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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-11 · 41 (11.10.1912) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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')tl. 41 Seite 693 Dr. Blochs Wochenschrift der dieser Richtung zuneigenden Gemeindemitglieder innerhalb der letzten Jahrzchnte bedeutend vervielfacht. An den hohen Feiertagen herrscht in diesem Gotteshause ein allen saniiäts- und sicherheitspolizeilichen Vorschriften honhsprechender Andrang. Hunderte von Glaubensgenossen, sowohl gutsituierte als auch minderbemittelte, die an einer erhebenden, mit Predigt und Chorgesang verbundenen Andacht teilnehmen möchten, suchen vergebens Einlatz zu erlangen und nun sind wir Zeugen, wie einerseits dir Herren Rabbiner in ihren Festpredigten gegen den immer weitere Kreise ziehenden religiösen Jndifferentismus zu Felde ziehen, während anderseits die Herren aus dem Kultusvorstand, unbeschadet jenes so oft vorgeschützten § 2 des Gemeind estatutes, alle ihre Augen und Ohren zudrücken, sobald über die'e Mißstände Klage geführt wird. Die Plätze auf der Damengalerie sind bis aus den letzten vergeben, ^ebenso bedarf es jahrelanger Bemühungen, um mit Hilfe einflußreicher Personen einen Sitzplatz im Herrenschiff für einen verhältnismäßig hohen Preis zu erlangen. Soll ich außerdem darauf Hinweisen, datz sich gerade diese einzige Fortschrittsynagoge, in der auch bi,e offiziellen Gottesdienste in Gegenwart der Behörden stattfinden, in einer der entlegensten und vernachlässigtesten Straßen befindet? Fast könnte man annehmen, daß unsere Gemeindeältesten nie ein jüdisches Blatt zur Hand nehmen. Sie würden sonst in Erfahrung bringen, wie eifrig die Vorstände der westlichen Großgemeinden bemüht sind, dem an den hohen Feiertagen zutage tretenden Platzmangel in den Synagogen durch den Bau neuer Tempel, mindestens aber du ch Veranstaltung von Filialgotiesdiensten nach dem Temvelrituale (Predigt, Chorgesang) abzuhelfen. Die Wiener Kultusgemeinde veranstaltet solche Gottesdienste in den größten Sälen der Residenz, im heurigen Jahre sogar separat einen Gottesdienst für jüdische Offiziere und Soldaten. Roch weiter geht Berlin, wo, abgesehen von den vielen Synagogen und Privatminjanim, die jüdische Gemeinde zu Roschhaschanoh und Jomkippur in 26 Sälen Gottesdienste für Erwachsene und in 6 Sälen Iugendgottesdienste veranstaltet (überall mit Predigt). Aber auch anderwärts, in Budapest, Prag. Dresden usw. wird diesbezüglich seitens der Gemeindevorstände das Möglichste geleistet. Auf diesem Gebiete ist bei uns bisher nicht der leiseste Versuch einer Reform angebahnt worden, wenn man von der Abhaltung des Jugendgottesdienstes in einem bei weitem nicht hinreichenden Ausmaße absicht und auch diese Einführung ist erst der energischen Jnitliative der Herren Religionslehrer zu verdanken. Als vor einigen Jahren der nunmehr verewigte, um die Gemeinde hochverdiente Präsident Abgeordneter Dr. Byk mit dem Projekte eines Tempelbaues hervortrat, begegnete er an maßgebender Stelle kühler Gleichgiltigkeit und, da er von seinem wohldurchdachten und realisierbaren Plane nicht lassen mochte, wies man seinen Antrag an eine ad hoc eingesetzte Kommission, die seit jener Zeit (Dr. Byk weilt seit sechs Jahren nicht mehr unter uns Lebenden) ebenfalls kezin Lebenszeichen von sich gegeben hat. Dr. Byk selig. Angedenkens verfolgte seinerzeit den Plan, einen der Bedeutung unserer Gemeinde entsprechenden Repräsentation Stempel im Zentrum der Stadt zu erbauen. hiingegen den Gottesdienst im bisherigen Tempel, unter Abschaffung der allzu modernen Zutaten (Orgel. Damenchor), den Anschauungen der konservativen Kreise anzupassen. Soll es nicht hoch an der Zeit sein, daß sich unser Kultusvorstand aufrafft, um dem von Jahr zu Jahr dringender werdenden Bedürfnisse nach einer zweiten Andachtsstätte irgendwie gerecht zu werden? Es gilt heute dreierlei Pflichten zu erfüllen. Zunächst die Pflicht pietätvoller Erinnerung an die von Idealen getragene Tätigkeit unserer Vorfahren aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. die unter ungleich schwierigeren Verhältnissen, manchmal mit Gefährdung ihres Lebens (wir erinnern an den Tod des ersten Predigers Abraham Kohn!) die erste moderne Synagoge in Lemberg errichtet haben. Nicht minder wichtig ist die Pflicht, den Bedürfnissen der Gegenwart nachzukommen. Schreiber dieser Zeilen ist bereit, viele Namen von Frauen und Männern zu nennen, die sich vergebens um einen Sitzplatz im Tempel bewerben und seit Jahren am Gottesdienste nicht teilnehmen konnten. Es sind Leute aus allen Gesellschaftsschichten und Standesgruppen. Advokaten, Kauffeute, Staats- und Privatbeamte, Professoren. Hochschüler. Handelsangestellte u. dgl. Vor allem gibt es jedoch Pilichten gegenüber der Zukunft. Eine neue Generation wachst heran, die. insofern sie nicht national-jüdisch fühlt, mit dem Judentums fast gar keine Fühlung mehr hat. Mutz unsere Kultusgemeinde nicht darauf bedacht sein, datz diese Jugend die Tore des Gotteshauses weithin geöffnet finde, wenn sie auch nur zweimal des Jahres das Bedürfnis empfindet, dem Gottesdienste beimwobnen? Strenge Portiere, die. unterstützt von der Polizeiwache. an der Temvelvforte diejenigen zurückweistn die über keine Eintrittskarte verfügen, find nicht diejenigen, die unserer Jugend dem Glauben der Väter erhalten werden. Ich kenne viele Juden, die. nachdem ihnen einmal am Jomkivpur der Eintritt in den Tempel verwehrt wurde, nie mehr hingekommen sind. Es gilt, große Gefahren für die Zukunft zu beseitigen. Unseren Gemmndeäffesten wird es gewiß nicht an dem guten Willen hiezu fehlen. Möge dem Willen die rasche Tat folgen. vixi et aviwam meam salvavi. Lemberg, 24. Elul 5672. Iudaeus. Die Rücksichtslosigkeit der rumänischen Regierrnp. Aus Bukarest wird uns geschrieben: Noch vor den hohen Feiertagen haben sämtliche Rabbiner Rumäniens sich in einer Kollektiv-Eingabe mit dem Ersuchen an den Kriegsminister gewendet, den jüdischen Soldaten an den zwei Rofch-Haschanoh-Tagen und am Jomkivvurfeste dienstfrei?u geben, um den Gottesdienst besuchen zu können. Der Kriegsminister hat diese Bitte ohne jede Begründung zurückgewiesen. Rumänien kann sich wobl rühmen. das einzige Land zu sein, dessen Regierung die jüdischen Soldaten zwingt, selbst an den drei hohen jüdischen Festtagen ihren Glauben zu verletzen. Die italischen Zionisten und der Keim Kongreß. Anläßlich der jüngsten Jahresversammlung des ziionistiscken Aktionskomitees in Berlin des sogenannten kleinen Kongresses fiel die Abwesenheit des Delegierten d-r italienischen zionistischen Federation au'. Wie nun bi" ..Settimana Jsraelitica" berichtet. Hängt diese Ab röesenbeit mit dem italienisch-türkischen Kriege zusammen. Der Zionismus, so Heißt es, müsse mit der türkischen Regierung gute Beziehungen pflegen, und der wichtigste Nrogrammvunkt des Zionismus neusten Kurses habe eine starke Türkei zur Voraussetzung. Da jedoch Italien gegenwärtig mit der Türkei in Krieg steht und die italienischen Juden schon aus patriotischen Gefühlen diesem Programmvunkte gegenwärtig nicht zustimmen können, mutzten die italienischen Zionisten aus dem bestehenven Zustande die Konseauenz ableiten und der Beratung des zionistischen Aktionskomitees fernbleiben. In welch' unangenehme Situation der Zionismus infolge der gegenwärtigen verworrenen polnischen Verhältnisse sich jetzt befindet, geht übrigens auch daraus hervor.

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