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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-27 · 39 (27.9.1912) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
39 (27.9.1912)
Date
1912-09-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 658 Dr. Vlvchs Wochenschrift Nr. 39 freigeistiges zu setzen gewußt. Die Form ist uns heute nichts mehr, der Inhalt alles. Allein wir haben mit der Form doch auch ein "Stück vom Inhalt mit hinweggeriffen: den Glauben an die gottgewollte Fruchtbarkeit. Genommen haben wir sie, wiedergeben können wir sie unserem Volke nicht mehr! Und weiter. Unter den heutigen Umstanden ist an eine Erhaltung des westeuropäischen Judentums, verbunden mit einer vollständigen Assimilation, nicht mehr zu denken. Ohne Einwanderung stirbt das deutsche Judentum aus. So weit hat Theilhaber recht. Mit Einwanderung wird es sich niemals vollständig assimilieren. Daran denkt wohl auch Segall, wenn er in seiner Publikation die für ein offizielles Zahlenwerk recht subjektive Bemerkung macht, daß er das Bevölkerungsproblem untersuchen wolle, „weil es erforderlich ist, den „Vorwurf" zu entkräften, daß die deutschen Juden gewissermaßen absichtlich an ihrem Niedergang schuld sind, und weil man nur so die Mittel und Wege erfahren kann, welche zu einer Heilung führen können." II. Man muß alles das festhalten, was wir angeführt haben, wenn man an eine Betrachtung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Juden in der Gegenwart, die durch die Veröffentlichung der deutschen Verufsstatistik von 1907 erleichtert worden ist, herantreten will. Es ist selbstverständlich, daß sich infolge der geringen Geburtenzunahme der deutschen Juden auch die Zahl der beruflich tätigen Juden nur in geringerem Maße vermehren konnte, als bei der übrigen Bevölkerung. Ist die Familie klein, brauchen und können überhaupt nicht so zahlreiche Angehörige wirtschaftlich tätig sein, als in einer größeren Familie. Aber es ist unzutreffend, wie dies Naumann in der „Hilfe" getan hat, dies daraus allein zurückzuführen, daß das jüdische Element im ganzen zurückgeht. Es ist ein Verdienst Segalls, den wahren Kausalzusammenhang klar und scharf herausgearbeitet zu haben. Weitaus der größte Teil der nichtjüdischen Bevölkerung ist bekanntlich landwirtschaftlich und industriell tätig (28,65 + 42,75 %)*), während die Juden hauptsächlich im Handelsstand vertreten sind (50,56 o/o)**), erst in den letzten Jahrzehnten sich der Industrie zuwenden '(21,87 o/o)**) und außerdem noch die freien Berufe bevorzugen (6,54 o/o)**). Nun ist folgendes zu beachten: Landwirtschaft und Industrie sind zwei Berufszweige, in denen Personen inr jugendlichen Alter und weiblichen Geschlechts, welche ja das Hauptkontingent zur Gruppe der „Angehörigen" stellen, in größerem Umfange beschäftigt werden können. Namentlich die Industrie mit ihren starken Arbeitermassen nimmt immer mehr die weiblichen Arbeitskräfte auf. Dagegen setzen Handel sowohl wie freie Berufe zur beruflichen Betätigung ein höheres Alter voraus und sind dem Weiblichen Geschlecht nicht in so hohem Maße zugänglich wie Landwirtschaft und Industrie. Bei den Juden hat sich nun seit der letzten Berufszählung nur eine Verschiebung vom Handel zur Industrie vollzogen, und dies auch nur in den Schichten der Selbständigen und Angestellten. — Ein Arbeiterstand hat sich nicht entwickelt. — Die Beteiligung an den freien Berufen ist gestiegen. Allein jetzt tritt auch schon bei ihnen das weibliche Element in - den Wirtschaftskämpf ein. Das weibliche Element im Wirtschaftskampf? Gewiß, 1895 waren von den weiblichen deutschen Juden nur.£1,97 o/o erwerbstätig, 1907 sind es bereits 30 %. Wie reimt sich das aber mit der so oft geschilderten, zuletzt auch von Sombart betonten größeren Wohlhabenheit der Juden zusammen? Da ist denn zu sagen: Es ist richtig, daß auf jüdischer Seite im Verhältnis zur Be¬ *) sc. aller Erwerbstätigen.. **) sc. aller jüdischen Erwerbstätigen. völkerungsanzahl größere Vermögensansammlungen anzutreffen sind, als dem' Anteil der Juden an der Eesamtbevölkerung entspricht, Allein einer nicht unbeträchtlichen Anzahl reicher und wohlhabender Personen steht heute auch ein hart um seine Existenz kämpfender Mittelstand und selbst ein Proletariat gegenüber. Die Ausführungen, die Segall hierüber macht, sind zutreffend. III. Sombart hat bereits' darauf hingewiesen, daß sich in neuerer Zeit eine Veränderung der Stellung der Juden im deutschen Wirtschaftsleben vollzieht. Er hat gesagt, daß, wenn nicht alle Anzeichen trügen, sich allem Anschein nach der Einfluß der deutschen Juden zu verringern beginne. Ein Symptom sieht er insbesondere darin, daß in den wichtigen Stellungen, z. B. in den Direktorialposten oder in den Aufsichlsratsstellen der großen Banken die jüdischen Namen immer seltener werden. Und er hat folgende Gründe hierfür anzugeben gewußt: Einerseits hätten sich die Nichtjuden den Anforderungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems mehr angepaßt: sie haben „gelernt". Die Juden hingegen hätten durch die Veränderungen, die ihr äußeres Schicksal erfahren hat (Besserung ihrer bürgerlichen Stellung, Abnahme des religiösen Sinnes), aus äußeren und inneren Gründen einen Teil der ihnen früher eigenen Befähigung zum Kapitalismus eingebüßt. Ferner hätten sich die sachlichen Bedingungen, unter denen gewirtschaftet wird, geändert: Die kapitalistischen Unternehmungen (man d enke an unsere Großbanken!) wandelten sich mehr und mehr in bureaukralische Verwaltungen um, die nicht mehr in gleichem Maße wie früher spezifische Händlereigenschaften heischten, der Bureaukratismus fei an die Stelle des Kommerzialismus getreten. Und wo der Vureaukratismüs hinkommt, ist die . Mission der. Juden stets zu Ende gewesen! Wie sehen nun die Tatsachen aus? Im Eeldhändel waren im Jahre 1895 4654 Juden tätig, 1907 sind es 5251. Dem steht gegenüber, daß von der Gesamtbevölkerung 1895 33,689 ihr Brot in diesem Wirtschaftszweig erwarben und 1907 66,338. Bei den Juden also eine Zunahme feit 1895 um 14 o/o, bei den Christen um 97o/o. oder anders ausgedrückt: In 12 Jahren ist der Anteil der Juden am Geldhandel von 13,8 0/0 auf7,9»/o gefallen, und insbesondere ist die Zahl der Juden, die im Eeldhändel selbständig tätig sind, von 1977 auf 1851 gesunken. 'Die Zahl der Direktoren und Betriebsleiter ist allerdings von 2528 auf 3197 gestiegen, was sich daraus erklärt, daß bisherige Privatbankiers, die ihre Geschäfte an Banken veräußerten, häufig als Direktoren (Prokuristen usw.) in den Dienst her Banken traten. Diese Tatsachen können gar nicht stark genug unterstrichen werden. 'Geht doch daraus hervor, daß 12 Jahre genügt haben, um die Bedeutung des jüdischen Elements für den Geldhandel, soweit sich dieselbe quantitativ erfassen Aßt, fast auf die Hälfte seines bisherigen Einflusses -zurückzudrängen. Da hat natürlich auch mancherlei mitgespielt, was Sombart nicht in Betracht zieht oder doch zum mindesten nicht ausdrücklich erwähnt. Der Großbetrieb, d. h. die Konzentration im Bankwesen, hat den Privatbankierstand dezimiert. Es ist selbstverständlich, daß dabei, nachdem von jeher der Privatbankiersland eine Hauptdomäne der Juden war, die Juden ganz besonders betroffen wurden. Dazu kam die Entwicklung einer dem Privatbankier feindlichen Gesetzgebung und manches andere. Wohin haben sich aber nunmehr die Juden gewendet? Haben sie sich etwa dem Waren- und Produktenhandel mehr als bisher zugewendet, der ja auch früher schon zu ihren Domänen gehörte? Diese Frage muß verneint werden. 109,000 .Juden, die 1895 im Waren- und Produktenhandel tätig waren, stehen 1907

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