Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 40 (4.10.1912)
- Date
- 1912-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3022022--21511-3046609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40 Seit« 671 Dr. Blochs Wochenschrift Menschen find, so ist es nicht wunder zu nehmen, wenn ihre elende Existenz jene Seelenharmonie stört, welche unerläßlich ist, um wissenschaftlich arbeiten zu können. Sollen wir ferner auf die Frage eingehen, ob den sogenannten besseren Elementen der Gemeinden der Ralbinerstand selbst so anstrebenswert scheint, daß fie ihre Söhne diesem Fache widmen würden? Welcher Rosch Hakohyl, mag er der beste Jude sein, würde sich entschließen, seinen Jungen, in dem er Talent und Neigung entdeckt hat, Rabbiner werden zu laffen? Bon vielen, sehr vielen Dingen abgesehen, vor welchen wir beide Augen fest zudrücken und welche wirklich nicht vor die Ocffentlichkeit gehören, sei nur dies eine hervorgehoben, daß kein Fach so viel Arbeit fordert, wie das Rabbinerfach. Mit viel geringerer Mühe kann man Mittelschullehrer, Ingenieur, Mediziner oder Rechtsanwalt werden, als Rabbiner; und mit viel mehr Hoffnung auf ein würdevolles Dasein kann man fich für welches Fach immer vorbereiten, als für das Rabbinerfach. Die Opfer an Mühe und Zeit, welche ein junger Mann während seiner llniverfitäts- und Seminarstudien bringt, stehen absolut nicht im Verhältnis zu dem, was er mit seinem Rabbinerdiplom erreichen kann. Würde er so viel Talent, so viel Energie, solchen Fleiß und solch ernstes Streben einem anderen Gebiete der Wissenschaft oder des Broterwerbes widmen, da erreichte er bei weitem mehr und das auch bei weitem würdevoller. Geweckte Köpfe sehen das noch rechtzeitig ein und wählen eine andere Laufbahn. Ist ihnen das übel zu nehmen? Die jammervolle wirtschaftliche Lage des Rabbinerstandes muß ins Auge gefaßt werden, bevor das Material dieses Standes vor den Richterstahl der Oeffentlichkeit gefordert wird. Die Großgemeinden — welche in Oesterreich und Ungarn an den Fingern abzezählt werden können — werden erst dann das Recht haben, Klage über das Material zu führen, wenn fie mit allen Mitteln dafür sorgen werden, daß auch in den kleinen Gemeinden die Rabbiner nebst höherem Gehaltsminimum und gesetzlicher Quinquennalzulage an den Segnungen einer Pensions- und Reliktenkaffe teil haben. Da wird das Fach vielleicht wünschenswerter sein und vielleicht auch solche Talente heränziehen, welche den Großgemeinden entsprechen würden, aber jedenfalls werden diejenigen, die fich nicht mehr helfen können und bereits in Amt und Würde darben, mehr Lust zur Arbeit und das innere Gleichgewicht haben, um fich zu vervollkommnen. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß der Verfaffer dieses Artikels nicht pro domo geschrieben hat. Er wirkt in einer der größten Gemeinden Oesterreich-Ungarns und im Besitze der möglich besten Konditionen liegt er sorgenfrei und arbeitsfreudig seinem Amte ob. Aber der Jammer seiner Amtsbrüder drückte ihm diesmal die Feder in die Hand, um gerade aus hingebungsvoller Liebe zu seinem Arbeitsfeld die Aufmerksamkeit unserer Großen auf jene Schäden zu richten, welche die Zukunft des Rabbinerstandes gefährden. Dr. Ludwig Venetianer Oberrabbiner in Ujpest. vom Aabrmarln des Lebens. Der russisch-amerikanische Handelsvertrag. (New-Aorker Brief.) New-Aoik, den 16. September 1912. Die erste wichtige Nachricht im Neuen Jahre, welche uns am meisten berührt, ist die Meldung, daß Rußland ernstlich bestrebt sei, dem Paßstreite mit Amerika ein Ende zu machen, und geneigt sei, an Stelle des am Ende des Jahres 1912 ablaufenden Handelsvertrages einen neuen Vertrag mit Amerika abzuschließen. Rußland will nicht ohne Vertragsverhältnis zu Amerika bleiben und wünscht Verhandlungen über einen Vertrag. Wir Juden in Amerika haben keine Ursache, darüber in Angst zu sein, daß etwa in einem neuen Vertrage nicht auch die Bürgerrechte eines Juden gewahrt sein werden, der mit einem amerikanischen Paß nach Rußland reisen will. Wir können vollständig darüber beruhigt sein. Rußland wird schließlich dem zustimmen müssen, dem es seit Jahrzehnten die Zustimmung versagt hat, das heißt, es wird den amerikanischen Paß auch in Händen eines Juden anerkennen müssen, oder es wird auf einen Handelsvertrag mit Amerika verzichten. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika werden in keinem Falle in eine Abmachung mit Rußland einwilligen, welche für ihre jüdischen Bürger schädlich sein könnte. Vor ein, zwei Jahren hätte noch darüber ein Zweifel herrschen können, ob unser Land sich zu dem wichtigen Schritte werde entschließen können, Rußland mit der Nichterueuerung des Handelsvertrages durch eine offizielle Note zu drohen. Bevor dieser wichtige Schritt getan wurde, mochte ein Pessimismus vielleicht am Platze gewesen sein. Aber nach dem großen vorjährigen Meeting in der Carnegie Hall, nach der denkwürdigen Resolution im Kongreß und seit der konsequenten Haltung des Präsidenten Taft in dieser Frage ist jeder Zweifel darüber ausgeschlossen, daß Amerika mit Rußland nur in dem Falle einen neuen Vertrag abschließen werde, wenn Rußland den amerikanischen Paß im Besitze eines Juden genau so respektieren und anerkennen werde, wie wenn ihn ein christlicher Bürger Amerikas vorweist. Die Stimmung zu Gunsten der Juden in diesem Lande hat sich nicht geändert und wir hoffen, daß fie sich auch nicht ändern wird. Wir haben alle Ursache, anzunehmen, daß unser Ansehen in Amerika immer mehr im Wachsen begriffen ist. Die Nominierung des Mr. Oscar Strauß, des berühmten DiplomÄeu und Philanthropen, zum Kandidaten für den Posten nues Gouverneurs des Staates New-Iork war die letzte erfreuliche Ueberraschung im abgelausenen Jahre. Sie ist eines der vielen Symptome, daß wir in Amerika mit jener Gerechtigkeit und Gleichheit rechnen dürfen, welche wir in diesem Lande verdient haben. Wir werden auch in dem Handelsverträge mit Rußland die volle Gleichheit genießen oder der Handelsvertrag wird nicht abgeschlossen werden. Es ist auch jetzt viel leichter, die öffentliche Meinung in Angelegenheit der Paßfrage für uns zu gewinnen, als es vor einem oder mehreren Jahren der Fall war. Das Hauptargument gegen den Abbruch der Handelsbestimmungen mit Rußland bezw. gegen die Nichterneuerung des Handelsvertrages, das auch von mancher Seite jedesmal, so oft die Frage aufs Tapet kam, ins Treffen geführt wurde, hat jetzt an Kraft viel eingebüßt. Diese Gegner der Kündigung des Handelsvertrages mit Rußland haben dem Publikum Angst zu machen versucht, Rußland werde den Boykott amerikanischer Produkte prokla»ui»ten. Nun st-llt es sich aber heraus, daß Amerika seit jenen bedeutenden Schritt von seinem Import nach Rußlano fast gar nichts verloren hat und daß die Agitation der russischen „Patrioten", die ihren Sammelpunkt in den Bolksverbäuden haben, eiu vollständiges Fiasko erlitten hat. Amerika hat also gar keinen Grund, sich wegen der Konsequenzen einer eventuellen Nichterneuerung des Handelsvertrages mit Rußland zu ängstigen und kann unbeirrt bei seiner Forderung einer gleichen und gerechten Behandlung aller seiner Bürger verharren, während Rußland es sich wohl wird überlegen müssen, ob es die äußerste Konsequenz aus diesem Konflikt ziehen soll. Es sind also die besten Chancen vorhanden, daß Amerika aus den bevorstehenden Verhandlungen mit Rußland siegreich hervorgehen werde und daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo die große Arbeit, die im Vorjahre ernstlich eingesetzt hat, von Erfolg gekrönt sein wird. Diese Arbeit war gegen das Rußland gerichtet, das sich nicht damit begnügt, die Juden in seinem Lande durch die unmenschlichsten Ausnahmsgesetze zu würgen, sondern sich noch herausnimmt, auch gegen solche Juden Ausnahmsgesetze zu diktieren, die das Glück haben, Bürger von Staaten zu sein, in denen alle ohne Unterschied im Genüsse der Gleichheit leben.