Sichel. Oskar Strauß über Religion und Politik. Eine jüdische Kolonie auf El-Arisch. Kolnidre auf dem Auswanderetschiff. Kolnidrei auf dem Meere. Eine wichtige Mission des baltischen Führers Dr. Jochelmann. — Die Beteiligung der Juden am Serischtn Welthandel im Altertum. — Korrespon denzen: Errichtung einer Gärtner-Bildungsanstalt für jüdische Knaben. Die jüdische Bevölkerung in Galizien laut den Ergebniss n der letzten Volkszählung. Auszeichnung eines jüdischen Patentamtspräsidenten. Jüdische Geschworene am Jomkippur. Die Juden in Albanien und Mazedonien. Ein jüdischer Vizekonsul Amerikas in Jerusalem. Benennung einer Pariser Straße nach einem Juden. Die archäologischen Arbeiten Frankreichs in Egypten. Ein Unfall des jüdischen Fliegers Abramovicz. Die russische Regierung gegen die Vertreibung der Juden. Eine russische Sumpfpflanze. David Werner Amram, Professor der Pennshlvania-Universilät. Von der jüdischen Abteilung der amerikanischen National-Bibliothek. Oskar Strauß über feine Kandidatur. Der Diiektor des Rockefeller Institutes, Dr. Simon Flexner. Jüdische Auswanderung im abgelaufenen Jahre. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Beitrag zur Leidensgeschichte der Marannen. Diderot über die holländischen Juden seiner Zeit. — Literatur. Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Die Siiriden und der Bankerott der Diplomatie. Wenn man die gegenwärtigen Vorgänge in den Balkanländern, das Verhältnis der Großmächte zu ihnen richtig beurteilen, Konjekturen über ihre möglichen Folgen aufstellen will, so muh man nach ihren Wurzeln forschen, nach den Ursachen und Verhältnissen, die weit hinten in der Vergangenheit liegen. Wie überhaupt Nichts unvermittelt und plötzlich geschieht, die Weltgeschichte vielmehr eine unendliche Kette von Gliedern ist, deren erstes im Dunkel fernster Vergangenheit liegt, so ist auch die sogenannte orientalische Frage keine von gestern oder vorgestern. Der Grieche Herodot. den man den Vater der Geschichte nennt, läßt sie mit dem Raub der Tochter des Königs Inachus von Argos durch die Phönizier oder der Prinzessin Medea von Kolchis durch die Griechen entstehen. Nach viel jüngeren Historikern entstand sie mit dem Einbruch der Osmanen in das ^griechische Kaiserreich im vierzehnten Jahrhundert. Wir können und wollen hier nicht um Jahrtausende zurückgehen, obwohl der jüdische Staat, an einer der Heerstraßen zwischen Orient und Occident gelegen, gar oft unter diesen Kriegen und Heerzügen zu leiden hatte, u!m schließlich unter europäische Herrschaft zu gelangen, doch orientalisch zu bleiben. Wir wollen auch nicht mit der jüngeren Epoche vor sechs Jahrhunderten beginnen, sondern begnügen uns, nach der Vorschrift des Horaz, in meclias res. mit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Ausgangspunktes. Wir finden von da an das fortwährende Wachstum des russischen Einflusses und Ansehens, trotz der Schädigung im Krimkriege und der Niederlagen in Ostasien. Fast alle Kriege der neueren Zeit sind ohnje '.Zustimmung, vielleicht sogar gegen den wahren Willen der Volksvertreier begonnen yrorden. Hat etwa der preußische Landtag, das preußische Volk im Jahre 1866 den Krieg mit Oesterreich gewollt? Obwohl Preußen von niemandem bedroht war. keinen auswärtigen Feind zu fürchten hatte, ging das ganze Streben Wilhelms I. auf Verstärkung der Armee. Der Landtag, damals noch von tüchtigen, verständigen Männern geleitet, widersetzte sich seinen Plänen. Da berief er Pismarck, den Mann von Blut und Eisen, der die Verfassung verletzte, den Widerstand der Volksvertreter brach und die Heeresvermehrung durchsetzte. Gegen wen? Gegen Oesterreich! Denn Napoleon dachte an leinen Angriff auf Deutschland, war mit seinem merikanischen Abenteuer beschäftigt. Man begann, indem man den von Kaiser Franz Joseph beim Fürstentag in Frankfurt vorgelegten Reforlnplan (August 1863) vereitelte, sich vom Fürstentum trotz des Entgegenkommens unseres Kaisers. fernhi^H. Der Reformplan hätte vielleicht die Einigung und Stärkung Deutschlands ohne Blutvergießen herbeigeführt, aber das paßte der preußischen Politik nicht. Nach diesem Affront ließ sich Oesterreich schon im nächsten Jahre zum Bündnis mit Preußen und zum Kriege gegen das kleine Dänemark verleiten. Was die Junker und Profefforen Schleswig-Holsteins verlangten, war ungefähr dasselbe, was damals die Ungarn forderten. Aber diesen verweigerte man dir volle Autonomie, regierte militärisch, während man den aufständischen >Schleswig-Holsteinern zu Hilfe zog. Man ließ ohne Nutzen das Blut österreichischer Soldaten vergießen, um Preußen zu stärken, und sich das Mißwollen Englands zuzuziehen. Das konnte freilich pur in ein,ein Staate geschehen, der von so geistig beschränkten, reaktionären, Politikern wie Rechberg, Belcredi, Moritz Esterhazy. Biegeleben und ihresgleichen geleitet wurde. Der Amerikaner Sidney Whitman, einer der unbedingtesten Verehrer Bismarcks, sagt: „seiner Politik waren allerdings auswärtige Faktoren merkwürdig günstig. vor allem die unklar schwärmerische Persönlichkeit Napoleons III. Hätte ein gewöhnlicher Franzose in Paris geherrscht, so waren 1866 und 1870, so wie es gelang, nicht möglich. Dann Rechberg, Biegeleben und der Erbprinz von Augustenburg!“