Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-11 · 41 (11.10.1912) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022023--21533-3046632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 692 De. Blochs Wochenschrift Nr, 41 im Laufe der Wahlkampagne noch Gelegenheit bieten, auf die großen materiellen Schäden hinzuweisen, welche den jüdischen Schneidermeistern daraus entstehen, daß die Geschäfte der Genossenschaft von ihren Erzfeinden versehen werden. Heute sei nur darauf hingewiesen, daß eine Indolenz der jüdischen Mitglieder der Schneidergenossenschaft ein sträflicher Leichtsinn wäre, der sich an ihnen rächen und das Vorgehen der Antisemiten nur rechtfertigen würde. — Kr — Die Rassenfrage rm österreichisch,-ungarischen Hc'ere. Wie erinnerlich, hat im Sommer dieses Jahres ein Erlaß des österreichisch-ungarischen Kriegsministers, betreffend die strengere Auslese von Reserveoffizieren, peinliches Aufsehen erregt. Ohne daß in diesem Erlasse der Name „Jude" genannt worden wäre, hatte man allenthalben den Eindruck, daß sich dieser Erlaß hauptsächlich gegen die Juden richte und daß mit demselben auch in Oesterreich der sogenannte „vreußische Kurs" inauguriert werden solle, der auch die österreichisch-ungarische Armee, allmählich von seinen jüdischen Offizieren „befreit". Die Mißstimmung über diesen Erlaß war in den fortschrittlichen Kreisen eine so allgemeine, daß es nur natürlich war, daß der Kriegsminister, Ritter von Auffenberg, im Heeresausschusse der österreichischen Delegation auch hierauf zu sprechen kam. Und es wird gut sein, sich für die Zukunft die Worte des Kriegsministers zu merken, die allerdings nur dann einen wirklichen Wert b? sitzen, wenn sie in der Armee selbst zur Tat gemacht werden. Der Kriegsminister sagte hierüber folgendes: Durch die Praxis bei den Einjährig-Freiwilligen-Prüfungen wurde geradezu eine Hypertrophie an Reserveoffizieren hervorgerufen. der entgegengearbeitet werden mußte. Neben der theoretischen Ausbildung müsse auch auf den Charakter und die praktische Eignung des Reserveoffiziers Bedacht genommen werden. Für den betreffenden Erlaß war nur als Richtschnurmaßgebend, daß der richtige Mann auf den richtigen Platz gestellt werde. So war es in der österreichisch-ungarischen Armee zu allen Zeiten. Nie hat die Rasse und die Religion, sondern nur die Tüchtigkeit des Mannes etwas gegolten. Keine andere Armee hat diesbezüglich solche Tradition wie die unserige. und in keiner anderen ist die demokratische Richtung so ausgeprägt, wie in der österreichisch-ungarischen. Eine große Propaganda-Versammlung des „Agudaß Jisroel". Die VeriammlungS- und Werbearbeit für „Ap, daß Jisroel" hat wieder mit voller Kraft eingesetzt. Die VeriammlnnflSaaitation wurde mit einem Vortraye des Herrn Gabriel Fürst (Sohn des Herrn Rabbiners Fürst) über „Wesen und Ziele der Aauda" eingeleitet. Scbon lanae vor Beginn war der große Turnsaal der Talmud-Tbora-Bürgerlchule mit einem distinguierten Publikum bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Ein beredtes Zeichen für das lebhafte Interesse, das man in konservativen Kreisen der Agudaß Jisroel-Jdee entaegenbringt. Nach einem kurren Rückblick auf die Entwicklung des Agudagedankens und deren allgemeinen Ziele, beleuchtet Redner den derzeitigen Stand der Organisation, die in rascher Folge in beinahe allen von Juden bewohnten Ländern aller Weltteile Ortsgruppen gegründet, die im lebhaften Ideenaustausch mit der Frankfurter Zentrale stehen; die bisherigen glänzenden Aaitationserfolae lassen es mit Recht erwarten, daß Agudaß Jisroel in Balde als größte jüdische Organisation auf den Plau treten können wird. Redner wendet sich nach einer Skizzierung desl Kattowitzer Bergarbeiterprojektes dem speziellen Aufaabenkreise der Wiener Agudaß-Ortsgruppe zu, die durch die Lage Wiens als Durckaangstor des Ostens nach dem Westen all die Schwierigketten zu bewältigen und all die Probleme im kleinen zu losen, deren Lösung sich die Volksorganisation Agudaß Jisroel zur Aufgabe gemacht. Es müsse endlich einmal der Zusammenschluß der gesamten thoratreuen Jugend im Rahmen der Agada bewerkstelligt und derselben ein Heim, eine Lehr- und Lernstatte geschaffen werden. Redner appelliert schließlich in feurigen, ihre Wirkung nicht verfehlenden Worten insbesondere an die sehr zahlreich erschienene Jugend, sich mit dem Aufgebot aller Kräfte im Dienste der Werbearbeit von Mann zu Mann, Bezirk zu Bezirk der Agada zu stellen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Nach den Dankesworten des Vorsitzenden für das treffliche, wirkungsvolle Referat, schildert Herr Wolf Pappe«- heim den Werdegang der Wiener Ortsgruppe der Aguda. Es folgt als unvermeidliches Uebel ein „luzionistischer" Redner, um eine Sammlung für den Nationalfond zu propagieren. Der Vorsitzende erklärt eine zionistische Diskussion nicht dulden zu wollen und bringt den Antrag auf Büdung eines 30gliederigen Agitationskomitees junger Leute zur Abstimmung. Der Antrag wird einstimmig angenommen und die Versammlung zwecks Konstituierung dieses Komitees und Eintragung in die Mitgliedslisten auf 10 Minuten unterbrochen. Kurz vor Wiedereröffnung der Versammlung geraten Zionisten und ihre Gegner in Konflikte und es entsteht eine allgemeine Erregung, die der Vorsitzende zu beschwichtigen Mühe hat. Nachdem die Konstituierung des Agitationskomitees unter dem Vorsitz des arbeitsfreudigen Herrn Boudi bereits erfolgt ist, auch über 130 nrue Mitgliedsanmeldungen bereits vorliegen, erklärt der Vorsitzende die Versammlung mit Rücksicht auf die erregte Stimmung sür geschlossen. Auf Anregung der Herren Gabriel Fürst und Jung ist ein Verein jüdischer Akademiker im Rahmen der Aguda-Ortsgrvppe in Bildung begriffen. Weitere Agitationsversammlungen finden demnächst der Reihe nach in cllen Wiener Bezirken statt. Grotz>e Spenden. Aus Aussig wird uns geschrieben: Herr Kommerzialrat Eduard I. Weinmann hat anläßlich seines 60. Geburtstages wohltätige Spenden im Gesamtbeträge von rund 300.000.— Kronen gewidmet. Hievon erhielten der Pensionsfond der Firma Eduard I. Weinmann 100.000.— Kronen, die israelitische Kultusgemeinde in Aussig 50.000.— Kronen, die Aussiger Blindenschule 50.000 Kr. und die Aussiger? Volksbücherei 5000 Kr. Weiter hat Herr Weinmann sämtlichen gemeinnützigen und humanitären Vereinen der Stadt Aussig namhafte Beträge zum Zwecke der Förderung ihrer Bestrebungen gewidmet. Aus Anlaß seines 60. Geburtsfestes war Herr Kommerzialrat Weinmann sowohl seitens der Behörden, als auch seitens der großen Zahl seiner Untergebenen und sämtlicher Vereine und Gesellschaften, die schon von früher her sich der Förderung durch den Gefeierten zu erfreuen hachm, Gegenstand aufrichtiger Ehrungen.;. 11 [ -i Ein Mahnwort an den Lemberger Kullusvo. stand Es dürfte wohl wenige Mitglieder unserer Gemeinde geben, die der gegenwärtigen Repräsentanz ihre Anerkennung für die auf dem Gebiete des Armenwesens geleistete Arbeit vorenthalten würden. Wenn sich die Wirksamkeit eines jüdischen Gemeinderegimes auf diesen Punkt zu beschränken hätte, wahrlich wir würden unserer Muttergemeinde nie einen gewissenhafteren und eifrigeren Vorstand wünschen. Wir Juden leben leider unter Verhältnissen, die uns geradezu zwingen, bei jeder bedeutenderen kulturellen und sozialen Aktion jüdischen Charakters in erster Reihe auf eine kräftige Förderung seitens der Kultusgemsinden zu rechnen, an ihre Hilfsbereitschaft zu appellieren. T1 Da geschieht es nun oft bei ähnlichen Anlässen, daß sich unser Kultusvorstand hinter den § 2 des Gemeindestatutes verschanzt, laut welchem die Kultusgemeinde in erster Reihe berufen erscheint, für die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder Sorge zu tragen und die zu diesem Zwecke notwendigen Anstalten zu errichten und zu erhalten.!! Leider muß nun festgestellt werden, daß der Kultusvorstand in Lemberg gerade auf diesem Gebiete seit vielen Jahren nur ganz minimale Leistungen aufzuweisen hat. Speziell müssen sich die Anhänger der sogenannten fortschrittlichen Richtung im Kultus über eine geradezu stiefmütterliche Behandlung seitens des Vorstandes beklagen, der ihren allzu bescheidenen und gerechten Postulaten teilnamslos gegenübersteht. Der im Jahre 1846 unter unsäglichen moralischen und materiellen Opfern unserer Väter erbaute Tempel ist bis heute die einzige Synagoge, in der ein den modernen Bedürfnissen und Anschauungen angepaßter Gottesdienst stattfindet. Nun -hat sich jedoch gerade, die Anzahl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.