Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 39 (27.9.1912)
- Date
- 1912-09-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 660 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 39 dustriestaates ist und daß sich die Kriminalität der sie umgebenden Bevölkerung in dem Matze, in dem Deutschland Industriestaat wird, der jüdischen immer mehr angleicht. Zu diesen Erscheinungen tritt nunmehr auch die Industrialisierung des deutschen Wirtschaftslebens selbst, bei der die deutschen Juden ja ebenfalls Pionierarbeit leisten. Die Juden als Barometer! Ein richtiges Wort! das einen bedeutsamen Ausblick und einen vielleicht noch viel bedeutsameren — Einblick eröffnet. Sollte diese Erkenntnis nicht die Iudenfrage in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen? Wir zerschlagen doch auch sonst das Barometer nicht, wenn uns die Witterung, dis es für die Zukunft anzeigt, nicht patzt! Keraunschr Kunst in Kabylorr. Von Professor M. G a r y. In der asiatischen Abteilung des Königlichen Neuen Museums in Berlin ist man seit Jahren damit beschäftigt, aus den Trümmern der alten Königstadt Babylon gewonnene kostbare Steinbilder wieder zusamMenzusetzen, die vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden die grotze Tempelstratze der Königsburg Nebukadnezars und seines Vaters Nabopalassars schmückten. Nabopalassar hinterlietz im Jahre 604 vor Christus seinem Sohne Nebukadnezar den Thron Babylons, den dieser in drei Feldzügen gegen Juda, 600, 597 und 586 befestigte. Dem letzten Kriegszug fiel Jerusalem zum Opfer : die Reste des jüdischen Volkes gerieten in Gefangenschaft und dienten zur Vermehrung der Bevölkerung Babylons. Erst nach Beendigung eines neuen, dreizehnjährigen, aber vergeblichen Feldzuges gegen Tyros gewann Nebukadnezar 573 die nötige Mutze zum Ausbau seiner Residenzstadt 'Babylon und zur Hebung der Wohlfahrt seiner Völker. Der Bau der medischen Mauer zwischen Euphrat und Tigris, prächtige Paläste- und Tempelbauten, Regulierung der Wasserläufe und Kanalbauten, eine steinerne Brücke über den Euphrat, die den Ostteil der Stadt mit dem Westteil und der Akropolis verband, kennzeichnen diese Zeit. 561 starb Nebukadnezar nach dreiundvierzigjähriger Regierung. Kurze Zeit blühte noch das mächtige babylonische Reich, um dann schnell dem Verfall entgegen zu gehen. Bereits in der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus lag Babylon, das Tor Gottes, einst eine der größten und prächtigsten Städte der Welt, in Trümmern. Schon damals kennzeichneten ihre Stätte in der Wüste einige Haufen riesiger Schuttberge bei dem Orte Hillak am Euphrat. Um das Jahr 130 wurde auf dem grötzten Teil des von den Stadtmauern umgebenen Innern bereits Getreide gebaut. Die Partherkönige benutzten die noch stehenden Mauern als Wildgehege zur Jagd, und die umliegenden Ortschaften haben im Laufe der Jahre die Mauern und Mauerreste als Steinbrüche für den Bau neuer Wohnstätten benutzt. Dabei müssen wir es heute als ein Glück bezeichnen, datz diese Steinräuber wegen der ungleichmäßigen Form der mit farbigen Reliefs geschmückten Ziegel diese liegen lietzen oder die Vorderseite abschlugen, um regelmäßige, gut zu verbauende Stücke zu gewinnen. Auf diese Art sind kostbare Reste des glänzenden Mauerschmuckes bis auf unsere Zeit erhalten geblieben, und zahlreiche Forscher, so Rich, Loftus, Fulgenze Fresnel und Jules Oppert <1851 bis 1854)z Rawinson und Layard haben sich mit ihnen beschäftigt. In neuester Zeit hat die Deutsche Orientgesellschaft planmätzig Ausgrabungen vorgenommen, deren Ergebnisse im Neuen Museum in Berlin gesammelt werden. Dort werden die noch Gläsurteile tragenden Stücke in monatelanger, sorgfältiger Behandlung ausgelaugt, von Salzen und Auswitterungsprodukten befreit und fast im alten Glanze wiedergewonnen, um in mühsamer Arbeit Stück für Stück wieder zu den ursprünglichen Bildern zusammengefügt zu werden. Um die ursprüngliche Bedeutung dieser Bilder zu kennzeichnen, ist es nötig, einige Worte über die Anlage der Stadt Babylon zu sagen: Im nördlichen Weichbilde der ehemaligen Stadt erhebt sich der Hügel Babil, in dem man den Rest des biblischen Turmes zu Babel, eines Tempels des Belus oder Marduk vermutet. Nach Herodot war der Turm 192 Meter hoch, ein massiver, pyramidaler Bau, der, im unteren Teilie etwa 200 Meter breit und ebenso hoch, in acht grotzen Terrassen emporstieg. Südlich von diesem prächtigen Tempelbau lag die Akropolis, der sogenannte Kasr (Burg), von einer dreifachen Mauer von 20, 40 und 60 Stadien Länge*) umschlossen. Die ganze Stadt bildete mit dem Euphrat im Westen ein riesiges Viereck, dessen Seiten nach Herodot 120 Stadien, das sind rund 22 Kilometer Länge, aufwiesen. Die Stadt bedeckte also rund 490 Quadratkilometer, das heitzt eine viermal so grotze Fläche, als London heute einnimmt. Allerdings lägen innerhalb der Stadtmauern auch grotze Gärten und Aecker. Der bebaute Teil aber wies schnurgerade Stratzen mit mehrstöckigen Häusern auf. Die prächtigste Stratze aber war es, welche an der Ostseite der Königsbürg zum Tempel Gottes führte, die Stratze Aiburschabu, von König Nabopalassar angelegt und von Nebukadnezar vollendet. Die Trümmer dieser Stratze bilden das. Durchforschungsgebiet der Deutschen Orientgesellschaft. Die Stratze war in der Mitte durch eine umfangreiche Toranläge, das Istator, unterbrochen, das bedeutendste der aus dem Altertum erhaltenen keramischen Monumente.**) Sie war mit futzdicken Plätten aus weißem Kalkstein über 1 Quadratmeter groß und mit Plätten aus rotweitzer Breccie, etwa 60 Zentimeter im Geviert bei 20 Zentimeter Dicke belegt. Die scharfkantigen "Platten lagen dicht aneinander in Asphalt auf einer Ziegelschicht, und in Keilschrift trug jede Platte die Inschrift: Nebukadnezar König von Babylon Sohn Nabopalassars Königs von Babylon b i n i ch. Die Gabelst ratze habe ich für die Prozession des grotzen Herrn Marduk mit Setz i rg s st e i n p l at t en gepflastert. Marduk, Herr, schenke ewiges Leben! So wurde auf dieser Straße jeder Schritt zum Gebet. Zu beiden Seiten der Stratze aber erhoben sich Ziegelmauern und schritten dem Tempel des Gottes zu wunderbare, farbige Tiergestalten in Flachrelief. Unter und über ihnen glänzten Friese von stilisierten Ornamenten, zusammengestellt aus Blüten, Rosetten, Palmetten und Ranken. Plastik und Farbe vereinte sich in diesen Bildern zu prächtiger Wirkung. Auch das Istator, das die Form eines Doppeltores hatte, trug sowohl auf den Außenwie auf den Hofseiten elf Reihen stilvoll gebildeter Tiere, Sffere und Fabelwesen, sogenannte babylonische Drachen (Sirruschu heißen sie auf den Inschriften) übereinander. Insgesamt zählte Man 495 Tiere. Die Reste dieser Bauten und ihres Schmuckes beweisen, datz die Babylonier nicht nur die Erfinder der Ziegelemaillierkunst waren, sondern diese Kunst noch weiter *) 1 Stadium i/i0 geographische Meile 185 Meter; das Jtimreostadium war etwas kleiner. Man rechnete dafür 260 Schritte 148 Meter oder 1jso geographische Meile. **) Mitteilungen der Deutschen Orientgesellschaft zu Berlin, September 1900, Nr. 6, Dr. Koldeweys Berichte und 1903, Nr. 19.