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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-11 · 41 (11.10.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 686 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 41 Leidenschaften heraufbeschworen, um das Werk der leitenden Staatsmänner zu zerstören und ins Gegenteil zu verkehren. Glücklicherweise gibt es niemanden, der nur die „Reichspost" liest und nur diesem Blatte glaubt. Aber wenn es viele gäbe, so wäre der kriegerische Koustikt mit Italien unvermeidlich, der natürlich den Weltkri'g entzünden müßte. Gibt es aber wirklich einen Gegensatz zwischen uns und Italien? Nur die gewissenlose H.tze christlichsozialer Presse und die Ordenssehnsucht ihrer Führer, milangeeifert von den politischen Machtfragen in Rom, vermag Gegensätze zu finden und zu schaffen, die in Wirklichkeit nicht die Träne eines einzigen Kindes wert sind, das nach dem Tode seines Ernährers betteln gehen müßte. Wir haben wahrlich noch genug zu arbeiten, als daß wir ohne die äußerste Notwendigkeit die Arme unserer Arbeiter und das Geld für unsere Schulen auf Schlachtfeldern aufs Spiel setzen dürften. Die Christlich- Sozialen, in Wahlzeiten so heiße Freunde des Volkes, von denen kein Stand ohne Versprechungen davonkommt, werden um die Gunst hoher Herren, um den Ertrag einer billigen Propaganda zu gewissenlosen Kriegshetzern, die mit lächerlichen Phrasen das Weltunglück heraufbeschwören möchten, wenn sie dabei nur ihren Vorteil wahren. Das muß man historisch feststelleu. Gmrle Zola nnb die Inder?.*) Zum 10. Todestag des Dichters. Von Elise E l ö s s e r. Von Jahrhundert zu Jahrhundert sah sich Frankreich in seinen breiten Massen festgestaut in Volksverblendung und Volksverblödung; doch von Jahrhundert zu Jahrhundert sind auch dieser sanguinischsten aller Nationen, in deren Adern der Pulsschlag der Geschichte schneller klopft, Männer erstanden, die im radikalis.ischen Feuereifer des Reinigers, in edler Bilderstürmerei, dem Götterbild der menschlichen Seele das Gewand religiöser Schwärmerei, die Narrensetzen des Irrwahns, womit Generationen von Betörten es behängt hatten, von den Gliedern rissen, um es in unverhüllter marmorner Göttlichkeit in dem Pantheon einer sittlichen Weltordnung wieder auszustellen. Was Rabelais und Montaigne dem sechzehnten, Möllere dem siebzehnten, Rousseau und Voltaire dem Jahrhundert der Aufklärng gewesen, das bedeutete Emile Zola dem Jahrhundert der Naturwissenschaften. „Wahrheit" ist das letzte der „Vier Evangelien", das er im Angesicht der Menschheit emporhält, zugleich sein Schwanengesang und gleichsam das Resümee seines Lebens. Zola sieht hier mit durchdringendem Blick den uralten Zwiespalt der reinen Vernunft, der ureingeborenen, unverlierbaren Kräfte des Menschen mit dem hierarchischen, dem schwarzen Schrecken: den Kampf der frei sich entwickelnden Staats- und Gesellschaftsform der Republik gegen die wühlende Arbeit der Finsterlinge: hin- und hergezerrt zwischen beiden Parteien den Juden, wie immer so auch hier das Beute- und Marterobjekt im Kampf der Macht gegen die Macht. Den Antisemitismus als eines der schwerwiegenden und unheilverkündenden Krankheitssymptome in dem jahrzehntelangen Siechtum eines dekadenten Volkes will Zola treffen, und indem er im Namen der Völkermission, die seit der großen Revolution von Frankreich *) Aus Paris wird gemeldet: Der zehnte Jahrestag des Todes Emile Zolas wurde am Sonntag in besonders feierlicher Weise begangen. Nach Hunderten zählten Freunde und Anhänger Zolas, welche nach Medan, dem Landhause des großen Schriftstellers, pilgerten. Deputierter Painleve, Mitglied des Instituts, hielt die Festrede, in welcher er das Andenken Zolas feierte und begeisterte Worte fand für Zolas Liebe zur Menschheit und seine leidenschaftliche Wahrheitsliebe. Der Feier wohnten Zolas Witwe und Kinder bei. ausgegangen, im Namen jener Ewigkeitswerte von Freiheit und Menschenrechten, den Ursachen des Antisemitismus in seinen Tiefen nachgeht, legt er die ganze Maulwurfsarbeit jenes wühlenden Geistes der Knechtschaft bloß, der die Saatfelder lebenskeimender Kraft vernichtet und untergräbt. Das .Rettungswerk an dem Geist der Humanität fällt hier zusammen mit dem Rettungswerk am Juden. Sein eigenes Erlebnis in der Affäre des Juden Dreyfus verbindet sich hier als „Bruchstück einer großen Konfession" mit den Krankheitserscheinungen im übrigen antisemitischen Europa. Der Jude Simon, Lehrer an einer der freidenkenden republikanischen Volksschulen, gerät fälschlich in den Verdacht eines Knabenmordes, den tatsächlich Frater Gorgias begangen hat. Auf Betreiben der Geistlichkeit, die ihr Mitglied retten und zugleich ihrer Schöpfung, den Kongregalionsschulen, zum Sieg verhelfen will, wird der Beschuldigte angeklagt, verurteilt und auf Lebenszeit nach Cayenne geschickt. Markus Froment, ein nichtjüdischer, freidenkender Lehrer an der republikanischen Volksschule, macht es sich, im Verein mit David, dem Bruder des Verurteilten, zur Aufgabe und zum Ziel seines Lebens, die Befreiung des Unschuldigen zu erwirken und die Wahrheit an den Tag zu bringen. Markus Froment, der bei aller Plastik individuellen Lebens der Bannerträger und Gesinnungsherold des Autors, seines Meinens und Strebens, nichts anders als die Manifestation Zola'scher Weltanschauung ist, erkennt mit Entsetzen, daß der Antisemitismus nicht nur einer der sporadischen Ausbrüche der Pöbelinstinkte ist, durch die Hunger und soziales Elend sich von Zeit zu Zeit zu entladen pflegten, nicht nur ein uralter, überlebter Instinkt des Rassenhasses, sondern ein fressend tötliches Uebel, das am tiefsten Grund Frankreichs nagt. Das ganze mittelalterliche Lügenmärchen des Ritualmords ist ihm nicht allein das Ableitungs- und Entladungsventil, das geöffnet wird, sobald die hierarchische Macht eine Explosion im eigenen Lager fürchtet, sondern das Resultat systematischer Phantasievergiftung, jenes durch das Pfaffentum genährten Schweigens in metaphysischen, wundergläubigen Träumen, jener geistigen Trunksucht, die gleich der körperlichen Frankreich zugrunde richtet. Nur die völlige Wahrheit und Klarheit, nur die Volks- und Jugendbelehrung im Licht der Wissenschaft und der Erperimenlalforschung, bis in ihre Konsequenz hinein, ohne die feige Furcht vor den Herrschenden, dadurch Macht aus ihren Händen in die Hände der Untergrundselemente zu geben, können hier Wandel schaffen. „Bildung und Belehrung, jawohl, aber die vollständige Belehrung, die befreiend wirkt, indem sie die ganze Wahrheit vor den Menschen hinstellt." Zola's Wahrheitsideal ist nicht das zwischen Himmel und Erde schwebende Luftgebilde, das dem suchenden Sinne beständig enteilt, sondern der reale Kampf gegen die Lüge, und jenes praktisch erreichbare Arbeitsziel, das, mit dem Begriff der Gerechtigkeit identisch, jenen vollkommenen Kräfteausgleich in der Gesellschaft zustande bringt, der der Glückssähigkeit jedes Einzelnen ausreichenden Bewegungsraum gewährt. Dieses Recht auf das Glück, auf das Eigentum und die Errungenschaften der Gesamtheit hat bei ihm der Jude, wie jeder, der in ehrlichem Ringen die Besitztümer des sozialen Organismus erarbeiten hilft. Im freien Austausch des Verkehrs wie in dem gebundenen Mechanismus staatlich geordneter Funktionen ist er an seinem Platz. Der Lehrer Simon, wie sein Sohn, sind durchaus berufen und würdig, in der staatlichen Volksschule, die „Eroberung der Zukunft durch das Kind" zu vollführen, Seite an Seite mit ihren arischen Kollegen . . . Zola glaubt mit Recht nicht an das kapitalistische Uebergewicht der Juden: ihm sind

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