Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022023--21529-3046628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4l - Sette 683 Dk. BlochS Vom Jahrmarkt des Lebens. . . . Das ganze jüdische Volk hat in diesem Jahre einen der ruhmvollsten und treuesten Söhne verloren. Am. 7. März 1912 starb in Kiew Pr. Max M and eist am. Finster ist es auf der jüdischen Gasse geworden --der Vorsteher der jüdischen Kultur, der Licht nnd Wärme uns während 73 Jahre verliehen hat — ist nicht mein’da. Das ganze Leben hatte er der Befreiung des jüdischen Volkes gewidmet . . . Diesem Kämpfer für das jüdische Selbstbewußtsein und für die jüdische Freiheit soll ein Denkmal errichtet werden. — Die Ito-Konferenz, die in Wien abgehalten wurde, beschloß, eine Kolonie im Namen von Mandelstam in Amerika zu gründen. Die russischen Juden haben schon viele Tausende Kübel für die Kolonie gespendet. Es ist eine heilige Pflicht eines jeden Juden, beizutragen, daß diese Mandelstam-Kolonie möglichst groß, zahlreich und rationell ausgestattet wird! Wir wenden uns mit der dringendsten Bitte an alle Juden, die diese Zeilen lesen werden, an den Spenden für dieses Werk teilzunehmen. Die Geldsummen für die Mandelstam-Kolonie bitten wir an die Adrese des Herrn Dr. 8. Margolin, Rechtsanwalt in Kiew, Nikolaiskaja Nr. 1 (Rußland) zu senden. Vorsitzender des Vereines Ito in Kriewoj-Rog: P. M. Dolschansky. Die Juden und die rüMche freiwillige Flotte'. In der Erbschaftsmasse der unseligen dritten Reichsduma befindet sich unter anderem auch ein Gesetz, betreffend die Reform der russischen freiwilligen Flotte. Diese offiziöse Schiffsgesellschaft, welche der russischen Regierung zu Kriegszeiten ihre freiwillige Flotte zur Verfügung stellt, wurde vor ungefähr 35 Jahren im Wege einer öffentlichen Geldsammlung gegründet. Es wurden damals ungefähr 4 Millionen Rubel gesammelt, wovon nahezu eine Million Rubel aus Spenden von Juden zustande kam. Die Reform dieser freiwilligen Flotte auf Grund des neuen Dumagesetzes bestand nun zunächst darin, den Juden jeden Dienst bei dieser Flotte unmöglich zu machen. Das Gesetz bestimmt ausdrücklich, daß es verboten sei, Juden in den Dienst der Flotte zu nehmen und daß Juden auch nicht den Verwaltungs¬ oder Direktionsrat der freiwilligen Flotte angehören dürfen, selbst wenn sie als Vertreter irgendeiner Handelsgesellschaft in den Vorstand der Flotte delegiert werden. Der Senat hat dieses merkwürdige Dumagesetz bestätigt, obgleich die der industriellen Gruppe angehörenden Mitglieder des Senates, wenn auch nur scheinbar, Stellung dagegen genommen haben. Dieses Gesetz hat nun die Sanktion erhalten und die Reform soll durchgeführt werden. In den nächsten Tagen findet eine Versammlung der Delegierten der Handelskammern und industriellen Gesellschaften, sowie der Börsen-Komitees, um die Wahl der Vertreter dieser Gruppen in den Direktionsrat der nunmehr reformierten russischen freiwilligen Flotte vorzunehmen, statt. Nach dem neuen Gesetze haben die Juden wohl das Recht, an der Wahl der Vertreter der Handels- und Jndustriegesellschaften teilzunehmen, können aber selbst nicht gewählt werden. Vor einigen Tagen fand nun in Petersburg eine Besprechung aller jener jüdischen Persönlichkeiten statt, welche als Mitglieder Wochenschrift von Handels- und Industrie- oder Finanzorganifationen bei diesen Wahlen in die freiwillige Flotte das aktive Wahlrecht besitzen, .um zu diesem Affront Stellung zu nehmen. In dieser Konferenz wurde einhellig die Parole ausgegeben, daß Juden an diesen Wahlversammlungen nicht teilzunehmen haben, um auf diese Weise ihren Protest gegen diese Undankbarkeit kund zu tun. Es wurde auch in Erwägung gezogen, ob diese Gesetzesbestimmung nicht die Handhabe dazu bietet, die Beleidigung Der Juden damit zu beantworten, daß die seinerzeit von jüdischen Gesellschaften für die freiwillige Flotte gesammelten Spenden aus gerichtlichem Wege zurückverlangt werden. „ Die Juden in New Aork. In den „Süddeutschen Monatsheften", München, erschien, im Januar beginnend, eine Serie von Artikeln über „Die Volksschule in den Vereinigten Staaten von Amerika" von dem Reichslagsabgeordneten Oberstudienrat Dr. Georg Kerschensteiner, die, so bedeutungsvoll sie an und für sich schon sind, — der klastische Stil, trotz der nicht überschwenglichen Schilderung ein prachtvoll entfaltetes Bild des amerikanischen Schulwesens, Luft und Schatten in objektiver Darstellung, dem Lehrer freien.Spielraum lastend, sich ein eigenes Urteil zu bilden, — für die Juden besonders lehrreiche und schätzenswert sind. So Hören wir, was Herr Dr. Kerschensteiner zu sagen hat : Wenn ein Schiff mit Auswanderern einläuft, so ist die erste Tätigkeit der Schulbehörde, sich der schulpflichtigen Kinder anzunehmen." Schon dieser eine Satz gibt uns ein ganz anderes Bild der amerikanischen Verwaltung, als wir des öfteren von der Tagespresse erhalten, die fast nur von dem willkürlichen, unmenschlichen Verfahren der Einwanderungsbehörde berichtet. Die Amerikanifierungsbestrebungen werden nicht von der Polizei, sondern klugerweise von der Schulverwaltung durchgeführt. Was auf diesem Gebiete geleistet wird und mit welchem Erfolge, darüber schreibt der Verfasser weiter: „Wer im dichtbevölkerten Newyork durchs die Straßen wandert, wo die Stürme des Schicksals Hunderttausende von Juden aus aller Welt zusammengeblasen haben, der stößt überraschend oft auf Gebäude, die wenigstens 180 Tage im Jahre das stolze Sternenbanner der Union wie zum freundlichen Gruß entgegenstrecken: es sind die „Public Schools". In dem Stadtteil, der von 800.000 russischen Juden bevölkert ist, fand ich die Schulhäuser so dicht beisammen, daß man fast immer nur einen Block zu gehen hatte, um auf ein neges Schulhaus zu stoßen." „Im Meer der Armut eine Insel der Seligen, eine Insel von 3200 seligen Kindern, die unter der Leitung einer feinfühligen, warmherzigen Frau in den Dienst des neuen Vaterlandes eingeführt werden und in die Schöße der Kultur." „In der 15. Public School, die in dem riesig ausgedehnten hebräischen Viertel liegt, habe ich Leistungen gesehen, wie sie besser von Kindern der Volksschule überhaupt nicht mehr erwartet werden können." „In der Schule in Estestreet — im Judenviertel — wiesen hebräische Plakate vom Hauseingang zum Oberlehrer. Beim Betreten der Aula um 9 Uhr waren 1202 Kinder zur Morgen-Andacht versammelt, sie sangen das Lied: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre." Der dreistimmige Gesang war ausgezeichnet eingeübt. Ich habe selten so musterhafte Disziplin während des Gesanges gesehen." Die Lektüre in der Schule wird benutzt zu dramatischer Gestaltung, und war der Verfasser begeistert von den dort gesehenen Leistungen: