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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-27 · 39 (27.9.1912) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
39 (27.9.1912)
Date
1912-09-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Bkochs Wochenschrift Seite 659 118,000 gegenüber. Eine Zunahme von 9 °/o, der eine Zunahme der Gesamtbevölkerung von 46 % gegenüber steht. So kommt es, daß im Waren- und Produktenhandel 1907 nur noch 8,1 °/o Juden erwerbstätig waren gegen 10,9 °/o im Jahre 1895. Ebenso sieht es im Handlungs-, Vermittlungs- und Agenturengewerbe ufco. aus. Hier betrug der Anteil der Juden 1895 noch 18,8 o/o, heute beträgt er nur noch 15,2 °/o. Auch hier ist also ihr Einfluß im Sinken begriffen. Das ist alles ganz erklärlich, wenn man die moderne Wirischaftsentwicklung begreift. Die Juden waren vorzugsweise am kleinen und mittleren Detailhandel sehr stark beteiligt, dessen Daseinsbedingungen in der neuesten Zeit von den verschiedensten .Seiten untergraben werden. Die Worte „Konsumvereine" und „Genossenschaften" mögen die eine Gefahr kennzeichnen, die dem Detailhandel droht. Versandgeschäfte und Warenhäuser sind die andere Gefahr. Dazu kommt, daß die 'Großhändler mit Industrie- und Großproduzenten Massenlieferungsvertrage abschließen und die angekauften Waren mit Ausschaltung der selbständigen aber preisverteuernden Warenhäuser ans Publikum unmittelbar abzusetzen versuchen. Kapitalismus ist eben ein Chronos, der seine eigenen Kinder verzehrt! Da ist für einen jüdischen Detailhandel kein Platz mehr. Es sank denn auch die Zahl der selbstständigen Juden im Waren- und Produktenhandel von 1895 bis 1907 von 62.000 auf 61.000, was zwar sehr wenig, was aber doch von Bedeutung ist, da unter normalen Umständen naturgemäß eine starke Vermehrung hätte eintreten müssen. Ebensowenig kann davon die Rede sein, daß sich die Juden in besonders starkem Maße den freien Berufen zugewandt hätten. 1895 waren 14.641 Juden im öffentlichen Dienst und freien Berufen tätig, 1907 sind es 18.848. 1895 waren es 6,14 °/o aller beruflich tätigen Juden, 1907 6,54 0'o. Ihr Anteil ist also ziemlich konstant geblieben. Und nun soll von der neuen und eigenartigen Erscheinung, die uns das letzte Jahrzehnt gebracht hat, die Rede sein. Das deutsche Judentum ist in die Industrie eingeströmt. Ein paar Zahlen: 1895 waren 45.995 erwerbstätige Juden in der Industrie tätig, 1907: 62,995. 1895 19,3 % aller erwerbstätigen Juden, 1907 21,87 %. Und fassen wir den Anteil der Juden am Unternehmertum ins Auge, so ergeben sich folgende Zahlen: In der Wäschekonfektion sind 18,85 °fo aller Unternehmer Juden, in der Branntweinbrennerei 12 o/o, in der Sprengstoffindustrie 10 °/o, in der Papierindustrie, in der Glasindustrie, in der Industrie der chemischen Präparate zwischen 9 und 10 %, in der Industrie der Farbe, des Tabaks, der Erzgewinnung, des Glashüttenwesens und der Spinnerei zwischen 5 und 9 o/o. in der Lichtfabrikation, in der Weberei, in Apothekenbetrieben, in Buchdruckereibetrieben und in Hüttenbetrieben 4—5 %, in der Spitzenfabrikation, in der Steinkohlengewinnung, in Eisengießereien, elektrotechnischen und Photographenbetrieben, in der Strumpffabrikation, in der Maschinen-, in der Steinzeug-, Röhren- und Automobilfabrikation zwischen 2 und 4 %. Was sind nun die Ursachen dieser Erscheinungen? Da ist zunächst negativ zu sagen: Die Zurückdrängung der Juden im Geld- und Kreditwesen hat notwendig dazu führen müssen, daß die Juden sich anderen Berufszweigen sich zuwendeten. Aber dazu kommt noch ein anderes. In der Industrie dominiert heute die bureaukratische Verwaltung noch nicht so stark wie im Bankwesen. In vielen Zweigen gibt es noch Neuland. Der Kommerzialismus steht noch in voller Blüte. Wenn Segall ausführt, die^atsache, daß sich die Juden im stärkeren Maße der Industrie zuwenden, steht im Hellen Widerspruch mit der von judenfeindlicher Seite allerorts und allerseits aufgestellten Behauptung, die Juden seien ein Schachervolk und besäßen einen „ausgeprägten Handelsgeist", so ist das natürlich nur bedingt richtig! Allerdings ist damit die Behauptung entkräftet, daß die Juden nur da etwas zu leisten vermöchten, wo es zu schachern gäbe, und daß sie nicht imstande wären, selbst Werte zu schaffen. Allein ihr Eindringen in die Industrie erfolgt nicht, weil ihnen ihr „Handelsgeist" abhanden gekommen ist. sondern — weil sie ihn noch besitzen. Hier ist die Stelle, wo heute der „Handelsgeist" vom Bureaukratismüs noch nicht überwältigt ist, wo er sich, wenn überhaupt, noch zu enffalten vermag! IV. Wie verhält es sich nun mit der sozialen Schich? tung innerhalb der einzelnen Berufe? Hierzu ist einiges schon gesagt. Zusammenfassend läßt sich noch folgendes bemerken: Die Zahl der Selbständigen hat abgenommen. Die Lohnarbeiterschicht ist mächtig gewachsen. Als Mittelglied zwischen beide hat sich ein Stand von Privatbeamten eingeschoben, und endlich haben die Frauen als Wirtschaftssubjekt immer mehr an Bedeutung gewonnen. Hierin unterscheiden sich die Juden in nichts von der sie umgebenden Bevölkerung. Im einzelnen sind natürlich Unterschiede vorhanden. Allein auch heute schon sind z. B. 21 °o aller jüdischen Erwerbstätigen in der Industrie Angestellte und schon 36 % Arbeiter. Bei der übrigen Bevölkerung sind allerdings 76% Arbeiter. Man sieht, daß heute der jüdische Arbeiter keine sporadisch auftretende Erscheinung mehr ist. Wenn aber auch im einzelnen zwischen der sozialen Gliederung der Juden und jener der Gesamtbevölkerung noch ein Unterschied besteht, so beginnt doch allmählich, wie bei der Berufsgliederung — nicht nur Deutschland entwickelt sichzum „Industriestaat", auch die deutschen Juden entwickeln sich immer mehr zu Industriellen! — so auch bei der sozialen Schichtung eine Annäherung an die Gesamtbevölkerung. Hier wie dort sinkt in allen Berufsgruppen der Anteil der Selbständigen, steigt die Schicht der Angestellten sowie der milhelfenden Familienangehörigen und Lohnarbeiter bei gleichzeitiger kräftiger Anteilnahme des 'weiblichen Geschlechts am Wirtschaftskampf. Die Industrie nivelliert! Sie verwischt den Unterschied, der zwischen der jüdischen Bevölkerung und ihrer Umgebung bestanden hat. Das kann auch gar nicht anders sein. „Die spezifisch kapitalistischen Züge des Wirtschaftslebens, die dem jüdischen Charakter adäquat sind" — das ist ein Ausdruck von Sombart — breiten sich eben immer mehr aus, und so muß allmählich eine gewisse Annäherung statffinden. So rundet sich uns denn allmählich das Bild. Regierungsrat Knöpfet, der verdienstvolle Bearbeiter der hessischen Landesstatistik, hat kürzlich das Wort Ruppins an den Schluß seiner Ausführungen gestellt, daß die Juden gewissermaßen das Barometer für die übrige Bevölkerung seien. Hierin läge auch der große Wert der Erforschung ihrer Lage für die Soziatwissenschaft überhaupt. Ruppin und Knöpfel haben recht! Das hat sich besonders deutlich auf dem Gebiet der Bevölkerungsentwicklung gezeigt. Bereits macht sich in ganz Deutsche land der Geburtenrückgang bemerkbar, der sich bei den Juden so besorgnisdrohend eingestellt hat, und es sind auch schon Männer auf den Plan getreten, die deshalb angstvoll ihre Stimme erheben. Ich verweise nur auf Oldenbergs Ausführungen im Archiv für Sozialwiffenschaft*). Es ist von mir selbst**) nachgewiesen worden, daß die Kriminalität der Juden die spezifische des In- *) Diese Worte sind vor dem Erlaß der preußischen Regierung geschrieben, der sie aber trefflich illustriert! **) In einem Buch „Beruf, Konfession und Verbrechen". München 1907.

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