Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 39 (27.9.1912)
- Date
- 1912-09-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nc. 39 Dr. Blochs WochenMrfft Seite 657 i.;<j kJ i I ■ j der wie bekannt demnächst mit dem Weltmeister Dr. Emanuel Lasker, gleichfalls Jude, um die Weltmeisterschaft ringen wird, folgendermaßen geäußert: „Der unbestrittene Sieger dieses Jahres ist Rubin st ein. In drei großen Tournieren, San Sebastian, Pistyan und Breslau an der Spitze; wer könnte solchen Erfolgen Bewunderung versagen. Und sein Spiel ist in jedem Tournier gleichmäßig stark, was besonders hervorzuheben ist, Uebelwollende oder verständnislose Kritiker suchen seine Erfolge mit seiner „Technik" zu erklären und bezeichnen ihn als den besten Schachtechniker, den es je gegeben. Das ist ganz falsch, was R u b i n st e i n auszeichnet, ist sein unerschütterlich klarer, tiefer und richtiger Pofitionsblick. Diesem hat er seine großartigen Erfolge zu verdanken. Echtes Genie ist diesem Positionsspieler par exeellence eigen, in weit höherem Grade als den Schachraubbolden, die in eleganten Kombinationen exzellieren, wie sie schließlich jeder Spieler zweiten Ranges auch fertigbringt. Sein Spiel ist für den Kenner, zum Beispiel für mich, bewundernswert, das große Publikum wird allerdings oft genug größeres Interesse an Spielern nehmen, die man im Vergleiche zu R u b i n st e i n als zweiten Ranges bezeichnen darf." Die Inden nnd das deutsche Wirtschaft« trde« der Gegenwart?) Von Rechtsanwalt vr. für., phil., oec. publ. Rudolf Wassermann (Nürnberg-Berlin). Unter dem Titel „Das Judentum und die Genesis des modernen Kapitalismus" hat im Januarheft der Preußischen Jahrbücher (55. Jahrgang 1912) der vieler Historiker Rachfahl sich im Anschluß an Sombarts bekanntes Buch eingehend mit der Bedeutung des jüdischen Elements für das Wirtschaftsleben der deutschen Vergangenheit beschäftigt. Am Schlüsse seiner bedeutsamen Ausführungen ist Rachfahl auch auf die Gegenwart eingegangen. Die Probleme, die er nur angedeutet hat, sollen im folgenden weiter ausgeführt werden. I. In einem Aufsatz, den ich im Jahre 1908 geschrieben habe und der im Jahre 1909 in der damals von Wolfs redigierten Zeitschrift für Sozialwissenschaft erschienen ist, habe ich folgende von Rachfahl zitierte Ansicht geäußert: „Die Judenfrage lautet für Deutschland nicht, wie die Antisemiten behaupten: Wann wird Juda Deutschland unterjocht haben? sondern sie lautet: Wann wird das deutsche Judentum sich so verringert haben, daß es für die deutsche Kultur belanglos geworden sein wird?" Felix Theilhaber hat diese Idee übernommen und daraus sein sensationelles Schlagwort vom „Untergang der deutschen Juden" geprägt. Eine Schrift von ihm, die unter dem gleichen Titel erschienen ist (München, Ernst Reinhardt, 1911) hat viel Aufsehen erregt. Außer vielen Anhängern, die — mochten sie die einzelnen Ausführungen der Theilhaberschen Schrift auch noch so kritisch betrachten — im Prinzip seine Idee für richtig hielten, sind ihr leidenschaftliche Gegner erwachsen, die mit weit besseren Waffen als Theilhaber ihre, vielleicht nicht immer ebenso gute, Sache zu verteidigen wußten. Wie sieht die Wirklichkeit aus? Im Durchschnitt der Jahre 1876/80 trafen aus 1000 preußische Juden noch 32,4 Geburten, auf 1000 hessische 33,3 und auf 1000 bayerische 31,6. Im Durchschnitt der Jahre 1906/09 in den nämlichen Staaten 17,29, 16,27 und 19,07. Das sagt genug! Wir haben es also innerhalb 3 Jahrzehnten überall mit einem Rückgang um mehr als 331/3 bis zu 50% zu tun. Was sind nun die Ursachen dieser Erscheinung? *) Dieser interessante Aufsatz ist kürzlich in den „Preußischen Jahrbüchern" erschienen. Hierfür läßt sich eine Reihe von Momenten als Gründe angeben. Segall hat in seiner wertvollen Schrift: „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland"**) — teilweise natürlich nach dem Vorgang anderer — auf eine so große Anzahl von Erscheinungen, die hier mitspielen, hingewiesen. Wir nennen nur die bedeutendsten: den Verlust aus Wanderungen, aus Taufen und Mischehen. Allein all diese Verluste spielen keine ausschlaggebende Rolle. Was die Geburten aus Mischehen betrifft, so habe ich nachgewiesen, daß durch sie heute jährlich etwa 3—4 % der Geburten von jüdischen Ehegatten dem Judentum verloren gehen. Auch der Verlust infolge der Wanderungen kann nicht als überwiegende Ursache angesehen werden. Schon vor den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben / zahlreiche Juden Deutschland den Rücken gekehrt, und doch war — eine interessante Erscheinung — im Jahre 1860 die Geburtenziffer der Juden in Deutschland noch gerade so groß, wie die der sie umgebenden Bevölkerung. Und wenn auch die 80er Jahre und der Anfang der 90er Jahre eine erhöhte Judenauswanderung gebracht haben, so steht dem gegenüber, daß seit 1895 allein in Preußen ca. 20.000 Juden bis zum Jahre 1910 mehr eingewandert als ausgewandert sind, und doch ist der Geburtenrückgang nicht aufzuhalten gewesen. Ausschlaggebend ist vielmehr ein anderer Grund: Die Abnahme des Zeugungswittens und des Willens, zu gebären. Woher kommt nun diese Erscheinung? Es ist ganz zweifellos, daß sich die Abnahme des Zeugungswillens in allen sozial besser gestellten Schichten eines Volkes zeigt, daß diese Erscheinung, weil sich die sozial bessergestellten Schichten in erster Linie in den Städten finden, in überwiegendem Maße Stadterscheinung ist, und ebenso zweifellos ist es. daß die Juden sowohl zu den wohlhabenderen Schichten als auch zu der Stadtbevölkerung ein Kontingent stellen, das größer ist, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Allein ihre soziale Lage und ihr Anteil an der Stadtbevölkerung, die wieder nur die Abnahme des Zeugungswillens erklären, die man aber nicht, wie Segall, als selbständige Ursachen neben diese stellen darf, wenn anders man nicht, wie Inspektor Bräsig, die Armut mit der Pauvertö erklären will, hätten nie vermocht, ein orthodoxes Judentum in die Bahn des Neomalthusianismus zu zwingen. Die Juden befanden sich vor dem Jahre 1860 durschnittlich schon in den gleichen günstigen Verhältnissen, wenn sie auch nicht in so hohem Grade Stadtbewohner waren, wie heute. Allein so lange ihnen ein starkes Festhalten an der hergebrachten Satzung es unmöglich machte, sich über das „Seid fruchtbar und mehret euch" ohne Gewissensbisse hinweg- J zusetzen, hatte ihre günstige soziale Lage nicht das Sinken der Fruchtbarkeit im Gefolge, das ihr sonst auf dem Fuße zu folgen pflegt. Erst als in den 60er Jahren aus einer Reihe von Gründen eine immer stärkere Abkehr von der Religion oder zum mindesten von der Strenggläubigkeit eintrat, vermochten die sozialen Faktoren auf einmal ihre Wirkung zu tun. Und die Abkehr von der Religion, der Rationalismus, hat so wie ein sterbender Simson — so habe ich dies auch schon an anderer Stelle ausgedrückt — das Judentum der Entvölkerungsgefahr ausgesetzt. Diese Tatsachen, die für jeden Juden — aber auch für jeden Nichtjuden — sehr bedenklich sind, hört man in den Kreisen des liberalen Judentums doppelt ungern. Muß man sich doch sagen: An die Stelle eines strengf gläubigen Judentums haben wir allerdings ein modernes. **) Heft 9 der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden. Berlin 19i2. Tiefem Buch find in folgenden, wenn nicht ein anderes ausdrücklich gesagt ist, die Zahlenaugabeu entnonimen. Auch sind feine Ausführungen mehrfach wörtlich benützt.