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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-10-04 · 40 (4.10.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
40 (4.10.1912)
Date
1912-10-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 670 Dr. Büschs WochenWrfft Nr. 4V Hausstube gekommen ist. Man wird wohl noch eine Weile warten müssen, bis die Christlich-Sozialen auch aus dem Rathaus vertrieben sein werden. Aber für den Reichsrat wenigstens sind sie ausgeschaltet. Das beweist die Wahl im dritten Bezirk mit ihrer großen Mehrheit, die ein Anathema ist für die Herrschaft der Christlich-Sozialen und deren Ergebnis ihnen wohl trotz der Pyrrhussiege im Westen Wiens als Ankündigung ihres Endes in die Ohren gellt. Die Ursache de« Mangels an Ralrlriner- Größr« in Österreich «ad Ungar«. Se. Hochwürden Herr Rektor Prof. Dr. Adolf Schwarz hat dem diesjährigen Bericht der Jüdisch-Theologischen Lehranstalt in Wien nicht nur eine schwerwiegende und belehrende wissenschaftliche Untersuchung über die Tofifta des Traktates Nesikin vorangeschickt, sondern auch eine sehr ernste und beachtenswerte Betrachtung über die Nesikin — die Schäden — der heutigen Gemeinden, welche der wiffenschaftlichen Entwickelung und höheren Fortbildung der Rabbinen unbezwingbare Hindernisse dadurch in den Weg legen, weil mit dem Aufhören der konfessionellen Schulen auch das Interesse für religionswissenschaftliches Forschen in den Gemeinden aufgehört hat und somit jenes wirksamste Mittel verschwunden ist, welches die Rabbinen zur ernsten Arbeit, zur ambitiösen Weiterbildung früher angespornt hat. Zettungen und Zeitschriften, Privatgespräche und Bereinsdiskusfionen haben schon oft die Frage erörtert und werden noch oft nach einer befriedigenden Lösung des Rätsels suchen, warum das sogenannte gute Material unter den Rabbinern so auffallend rasch abgenommen habe. Die Großgemeinden mühen sich vergeblich in der Suche nach einem geeigneten Rabbiner ab und geraten in die ärgste Verlegenheit, wenn sie einen vollkommenen Menschen, einen nicht nur akademisch und. seminaristisch gebildeten, sondern auch in. den rabbinischen und theologischwissenschaftlichen Disziplinen Gewicht habenden und zugleich als Prediger anerkannt bedeutenden Rabbiner haben wollen. Hat wirklich das Material der Seminarien an Güte abgenommen? Werden die Jünger der theologischen Anstalten nicht mehr so gründlich vorbereitet? Geben die Gemeinden keine Veranlassung mehr, das aus der Schule Geholte zu erweitern und zu vertiefen? Schnellten die Ansprüche der Gemeinden in solche Höhe, wohin der Rabbinennachwuchs nicht mehr folgen kann? Es kann allerdings nicht geleugnet werden, daß in einer Gemeinde, wo die Aufrechterhaltung der konfessionellen Schule als eine unbedingte Notwendigkeit erkannt und als köstliches Gemeingut liebevoll gefördert wird, ein ganz anderer Geist herrscht, als in einer Gemeinde, wo man nunmehr keinen Sinn für eine Schule hat. Die Schule ist wirklich der Mittelpunkt einer solchen Regsamkeit in der Gemeinde, welche den Rabbiner zur ununterbrochenen Tätigkeit, zur Vertiefung im Studium, zur möglichst vollkommenen Selbstausbildung, zur Entfaltung seiner besten Kräfte aneifern kann. In der Schule laufen die Fäden so mancher günstiger Voraussetzungen zusammen, welche die Entwickelung eines jungen Rabbiners aufs Beste zu beeinflussen vermögen. Nicht die Schule allein, aber sehr Vieles, was drum und dran hängt, ist die unversiegbare Quelle jener Kraftentfaltung, welche einen Rabbiner auf die Höhe der idealen Anforderungen heben könne. Aber gibt es denn keine Gemeinden mehr, wo auch noch Schulen anzutreffen find? Wirkt denn die ganze jüngere Rabbiuergeneration ausschließlich in solchen Gemeinden, wo die geistigen Voraussetzungen zur geistigen Anregung ganz und gar fehlen? In den letzten paar Jahren haben solche Verschiebungen stattgefundeu, welche dafür den Beweis liefern, daß die Voraussetzungen des Ortes noch kein Kriterium bilden in der Bestimmung des Wertes, den der Rabbiner in sich trägt. Wissenschaftliche Lehrstühle und Predigerstellen großer Gemeinden find mtt solchen besetzt worden, die zur Zierde ihres Amtes gereichen, die aber aus solchen Gemeinden hervorgeholt wurden, wo sie von ihrer Gemeinde gar keine Anregung zur wiffenschaftlichen Tätigkeit erhalten konnten. Freilich gibt es solche nicht in Ueberfluß, nicht alle größeren Gemeinden kommen in die glückliche Lage, ihre freigewordene Rabbinerstelle nach Wunsch besetzt zu sehen, denn die jüngere Generation und der zu erhoffende Zuwachs aus den Seminarien ist — mit seltenen Ausnahmen — wahrhaftig ein ganz anderer Schlag, als die ältere Generation es gewesen. Daran ist aber nicht der Mangel an konfessionellen Schulen Schuld und auch nicht das Fehlen religiösen Geistes in den Gemeinden; anderswo ist die Ursache zu suchen, welche allein geeignet wäre, wenn sie nicht nur erkannt, sondern auch anerkannt würde, eine gründliche Sanierung herbeizuführen. Ich sage damit nichts Neues, die Eingeweihten wissen es zu gut, daß in den Rabbinerfamilien — mit Ausnahme der ganz großen Gemeinden — im ärgsten Sinne des Wortes ein furchtbares Elend herrscht. Das muß einmal doch öffentlich besprochen werden. Es ist nicht genug, wenn ein Kollege dem andern gegenüber das Herz erschließt und seinen Jammer aufdeckt, es muß schließlich doch vor die O ffentlichkeit gebracht werden. Die Rabbinen find noch immer prüde genug und schämen sich, das Elend offen zu zeigen, welches man unter dem seidenen Talar nicht vermuten würde, und sind noch immer von der unbegründeten Furcht ergriffen, daß man sie materialistischen Strebens anklagen werde. Gewiß, der Rabbiner soll ideal gesinnt sein, und wer es nicht ist, der ist seines Amtes auch nicht würdig; er soll selber zufrieden und begnügsam sein können, wenn er von Begnügsamkeit und Zufriedenheit predigt; aber da handelt es sich bloß um die eine Frage: ob der Rabbiner eine menschenwürdige Existenz beanspruchen darf oder nicht. Wer die Konkursausschreibungen in den letzten Jahren mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, der konnte die Wahrnehmung machen, daß in Oesterreich und Ungarn die Rabbinen durchschnittlich mit 1600 bis 2400 Kronen besoldet werden. Und dafür werden akademisch und seminaristisch gebildete Männer gesucht! Bietet heute ein Gehalt von 2400 Kronen eine menschenwürdige Existenz? Freilich find da die „Nebenemolumente" nicht mitgerechnet; aber dieses Wort bildet nur für die unerfahrenen, bloß promovierten Aspiranten, die einen Rabbinerposten noch nie bekleidet haben, ein Lockmittel, sonst weiß man es schon, daß das Wort nur im Konkurs fett gedruckt wird. Und wenn eine Stelle mit 3000 Kronen ausgeschrieben ist, da herrscht eine höchst nervöse Bewegung im Lande, die meisten Rabbinen drängen sich hinzu, um mit oft ergrautem Haupt von Haus zu Haus zu wandern und für sich Protektionen zu erbitten. Deshalb etwa, weil sie materialistisch angehaucht sind? Nein, sondern deshalb, weil sie in der Gemeinde Not leiden müffen, ihre Familie nicht versorgen können, die Erziehung der Söhne nicht zu fördern vermögen, an die Verheiratung der Töchter gar nicht denken dürfen, und die Schrecken der Zukunft gönnen ihnen keine Ruhe, wenn sie sich die trostlose Lage der Familie im Falle ihrer Arbeitsunfähigkeit und ihres Todes vorstellen. Und darf denn der Rabbiner keine Kulturbedürfniffe haben? Ich kenne Rabbiner, die absolut nicht in der Lage find, selbst eine Tageszeitung zu abonnieren, dabei aber bemüffigt find, allen Vereinen beizutreten und allen Wohltätigkeitsaktionen voranzugehen. Woher soll er sich eine Bibliothek anschaffen? Woher, die Neuerscheinungen der Literatur und die wiffenschaftlichen Zeitschriften besorgen, um auf dem Niveau bleiben zu können? Woher überhaupt die Lust zur Arbeit nehmen, wenn ihn die schwersten häuslichen Sorgen drücken? Woher die Anregung zur weiteren Ausbildung, wenn ihm jede Hoffnung zur Verbesserung der Lage genommen wird? Jeder öffentliche und Privatbeamte kann seine Lage verbeffern und wird von Zeit zu Zeit mit höherem Gehalt besoldet, nur jüdische Gemeinden haben keinen Sinn für die erhöhten Bedürfnisse der Rabbinerfamilie und lassen sie selbst nach Jahrzehnten mit dem Anfangsgehalt darben. Die Rabbiner können nicht uyd wollen auch nicht, gerade weil sie ideal gesinnt find, zu den Waffen greifen, mit welchen sie ihr Daseinsrecht behaupten würden, aber da doch auch sie

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