Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 40 (4.10.1912)
- Date
- 1912-10-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 672 Dr. Vkochs Wochenschrift Nr. 40 Was uns not tut. Man wirft der jüdischen Äugend vor, sie sei im Glauben lau und leicht bereit, behufs Erlangung dieses oder jenes Vorteiles das altehrwürdige Banger des Judentums zu verlassen. Tun wir wirklich recht daran, die jüdische Jugend für die trostlosen Verhältnisse im Judentums verantwortlich zu machen? Sollten wir die Schuldtragenden nicht etwa anderswo suchen? Zu Ende des vorigen Jahrhunderts haben die meisten Kultusgemeinden dieser Reichshälfte in ihrer Assimilationssucht das wichtigste Bollwerk des Judentums niedergerissen,- die jüdischen Volksschulen aufgelöst: von jenem Zeitpunkte datiert der Verfall des religiösen Lebens bei uns, und von Jahr zu Jahr verspüren wir immer mehr die Folgen der oben erwähnten unseligen Tat. Soll eine Sanierung unseres tieftraurigen Zustandes ungebahnt werden, so muh vor allem an die Wiedererrichtung jüdischer Volksschulen geschritten werden. In den jüdischen Schulen wird das jüdische Kind iim Geiste unserer heil. Thora erzogen, hier lernt es jüdisch denken, jüdisch suhlen, hier verbindet sich Theorie mit der unbedingt notwendigen Praxis, hier wird, um nur einiges zu sagen, das Kind gewöhnt, den Samstag zu heiligen und wie die Erfahrung lehrt, tut der Mensch in späteren Jahren das, wozu er im zarten Alter gewöhnt wurde, wie das Sprichwort sagt: „Jung gewohnt, alt getan!" Wien hat 180.000 jüdische Seelen. Etwa 6000 jüdische Knaben sind hier zum Besuche der Volksschule verpflichtet, und für diese 6000 Knaben besitzen wir eine, sage und schreibe eine jüdische Volksschule,die von etwa 2OO Knaben besucht wird. Hingegen hat Budapest mit seinen 130.000 jüdischen Bewohnern nicht nur mehrere jüdische Knabenvolksschulen, sondern auch einige jüdische Mädchenvolksschulen, ja sogar jüdische Bürgerschulen.*) Diese Zahlen sprechen eine beredte, sehr ernste Sprache. Sie machen uns aufmerksam, daß es uns schwerlich zur Ehre gereichen würde, in puncto der Sorge für die religiöse Erziehung unserer Jugend auch fernerhin gegen Budapest zurückzustehen, sie legen uns ans Herz, die bereits bestehende sünfklassige jüdische Volksschule mit Oeffentlichkeitsrecht, in der nicht nur nach dem staatlichen Lehrplane unterrichtet wird, sondern die auch .gründliche Kenntnisse in Bibel, Raschi und Talmud vermittelt, in jeder BZiehung kräftig zu unterstützen, ferner nach dem Beispiele von Budapest neue jüdische Volksschulen in Wien zu gründen zu dem Zwecke, daß hier eine wahrhaft religiöse Jugend zur Ehre unseres Volkes heranwachse. Dixi et salvari animam meam. Wien. A. Fried. Die Sabbatarier von Bözödujfalu. B u d a p e st,- 26. September. Das interessante Tiroler Dorf Königsgnad in Ungarn, über das in der letzten Sonntagsnummer der „Zeit" berichtet wurde, findet ein eigenartiges Pendant in dem jüdischen Szeklerdorf Bözödujfalu in Siebenbürgen. Die verschiedenen Abarten der Baptisten, die in der Welt bestehen, sind nur zum Teil in Ungarn vertreten, und speziell in Siebenbürgen gibt es bloß in einigen Dörfern Sabbatarier, die sich alle Sitten und Gebräuche bewahrt haben, wie sie der Gründer dieser Sekte Bamps'ield in seinen Schriften festlegte. In den Komitaten Maros-Torda und Udvarhely haben sich diese modernen Wiedertäufer am meisten Terrain erobert, und es ist sicherlich im höchsten Matze überraschend. *) Anm. Kultus- und Unterrichtsminister Graf Johann Z i ch y hat in dem diesjährigen Staatsbudget für das Internat der israel. Landes-Lehrerpräparandie 20.000 Kronen präliminiert. datz die Meisten Bewohner eines Dorfes,- die Baptisten waren, zum Judentum übertraten. Dieses Dorf ist das erwähnte Bözödujfalu. Die meisten Szekler Bewohner dieses Dorfes sind im Jahre 1889 Israeliten geworden, und zwar zählen sie zu den Orthodoxen. Sie Hallen alle Gebräuche der Jud,en und ihr Rabbiner Isaak Hirsch wacht mit grotzer Gewissenhaftigkeit darüber, datz die Satzungen der heiligen Schriften bis zum letzten Punkt respektiert werden. Warum die Bewohner dieses Dorfes Juden wurden, ist nicht aufgeklärt. Sie haben eines Tages den Wunsch geäußert, in den Schatz Abrahams ausgenommen zu werden, und die israelitischen Gemeinden in Bukarest und Budapest brachten einige tausend Kronen auf, um in dem kleinen Dorfe ein Haus für den Rabbiner zu erbauen. In diesem Haus befinden sichjetzt die Schule und das Bad. Denn auch darauf achtet der Rabbiner, datz die alten Szekler und Szeklerinnen die rituell vorgeschriebenen Bäder nehmen. Ob' Moltke recht hatte, als er behauptete, datz warme Bäder die Lebensdauer der Menschen verlängern, weitz man noch nicht genau. Gewiss aber ist, datz die jüdischen Szekler sehr alt werden. Da lebt in Bözödujfalu, wie ein ungarischer Schriftsteller soeben berichtet, ein gewisser Kovars, der ehemals als Sabbatarier Daniel hietz und jetzt den Vornamen Moses hat,- der bereits 84 Jahre auf dem Rücken trägt, aber trotzdem frisch, und gesund ist. So gesund, datz seine Familie nicht weniger als 76 Mitglieder aufweist: Kinder, Enkel und Urenkel. Von den alten Sabbatarier-Familien ist blotz eine einzige diesem Glauben treu geblieben, die des Josef Sallos, der 20 Jahre hindurch Richter war. Von den Katholiken im Dorf wurde kein einziger Jude, doch alle Baptisten wurden es,- und fast 200 Israeliten bewohnen derzeit Bözödujfalu, die alle erst seit 20 Jahren dieser Religion angehören. Die >älter.en jüdischen Szekler scheinen gläubig zu sein, die jüngeren sind es nicht mehr. Trotzdem ist es noch nicht vorgekommen,- datz von diesen Israeliten einer wieder Baptist oder überhaupt .Christ wurde. Dabei sind diese jüdischen Szekler sehr arm. Während unter den Juden in den Nachbardörfern einige wohlhabende Kaufleute existieren, sind di,e Bözödujfaluer entweder Handwerker oder Ackerbauer.- Sie leben von der Hand in den Mund. Wenn sie hofften, durch ihren llebertritt zum Judentum ihre Lage zu verbessern, so haben sie sich geirrt. Erstaunlich bleibt es, datz sie trotzdem ausharren und allen Versuchen Widerstand leisten, die sie zu einem neuerlichen Glaubenswechsel bewegen wollen. Ehrung eines jüdischen Künstlers. Aus Rom wird uns gemeldet: Vorige Woche fand hier die feierliche Enthüllung des Denkmals des Generals Enrico Cialdini, Fürsten zu Gaeta, an jener Stelle statt, an welcher der General vor ungefähr einem halben Jahrhundert einen glänzenden Sieg über die päpstlichen Truppen erfochten hat. Die großartige Reiterstatue ist ein Werk des hervorragenden Bildhauers Vito Pardo aus Padua. Sämtliche italienische Blätter beschäftigen sich voll Lobes mit diesem grandiosen Kunstwerk, dessen Schöpfer einer alten italienisch-jüdischen Familie entstammt. Besonders hervorgehoben wird, daß Pardo durch diese seine jüngste Arbeit der Bildhauerkunst neue Richtung gegeben habe. Vito Pardo konnte dem festlichen Akte nicht beiwohnen, da er am selben Tage in Padua an dem Begräbnisse seines Vaters teilnehmen mußte. Da Pardo einer frommen Familie angehört, so werden die Ehrungen, die ihm seitens der Künstler und der Stadt Rom zugedacht sind, erst zu einem späteren Zeitpunkte stattfinden.