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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-11 · 41 (11.10.1912) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Vlochs Wochenschrift Sette 687 sie in ihren breiten Massen auch nur, wie die übrige Menschheit, gequälte Bettler um die geringe Abfindungssumme des Glückes. In das Milieu Simons, die Wohnung des alten Schneiderehepaares Lehmann, das nach der Verurteilung des Schwiegersohnes die Tochter mit ihren Bindern zu sich nimmt, durch Arbeiten für ein Pariser Konfektionshaus kümmerlich sein Brot verdient und bei verschlossenen Fensterladen und trüben Lampen arbeiten muh, sobald antisemitische Horden nahen, trägt der Dichter seine Sympathien: dem schaffenden und dem duldenden Juden öffnet er sein Herz, nicht aber dem Kapitaljuden: hier macht die Liebesfülle des Dichters Halt. Der eingewurzelte Hah des Sozialdemokraten gegen das Kapital und seine Vertreter in Aristokratie, .Kirche und Bourgeoisie, als den professionellen Ausbeutern der Gesellschaft, sein Hah gegen die privilegierten Standesklassen richtet sich auch gegendenreichenGeldfuden den Baron Nathan. Dieser jüdische Emporkömmling, der sich für zehn Millionen einen gräflichen Schwiegersohn und für verschiedene weitere Millionen den Baronstitel kauft, katholisch wird, um der Aristokratie noch enger verbunden zu sein, aber für die Rehabilitierung seines Religionsgenossen nicht den Finger rührt, um nicht mit der verachteten Klasse gemeinsame Sache zu machen, wird dem Dichter zur moralischen Karikatur. Simon selbst ist mit wenigen Strichen, aber mit der Treue des grotzen Menschenergründ-ers geschildert. Durch seine Tüchtigkeit leitender Lehrer an einer republikanischen Volksschule, scheint er anfangs unbedeutend, von etwas kleinlicher Pedanterie und von beständiger Furcht erfüllt, seinen Vorgesetzten nicht zu gefallen, als Produkt der ererbten Furcht vor Verfolgungen. Das Leiden aber erhebt ihn zu wahrer tragischer Grötze, zu heldenhafter Kraft des Duldens und zu völliger Verinnerlichung im Geist der Idee. David, der Bruder Simons, zeigt den Juden in seiner stillen, zähen Energie, in seinem rastlosen Fleih: jahrelang forscht und arbeitet er im Verein mit Markus Froment und dem Advokaten Delbos, um die Momente zur Aufklärung der Tatsachen zu sammeln. Rachel, die Gattin Simons, ist die bildschöne und treue, etwas indolente Blume des Ghetto, die erst durch die Ertase des Schmerzes zur Tat getrieben wird. Zola liegt es indessen, trotz dieser typischen Unterscheidungen, fern, über das Judentum als solches, seine Berechtigung und Bedeutung zu reflektieren: Separierungs- oder Assimilierungsrezepte liegen abseits feines Gedankenkreises: er rechnet mit den Juden, ihrer Art und ihrem Wesen als einer einmal gegebenen Tatsache, als den einmal vorhandenen Bestandteilen der Gesellschaft, mit der Vollberechtigung, als gleichbedeutende Glieder der grohen Kette der Gesamtheit angefügt zu werden, eine fremde Gesteinsart, dir aber das Gefüge und den organischen Zusammenhang der grohen Gebirgsmasse nicht schädigt. Zola, der Radikalist, der alles als den Plunder der Jahrhunderte über Bord wirft: Kirche, Religion, Autorität, Macht, Kapital, er betrachtet den Juden nicht als die Ausscheidematerie, sondern als fruchtbaren Wesensbestandteil der Gesamtkultur. Wenn der Dichter neben den wenig menschlichen Werten Trennendes, Unterscheidendes erblickt: scheue Aengstlichkeit und mißtrauische Furcht, aber auch die unverwüstliche, adlige Hoffnungskraft auf den Sieg der Idee, ihre Eigenart in Schwäche und Tugend, so sieht er nur etwas, was auf Konto der jahrhundertealten Völkerschuld am Judentum zu sehen ist. So sucht denn der Dichter, von dem Traum der Humanität weit fortgeführt, einen Ausweg zur Versöhnung. Er lätzt den Sohn Simons sich mit der Tochter Markus Froments verheiraten, „das Blut der Unschuldigen sich mit dem seiner Rächer vermischen/^ und ein neues, durch die Klarheit freier wissenschaftlicher Erziehung geläutertes Geschlecht seine Schuld an dem Verfolgten sühnen". Es ist, als ob jener Verbrüderungstraum des Lessing'schen „Nathan" in diesem neuen „Evangelium der Toleranz" seine Auferstehung feiere, diese alte Utopie, deren Voraussetzung das Aufchören jeder nationalen und konfessionellen Absonderung ist, nach Zola die Ursache jeglichen Chauvinismus. Emile Zola, der Schöpfer des Naturalismus, der damic begann, in dichterischer Spiegelung physiologischer Einzelforschungen, der animalischen Natur des Menschen als dem Urgrund alles Handelns nachzuspüren, er endigt damii, in jünglinghaftem Idealismus die Idee als das Primäre, Treibende im Völkerleben zu verherrlichen. Der Universalismus des achtzehnten Jahrhunderts als Jdeenabstraktion spekulativen Denkens taucht von neuem auf vor den Augen der Geschichte, nunmehr sanktioniert durch die Konsequenz der Tat und soziologischer Erfahrung: gleichsam von seiner eigene,i Kraft aufs neue an das Licht gehoben als lebensvolles und lebenspendendes Kraftergebnis erakter Forschung. — — — - Mag man dem letzten Werke Zola's auch den Vorwurf nicht ersparen können, datz es durch das allzu deutliche Hinbohren auf die Tendenz, unter dem starren Gesichtswinkel des ..ecrasez rintame'/ an dichterischer Feingliedrigkeit eingebützt, datz der Dichter Licht und Schatten zu kratz und schematisch gegeneinander kontrastiert habe — es ist hier bei manchen Fehlern ein Standard 'werk der Humanität geschaffen worden, ein Werk, das Teile des Lessing'schen und Voltaire'schen Geistes in sich aufgesogen hat. Von jeher haben Männer der freien Wissenschaft dem Judentum ihr sympathisches Interesse bewiesen. Diese Sympathie erwuchs nicht nur aus humanitärem Idealismus, sondern aus der mehr oder weniger eingestandenen und ausgesprochenen Vorliebe der Forscher für den Geist seiner Weltanschauung. Denn nicht das Judentum war es, das durch den Ansturm der Wissenschaft in seinen Grundfesten erschüttert wurde, weil es zu seiner geistigen und seelischen Durchdringung keiner mystischen Prädisposition bedurfte; weil es die Idee des Ureinfachen gegen die Idee des Urverzwickten, die Idee der Simplizität gegen die der Trinität repräsentierte. Seit dem „Nathan" ist keine wirksamere, unverhülltere Apologie des Judentums von arischer Seite geschaffen worden, als die Zola's. Eine gewaltigere freilich hat Friedrich Nietzsche geschrieben: aber sein michelangeloscher Geist, der die Verhältnisse nur in gigantischer Verzerrung und in kühnen, oft allzu kühnen Verkürzungen erblickte, er hat die Juden auch in übermenschlicher Vergrötzerung erschaut, pnd indem er den so gewonnenen Kraftmatzstab als Trumpf gegen europäische Schwäche ausspielte, hat er ihnen nur die Huldigung des Hasses dargebracht. Zola aber, der für jüdische Art und jüdisches Wesen das schlichte Mittelmatz des rein Menschlichen fand, hat die Judenfrage in einem neuen Sinn für die soziale Praris lebensfähig gemacht: nicht aus dem Sinn der herrschenden Parteitaktik heraus, sondern in unserem eigenen Sinn. Und als halb Paris zu seinem Grab wallfahrtete, als nach einem neuen Lourdes — nicht der Kirche, sondern des Wiedergenesungswunders aus der Krankheit der Jahrhunderte — da war mancher Jude unter ihnen, und mancher, der sich sinnend sagen mochte: „Wenn er zu früh starb, so ist er uns gestorben."

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