Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 40 (4.10.1912)
- Date
- 1912-10-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Blochs Wocheichhrlst Seite 677 und das antisemitische Schimpfblatt entstanden waren, fand ein Minderbesuch von 1135 Badegästen statt. Und im Jahre 1911? Die Saison war gut; allein es gährte infolge der kommenden Eemeindewahlen, und anfangs Januar, als sie stattfanden, wurden die Juden, wie seinerzeit berichtet worden war, um zwei von den gugesicherten Mandaten gebracht; hiedurch erlangte die .deutschradikale Partei die Macht in Karlsbad, und sie wählte den ehemaligen Buchhändler Hermann Jakob, den Erbfeind der Juden, zum Bürgermeisterstellvertreter der Kurstadt; in Wirklichkeit aber ist er mit seinem Leibblatte „Karlsbader Badeblatt" der eigentliche Regent von Karlsbad geworden. Weri nun so naiv ist, zu glauben, datz alles dies spurlos vorübergegangen ist, der irrt sich eben. Ohne Zweifel hat nicht nur die gesamte jüdische Presse Europas diese Vorgänge verzeichnet, sondern auch diejenige der außereuropäischen Presse, und die Antwort daraus war die, datz eben wieder wie im Jahre 1900 s oundsoviele Juden weniger nach Karlsbad kamen, weil sie Karlsbad — mit Unrecht — für antisemitisch halten. Beweis: der erste, der infolge der schlechten Saison fiel, war der Besitzer vom Hotel Glattauer — der Besitzer des jüd. Hotels der Kurstadt. Und nun eine kleine weitere Aufklärung. Karlsbad hat schöne und glückliche Zeiten mitgemacht. Etwas von Antisemitismus war zwar immer da, wie es überall im Egerland der Fall ist; allein die Karlsbader waren kluge Leute und dachten sich: Die Hauptsache ist die, Geld zu verdienen. Besonders unter dem Bürgermeister Dr. Knoll, der während der 1890er lleberschwemmnng starb, blühte Karlsbad auf, und dieser Mann verschaffte Karlsbad einen so guten Ruf, daß es Jahre bedurfte, um das zu durchbohren, was jener gescheite Mann g e s ch a f f e n hat. Wozu mußte man in Karlsbad im Jahre 1898 gewaltsam den Antisemitismus heraufbeschwören und die sonst harmlose Bevölkerung hineinzwängen? Warum muß gerade Karlsbad respektive sein Hetzblatt immerfort diese gehässige Sprache gegen andere Nationen führen? Ist ein Kurort ein Platz, mitten in der Saison fortwährend zu schimpfen und zu hetzen? Man nehme doch das Leibblatt der Stadt Karlsbad, das „Karlsbader Badeblatt" zur Hand und da wird man sehen, was es für einen Inhalt hat, in der Hochsaison, also zu einer Zeit, wenn die glänzenden Feste in den großen Hotels Spalten mit interessantem Stoff füllen könnten! Da finden wir ein halbes Dutzend Nachrichten über die Tätigkeit antisemitischer Vereine; wir finden, daß ein Knecht ans dem Dorfe Schobrowitz wegen Notzucht verurteilt wurde; eine entlaufene Kellnerin wegen Landstreicherei zu drei Tagen Arrest und ein betrunkener Kutscher wegen Tierniißhandlung zu 24 Stunden verurteilt wurde; danp kommt eine Hetznotiz gegen eine hochanständige jüdische Schneiderin, die in 5 Nummern fortgesetzt wird, weil sie einen böhmischen Dienstboten hat, und so geht es fort — im Leibblatt der Knrstadt Karlsbad, dem Karlsbader Badeblatt, dessen „Hanptfchriftleiter" der e r st e 3i a tgeber des Bürg ermeisterstellv ertr eters, des Bezirk s o b m a n n e s u s w. i st. Es unterliegt also keinem Zweifel, daß die ungünstige Witterung im letzten Sommer der Karlsbader Frequenz geschadet hat; aber noch viel mehr schadet der schönen Kurstadt der Uebermut seiner Führer, es schaden ihr vor allem die politischen Quertreibereien — diese gehören nicht in eine Kurstadt; Karlsbad kann keinen Bürgermeisterstellvertreter krauchen, der durch seinen Antisemitismus in die Höhe gekommen ist; es braucht kein verrohtes Blatt, das von Haß und Zank spukt, wie es das „Karlsbader Badeblatt" ist, ein Blatt, das wegen seiner maßlosen Herausforderung von der Bevölkerung ebenso gehaßt, wie gefürchtet ist. Karlsbad kann nur eine Stadt des Friedens sein und das kann es erst dann werden, wenn eine v o l l st ä n d i g e Umwandlung der Verhältnisse e intritt. Im Karlsbader Stadtverordneten-Kollegium sind derzeit friedliche Personen, die als deutschradikal gelten, aber ganz gut auch von Juden als Gemeinderäte gewählt werden könnten; es sind aber auch Deutsch liberale darin, die viel mehr antisemitisch gesinnt find, als so mancher, der als Antisemit verschrieen ist. Karlsbad braucht neue Männer, die sich nicht vom Herrn „Hauptschriftleiter" des Karlsbader Badeblattes in Furcht und Angst jagen lassen; es braucht vor allem Männer, die nicht bei jeder Frage und bei jedem Ansuchen zuerst den Taufschein sehen wollen; es rückt eine Zeit für Karlsbad näher, in welcher es notwendig ist, daß die gesanite Bevölkerung wie einst in Frieden und Ruhe für die Interessen des Kurortes wirkt und arbeitet. Es war noch nicht die Saison zu Ende, da erschienen bereits Inserate des Karlsbader Turnvereines vom Jahre 1860 in dem .Karlsbader Badeblatt" mit Einladungen an die „deutschen", d. h. antisemitischen Frauen Karlsbads, sich am Turnen zu beteiligen; es wird nicht vier Wochen dauern, dann geht das bekannte Winterspiel an: Die antisemitischen Vereine beginnen mit ihrer Wintertätigkeit im internationalen Kurorte Karlsbad. Sie werden etwas kleinlauter sein in diesein Jahre; aber ob ihnen der Mut genommen ist, weiterhin darauf loszuarbeiten, daß auch in der nächsten Saison das gleiche Resultat, wie in diesem Jahre erfolgt, das ist zu bezweifeln. Wie es aber immer ausfallen möge, die Vergangenheit liegt klar vor Augen. Karlsbad hatte eine schlechte Saison, weil Nachrichten über die unleidlichen Verhältnisse in weitere Kreise gedrungen sind. Man macht aus der Kurstadt eine Kampfstadt, die nicht aus dem Zank und Hader herauskommt. In Karlsbad fehlt es an einer maßvollen unabhängigen Presse, die weder von der Stadt mit hochbezahlten Inseraten und unmäßig bezahlten Drucksachen ausgehalten wird, noch andererseits sinnlos losdonnert; es fehlt an einer ruhigen und maßvollen Kritik, die nicht beleidigend ist; es fehlt an unabhängigen Männern, die furchtlos die herrschende Protektionswirtschaft abschaffen und sich nicht vor jeder Entgegnung fürchten, und es fehlt insbesondere an einem städtischen Forum, welches alles, was ihr vorgelegt wird, ehrlich prüft, nach der Notwendigkeit entscheidet und sich nicht von persönlichen M ot iv cn bei seinen Entscheidungen leiten läßt. Ein halbes Dutzend kluge und entschiedene Männer können da Rat schaffen: wenn sie sich nicht finden, dann drohen der altberühmten Kurstadt Karlsbad Gefahren. Die Union der ungarischen Inden. Aus Budapest wird uns geschrieben: Der Leiter der auf die Vereinigung der Neologen und Orthodoxen abzielenden Bewegung, der Präsident der Neologen-Gemeinde in Szabadka Dr. Adolf Klein, erklärte einem Journalisten gegenüber, daß das engere Vorbereitungs-Komitee beschlossen habe, den Hunderterausschuß für den 22. Oktober einzuberufen. Sollte sich der Ausschuß den bisherigen Arbeiten anschließen, wird die im Jänner des nächsten Jahres abzuhaltende Landesversammlung in der Frage der Vereinigung der beiden Gruppen und der Autonomie der ungarländischen Juden eine Entscheidung treffen. Das engere Komitee habe über Antrag Dr. Kleins einen Beschluß gefaßt, der geeignet erscheine, die Verhandlungen der Landesoersammlung einem Erfolge zuzuführen und die Union zu verwirklichen. Die Orthodoxen entfernten sich bekanntlich vom 1868/69« Kongreß deshalb, weil die Majorität des Kongreffes den Schulchan-Aruch nicht als Basis der Beschlüsse annehmen wollte. Nun habe sich, wie Dr. Klein bekannt gibt, das engere Komitee auf die Grundlage des Schulchan-Aruch gestellt und werde diesen prinzipiellen Beschluß auch dem Hunderter-Ausschuß in Vorschlag bringen. Sollte sich der Hunderter-Ausschuß diesem Standpunkte anschließen, so werde nach der Meinung des Herrn Dr. Klein die angeblich einzige Ursache der Spaltung aushören, und der Bereinigung der beiden Lager kein Hindernis mehr im Wege stehen. Es wird abzuwarten sein, ob die Orthodoxen Ungarns, selbst wenn der Hunderter-Ausschuß die vom Herrn Dr. Klein angeregten Beschlüsse faffen wird, das Vertrauen in die Führer der neologen Juden in dem Maße wiedergewinnen werden, um eine Vereinigung mit ihnen vom Standpunkte der gesetzestreuen Judenschaft für geraten anzusehen. Denn so weit wir informiert find, handelt es sich in der ganzen Frage nicht nur um prinzipielle Beschlüsse, sondern auch um das Vertrauen und die Garantie, daß diese Beschlüsse im praktischen Leben der Gemeinde auch strikte eingehalten werden. Ehrung eines jüdische» Gelehrten. Vorige Woche hielt die botanische Fachabteilung der ungarländischen natuiwiffenschaftlichen Gesellschaft in Budapest eine Sitzung ab, als deren einziger Gegenstand die Begrüßung des Präsidenten der Fachabteilung, des Professors am Polytechnikum Dr. Julius Klein, aus Anlaß seiner vierzigjährigen Professorentätigkeit auf der Tagesordnung stand. Die Festrede hielt der zweite Präsident der Fachabteilung, der die Tätigkeit des Gefeierten, der nicht nur als Hochschullehrer, sondern als Fachschriftsteller und seit 21 Jahren Präsident der botanischen Fachabteilung und seit 10 Jahren Redakteur des amtlichen Fachblattes der Gesellschaft sich um die Förderung der botanischen Wissenschaft in Ungarn außerordentliche Verdienste erworben hat, würdigte. Die ungarischen Botaniker haben dem Jubilar ein prächtiges Album überreicht. Der Gefeierte dankte mit bewegten Worten für die Ehrung, der Feier folgte ein Bankett. Berlin. (25jähriges Amtsjubiläum.) Auf eine 25 jährige, überaus segensreiche Wirksamkeit als Rabbiner der jüdische Gemeinden in Berlin kann in diesen Tagen Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Adolf Rosenzweig zurückblicken. Aus diesem Anlässe findet seitens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde am Freitag den 11. Oktober in der Neuen Synagoge in Berlin ein feierlicher Festgottesdienst statt. Bereits vor Ku^em wurde die erfolgreiche Tätigkeit des Jubilars, der als einer der hervorragendsten Kanzelredner sich allgemeiner Beliebtheit erfreut und vor seiner Berufung an die größte Gemeinde Deutschlands als Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Teplitz wirkte,