Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 39 (27.9.1912)
- Date
- 1912-09-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 656 Dr. Vlvchs werden, um einen ständigen Stamm von Konsumenten zu bilden. Außerdem lebt ein ganz bedeutender Teil der Judenschaft gerade vom Handel mit gebrauchsfertigen Produkten, so daß die Konsumvereine viele jüdische Familien außer Erwerb setzen würden. Und in der Tat werden von den Antisemiten vielfach Konsumvereine errichtet, die weniger den Zweck verfolgen, die Bedürfnisse des Konsumenten besser zu befriedigen als vielmehr den Juden zu schädigen. Versuche zur Bildung von Produktivgenofsenschaften sind mehrfach gemacht worden, sie sind aber selten von Erfolg begleitet, hauptsächlich weil dem Individualismus der einzelnen Genossen wenig Rechnung getragen wurde. Besser steht es mit den Rohstoff- und Absatzgenossenschaften, insbesondere wenn diese an Leih- und Spargenossenschaften angelehnt sind. Letztere gedeihen am allerbesten, denn die wirtschaftliche Tätigkeit des Einzelnen bleibt ganz unberührt. Im Gegensatz zu den Genossenschaften der bäuerlichruffischen Bevölkerung finden die jüdischen Genossenschaften von seiten der Behörden mehr Hindernisse als Unterstützung. Während aber jene durch die Bevormundung in ihrer Selbstbetätigung gelähmt werden, find die Juden Mehr auf sich selbst angewiesen, wodurch ihr genossenschaftlicher Geist gefördert wird. Denn Selbsthilfe ist die hauptsächliche Voraussetzung für ein jedes gedeihliche Genossenschaftswesen. D. A. H i l l m a n n. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ei« europäisches Komitee zur Regulierung der jüdischen Auswanderung. (Ein Interview mit dem Richter Leon Sanders.) Der New-Iorker Richter Leon Sanders, Präsident der „Hachnosatli Orchim“ und der „Jewish Immigrant Aid Society“ in New-Iork, über dessen Europareise wir seinerzeit berichteten, ist nach einer vorzeitigen Unterbrechung derselben Wieder nach New-Iork zurückgekehrt, woselbst er mit großen Ehren empfangen wurde. Unser New-Iorker Korrespondent hatte mit Jude Leon Sanders eine Unterredung, in welcher sich dieser über den Zweck und die Ergebnisse seiner Reise wie folgt äußerte: „Der Zweck meiner Europareise war, mit den Vertretern der verschiedenen großen Organisationen, welche fich mit der Unterstützung jüdischer Auswanderer befassen, zusammenzutreffen und sie über die Einwanderungsverhältnisse in Amerika, welche ihnen, wie ich mich überzeugt habe, ziemlich unbekannt waren, zu informieren. Dies war um so notwendiger, als alles aufgeboten werden muß, um endlich jenen herzzereißenden Szenen ein Ende zu machen, welche sich in Ellis Island abspielen, so oft eine jüdische Familie zur Deportation verurteilt wird. Ein solches Urteil, wieder nach Europa zurückgeschickt zu werden, ist für manche dieser Unglücklichen schlimmer als ein Todesurteil. Für diese Kategorie von Einwanderern wäre es daher viel besser und wohltuender, wenn sie daran gehindert würden, ihr altes Heim zu verlassen und den Haushalt aufzulösen, als den dornenvollen Weg bis Ellis Island zu machen, um dann erbarmungslos zurückgeschickt zu werden. Denn diese Menschen sind dann für ihr Leben lang ruiniert. In meinen Konferenzen in Europa habe ich auch die wirtschaftliche Lage in Amerika eingehend besprochen und auf jene Stätten hingewiesen, welche noch für Einwanderer günstig sind, und vor jenen Zentren gewarnt, welche heute eine Ueberfüllung aufweisen und die daher von den jüdischen Auswanderern gemieden werden sollten. In London hatte ich eine sehr wichtige Konferenz mit den Führern der Jto, Israel Zwangwill und Leopold de Rothschild, sowie eine Besprechung mit dem Herausgeber des Jewish Chronicle Mr. Green Berg. In Paris hatte ich längere Beratungen mit dem Präsidium der Alliance Jsraelite Universelle und stattete auch Dr. Max Nordau einen Besuch ab, mit dem ich gleichfalls die Angelegenheit besprach. In Berlin pflog ich mit dem Präsidenten des Hilfsvereines der Deutschen Juden James Simon längere Beratungen. Wochenschrift Als Ergebnis dieser Konferenzen ist die voraussichtliche Schaffung eines europäischen Komitees, bestehend aus den Delegierten der oben angeführten Organisationen mit dem Zwecke einer einheitlichen Regulierung der jüdischen Auswanderung, welche hauptsächlich Gewicht darauf zu legen haben wird, daß die Auswanderung der Juden, wo eine solche sich notwendigerweise ergibt, in geregelten Bahnen vor sich gehe. Wichtiger als das noch wird die Aufgabe sein, die wilde, zweck- und grundlose Auswanderung hintanzuhalten und sie von jenen Gegenden Amerikas, in welchen eine Maffeneinwanderung von Juden eine Katastrophe bedeuten würde, abzulenken. Soziale Probleme in Palästina. In der Kolonisation Palästinas ist die Privatinitiative berufen, eine große Rolle zu spielen und wichtige Aufgaben zu erfüllen. Die Lösung gewisser Probleme ist jedoch in erster Linie der Gesamtbeit Vorbehalten. Es find - dies die sozialen Probleme, die bei der jüdischen Kolonisation mit den nationalen zusammenfallen. Das gilt besonders bei Beschaffung von Haus und Garten für den jüdischen Arbeiter, die es ihm ermöglichen sollen, sich dauernd mit 'dem geliebten Boden zu verwurzeln. Dort, 'wo der Bauer, sei es durch das Vordringen des Großgrundbesitzes, sei es ans anderen Ursachen, besitzlos wird, ist die sogenannte „Landflucht" am stärksten. Diese Erscheinung ist z. B. im Osten Deutschlands, in Polen, Ungarn und einem Teile Englands zu beobachten. In letzterem Lande bestyäftigt sich die öffentliche Meinung gerade jetzt sehr eifrig mit dieser Frage,, wobei als eines der Gegenmittel die Ueberlaffung von ..Cottages" mit einem Stück Gartenland an die Arbeiter vorgeschlagen wird. Wenn die Frage der Landflucht bei Völkern, die seit Jahrhunderten dem Ackerbau obliegen, eine brennende geworden ist, um wie viel eher wäre diese Erscheinung bei jüdisch n Städtern zu erwarten, die sich erst in Bauern verwandeln sollen und nicht einmal Haus und Hof ihr Eigen nennen. Der jüdische Nationalfonds, dessen Grundgedanke ein sozialer ist, hielt es darum für seine Pflicht, auch an die Lösung dieses Problems heranzutreten. Besondere Gelegenheit bot sich ihm durch den Notstand der eingewanderten Iemenitenfamilien. Hier mußte sofort eingegriffen werden, wenn unsere Brüder, die vor den unerträglichen Verfolgungen in Südarabien fliehen, nicht vom Regen in die Traufe geraten sollen. Es ist darum zu erwarten, daß alle Juden ohne Unterschied durch Spenden für Arbeiterhäuser in Palästina die Sehnsucht der jetzt vielfach Notdürftigen in Zelten untergebrachten Jemeniten nach „Batim" (Häuser» erfüllen werden. ' Die Frage der Arbeiterhäuser beschrankt sich jedoch nicht auf die Jemeniten, vielmehr beschäftigt sie im Hinblick auf das eingangs Gesagte die Nationalfond-Verwaltung schon seit langem. Den Anfang bildete die Errichtung von je einem großen Arbeiterheim in den jüdischen Kolonien Petach Tikwah und Chedera und fünfzehn Einfamilienhäusern in den verschiedenen Kolonien aus dem David und Fanny Wolffsohn-Fonds. Das Nationalfond-Direktorium hat daher kürzlich in Berlin beschlossen, durch die Einführung von ständigen Sammlungen für ,,A r b e i t e r h e i m st ä t t e n" diese Frage einer Lösung näher zu bringen. Eine Hausspende ist auf Frcs. 1000.— (Mk. 800.—) festgesetzt. Um auch Vereinen, Gemeinden und sonstigen Gruppen, die nicht auf einmal Frcs. 1000.— aufbringen können, die Stiftung eines Hauses zu ermöglichen, sollen auch Ratenzahlungen entgegengenommen werden. Doch muß die erste Rate mindestens Frcs. 50.— und die weiteren sollen mindestens Frcs. 10. — betragen. Die Frist zur Vollzahlung eines Hauses wird bis Ende 1913 festgesetzt. Jedes voll eingezahlte Haus wird unter einer bestimmten Nummer in einem künstlerisch aus» gestatteten Kataster eingetragen und das zu errichtende Haus in Palästina mit der gleichen Nummer versehen. Da sich nach der Berechnung von Architekten und sonstigen Sachverständigen ein Arbeiterhaus in Palästina selbst aus Steinmaterial auf höchstens Frcs. 700.— stellt, soll für den Rest der Eintaufendfrancs-Spellde 1 bis 2 Dunam für Hof und Garten erworben und für jedes Haus zur Verfügung gestellt werden. Gemäß dem modernen sozialen Prinzip sollen Haus und Garten den Arbeitern nicht geschenkt werden, sondern sie sollen dem Nationalfond solange eine Miete entrichten, bis der investierte Betrag zu angemessenen Bedingungen verzinst und amortisiert ist. An allen Juden die den Leiden ihrer Stammesgenossen nicht teilnahmslos gegenüberstchen, ist es nun, diesen schönen Gedanken, der die jüdische Kolonisation im heiligen Lande um ein mächtiges Stück vorwärts bringen wird, in möglichst großem Maßstabe verwirklichen zu helfen. Spenden sind zu richten an das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds zu Händen des Herrn Dr. M. I. B o d e n h e i m e r, Köln a. Rh., Neumarkt 33. Vom Schachmeister Rrrbinstein. Der Nestor der Schachmeister Dr. T a r r a s ch hat sich über den russischen Schachkünstler R u b i n st e i n, dessen Siege in der letzten Zeit so großes Aufsehen erregt haben und