Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 39 (27.9.1912)
- Date
- 1912-09-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 662 Nr. 39 Tieren mit Relief und Glasur. So ergeben Befund und Technik eine Stufenfolge, in der die emaillierten R«§- liefs die letzte und jüngste darstellen.*) Breite Borden mit weihen Rosetten rahmen den Tierfries ein, den Bormann nach Zeichnung und Farbe „ein wahres Muster stilvoller Flächenverzierung" nennt. An der Südostecke der Burg förderten die Ausgrabungen noch ein fortlaufendes, ornamentales Wandmuster aus Voluten und Palmetten zutage, das, nach dem Fundorte, einst zur Verblendung der dem Vorhofe zugekehrten Frontwand des Palastes gedient haben muh. Die Verblendung bestand uus ganzen und halben, in Verband gesetzten Emailziegeln von 33 Zentimeter gröhter Länge und 8 Zentimeter größter Höhe. Breite, schwarze Ränder trennen die einzelnen Farben und verhindern das Ineinanderfliehen der Glasuren. Dieser TeT der Funde wird in Berlin seine Auferstehung demnächst nicht nur im Museum erleben, sondern in getreuer Nachahmung ein neuzeitliches Bauwerk schmücken. _ IKorrespondenzen. Der Londoner Besuch des Wiener Gemeinderates In nächster Zeit wird der Wiener Gemeinderat dem Gemeinderate in London einen Gegenbesuch abstatten. Es ist das eine Erwiderung des Besuches, den der Londoner Gemeinderat der Stadt Wien vor einigen Monaten abgestattet hatte. Während aber die Herren aus London tatsächlich sämtliche im Londoner Gemeinderate vertretenen Richtungen repräsentiert haben — bekanntlich befanden sich unter den Londoner Gästen auch einige Gemeinderäte jüdischer Konfession — wird die Wiener Deputation in London nicht von sich behaupten können, daß sie die gesamte Wiener Bevölkerung vertrete, da ihr bloß Mitglieder der dermaligen Majorität, mit anderen Worten, ausschließlich Mitglieder der antisemitischen Partei angehören werden. Wohl hätte die Majoritätspartei, welche sonst den fortschrittlichen Parteien jeden Anteil an der Kontrolle der Stadtverwaltung verweigert und sie aus allen jenen Kommissionen fernhält, in welchen sie einen Einblick in die Machenschaften der christlichsozialen Partei gewinnen könnten, die Fortschrittlichen gerne dafür gewonnen, ihnen jetzt in London die Staffage abzugeben. Denn es ist tatsächlich eine schiefe Situation, in welcher sich diese klerikal-antisemitischen Vertreter der Stadt Wien als Gäste des freiheitlichen Gemeinderates in London befinden müssen. Auch die freiheitlichen Gemeinderäte von Wien und hauptsächlich die Juden unter ihnen hätten sich gerne diesem Besuche angeschloffen, gilt es doch der Gast einer Stadtverwaltung zu sein, die ihnen politisch verwandt ist, während die Deputation, welche sich faktisch nach London begibt, schon aus prinzipiellen und programmatischen Gründen alles das bekämpft, was in der Londoner City Hall als erstrebenswertes Ideal gilt. Die fortschrittlichen Wiener Gemeinderäte hätten sich schon mit Rücksicht auf den gefinnungsgenöffischen Gastgeber über manches hinweggesetzt, wenn die antisemitische Majorität nicht gerade in den letzten Tagen einem fortschrittlichen Gemeinderate gegenüber, der übrigens auch Jude ist, durch einen ungerechten Gewaltakt zur Ausschließung von drei Gemeinderatsfitzungen verurteilt hätte. Die fortschrittlichen Gemeinderäte mußten sich nun sagen, wenn die antisemitische Majorität schon die Empfindung hat, daß sie nicht gut zu dem liberalen Gemeinderate von London zu Besuch kommen kann, ohne wenigstens ein oder zwei nicht antisemitische Gemeinderäte mitzubringen, so müffe sie wenigstens ad hoc so viel Rechtsempfindung aufbringen, um ein an einem fortschrittlichen Gemeinderate verübtes Unrecht wieder gut zu machen. Diese Bedingung hat die antisemitische Majorität nicht erfüllt, und so wird der liberale Gemeinderat von London das zweifel¬ *) R. Bormann: Die Keramik in der Baukunst. hafte Vergnügen haben, das antisemitische Wien bei sich zu Gaste zu sehen. Die fortschrittlichen Kreise von Wien erwarten denn auch von den Liberalen der Stadt London, daß sie sich dessen bewußt werden, wen sie zu Gaste haben, und daß hauptsächlich die jüdischen Stadträte von London dessen eingedenk sein werden, daß diejenigen, die die Gastfreundschaft der Stadt London in Anspruch nehmen, daheim ihre Macht nur zur Durchführung ihres einzigen Pcogrammpunktes mißbrauchen; zur sozialen und wirtschaftlichen Unterdrückung der Juden. Zur Steuerreform in der israel. Kultusgemeinde. Herr Redakteur! Vor einigen Monaten habe ich mir erlaubt, in einer Zuschrift die Anregung zu geben, daß der Steuerkommiffiou der israelitischen Kultusgemeinde die Möglichkeit geboten werde, Einsicht in die staatlichen Einkommensteuerlisten zu nehmen, da auch bei der Militär-Taxe eine verhältnismäßige Besteuerung gesetzlich vorgeschrieben ist. Es wird nun interessieren, daß die kurhesftsche Regierung über Ansuchen der Kultusgemeinde eine solche Einsichtnahme gewährt hat. Hochachtungsvoll E. P. Wir lesen in der „Frankfurter Zeitung" vom 15. September: Die israelitische Kultusgemeinde in Kurheffen. Man schreibt uns: „Die Veröffentlichungen Ihrer geschätzten Zeitung über die veralteten Gesetze der israelitischen Kultusgemeinden im ehemaligen Kurheffen sind, wie es scheint, auch an höherer Stelle beachtet worden. Eine in letzter Zeit erlassene Verfügung erlaubt nämlich der jüdischen Steuerkommission, Einsicht in die staatlichen Einkommenstenerlisten zu nehmen. Hoffentlich werden diese Steuerrollen nicht nur für die einzelnen Kultusgemeinden als Grundlage der zu erhebenden Steuern angenommen, sondern die Provinzialämter richten die Veranlagung der ihnen unterstehenden Gemeinden auch nach der staatlichen Steuer ein, damit ein jeder — ganz gleich an welchem Platze er wohnt — seinen Verhältnissen entsprechend an das Provinzialamt zu zahlen hat. Doch nicht nur die Steuerveranlagung, sondern auch die Besetzung der einzelnen Aemter (als Vorsteher rc.) ist nicht mehr zeitgemäß. Es wäre Sache des preußischen Landtages, sich mit der Abänderung dieser veralteten Gesetze zu befassen, damit der Regierung die Gelegenheit geboten wird, uns Juden in Kurheffen dieselben Gesetze zu geben, welche alle jüdischen Gemeinden in den anderen Provinzen Preußens schon haben." Prag. (Aufruf.) Zu den unheimlichsten Formen des menschlichen Unglücks gehört der Idiotismus, der angeborene Schwachsinn. Alle anderen Gebrechen treffen mehr oder minder nur einen Unglücklichen und lassen ihm wenigstens eine oder die andere Bahn frei, die zu irgend einer Teilnahme am menschlichen Gesellschaftsleben führt. Das schwachsinnige Kind aber wird den Seinigen gar oft zum Fluche, indem es, insbesondere in kleinen Verhältnissen, beunruhigend und bedrückend, ja sogar zerstörend auf das ganze Familienleben wirkt. Es ist ausgeschieden aus der menschlichen Gesellschaft; kein Sonnenschein beleuchtet ihm den Pfad zu einem menschenwürdigen Dasein. Hunderte Idioten in unserem engeren Vaterlande sind zeitlebens verurteilt, in hilflosem Zustande, unter dem Lebensniveau selbst der Haustiere, ihre Tage zu verbringen; Hunderte von Familien leiden schwer unter diesem Unglücke eines Angehörigen und stehen dem unheilvollen Schicksale hilflos gegenüber. Denn nur wenig ist bisher geschehen, um diesem menschlichen Leide zu steuern. Das Herz des Menschenfreundes krampst sich zusammen ob diesem grauenvollen Unheil und ruft um Mithilfe. Dieser Ruf darf nicht ungehört verhallen! Vor etwa zwei Jahren hat sich in Prag der „Fürsorgeverein für Schwachsinnige" gebildet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor allem israelitischen schwachsinnigen Kindern Erziehung und Verpflegung, aber auch nach Möglichkeit erwachsenen Schwachsinnigen ein Heim zu bieten. Aus kleinen Anfängen ist der Verein durch die Beisteuer edler Menschen-