Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-27 · 39 (27.9.1912) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
39 (27.9.1912)
Date
1912-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022021--21494-3046591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 39 De. MMs MWiMrfft Seite 655 Rat Dr. S. Krüger) erhaltene Heim für verkrüppelte Kinder in Laa bei Neulengbach (7 Knaben,-11 Mädchen, Kosten nicht verzeichnet) und die Tagesheimstätte für schwachsinnige Kinder des Vereines „Providentia" (Präsidentin Berta Neumann) (10 Knaben,- 13 Mädchen, Kosten K 6.683). Hiezu sei bemerkt, daß selbstverständlich noch zahlreiche andere jüdische Vereine in Wien außerordentlich humanitär wirken, doch finden sich eben im statistischen Iahrbuche der Stadt Wien über ihre Tätigkeit keine Details. Die Zahl der jüdischen Pfleglinge in den städtischen Versorgungshäusern, welche in den letzten Jahren verschwindend zunahm, hat wieder abgenommen: es waren 1906 unter 3056 männl. Pflegl. 11 Juden /> ,, 1907 3115 21 „ „ 1908 „ 3187 ,» ,, 27 im ,, 1909 „ 3037 ,, »> 26 Jf „ ,, 1910 „ 3209 ,, „ 24 weiters waren 1906 unter 3267 weibl. Pflegl. 23 Iüd. .. 1907 „ 3371 „ ,, 28 ,, .. 1908 „ 3194 „ „ 19 ,, „ .. 1909 „ 3338 ,, ,, 31 „ „ 1910 „ 3645 „ „ 24 „ Gerade angesichts dieser Ziffern wird man ermessen können, welchen Segen die israelitische Kultusgemeinde durch die Errichtung und Erhaltung ihrer Versorgungsanstalt (Obmann der Kommission V des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde für die Versorgungsanstalt: Salo Cohn) verbreitet und wie vielen Unglücklichen und Bedauernswerten sie einen ruhigen und glücklicheren Lebensabend bereitet; die Zahl der von ihr unentgeltlich beherbergten und verpflegten Personen betrug 373 (166 männliche und 207 weibliche) und verursachte einen Kostenaufwand von K 197.088 47. f -i- * * Damit sind die dem statistischen Iahrbuche der Stadt Wien für das Jahr 1910 zu ^entnehmenden Ziffern zu Ende. Gewiß -geben sie oft gerade in solchen Punkten keine Aufklärung, wo eine solche dringend wünschenswert wäre; wer ihnen aber aufmerksam folgt,- auf ihre Ursachen und Folgen näher eingeht, wird manchen wich? tigen Fingerzeig finden. Da» jüdische Genossenschaftswesen in Rußland. („Blätter für das Genossenschaftswesen") Die russischen Wohngesetze zwingen die meisten Juden, sich nur in den Städten und Flecken des sogenannten „Ansiedelungsrayons" niederzulassen. Sie gehören fast alle den städtischen Berufen an, hauptsächlich find fie Handwerker und Händler. Nur 3°5 % aller Juden in Rußland befassen fich mit Landwirtschaft, das find meistens Anfiedler der 296 jüdischen Ackerbaukolonien, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstanden find. Der gemeinsame äußere Druck, der auf der Gesamtheit der russischen Juden lastet, und die besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse, die fie von der sonstigen Bevölkerung Rußlands unterscheiden, haben das Zusammengehörigkeitsgefühl der Juden gefördert und veranlaßten die Entstehung verschiedener wirtschaftlicher Organisationen. Von Zeit zu Zeit, je nach den Verhältnissen, nahmen fie verschiedene Formen an und find als Vorläufer des jüdischen Genoffenschaftswesens zu betrachten. Im Anfang haben die russischen Behörden den jüdischen Genossenschaften viele Hinderniffe in den Weg gelegt; erst die Bestimmungen von 1904 und 1905 haben die Entstehung der Kleinkreditinstitute leichter gemacht, und am 1. Jänner 1910 funktionierten bereits 549 jüdische Leih- und Spargenoffenschäften, so daß wir fast an jedem dritten Orte, wo eine größere jüdische Bevölkerung zu verzeichnen ist, eine solche Genoffenschaft finden. Die Mitglieder der Genoffenschaften bestehen zu 41 % aus Handwerkern und Kleinindustriellen, zu 36 % aus Händlern, zu 8 % aus Landwirten und 15 % gehören den sonstigen Berufen an. Etwa 90 % aller Mitglieder dieser Organisationen find Juden. Charakteristisch für die jüdischen Genoffenschaften ist der kleine Geschäftsanteil, in der Regel 10 Rubel, die Mitgliedschaft ist auch dem kleinen Manne zugänglich, wodurch die Genoffenschaft an Popularität gewinnt. Jeder Genosse hastet solidarisch für die Schulden der Genoffenschaft bis zur doppelten Höhe des ihm eingeräumten Kredits. Darlehen werden gegen Bürgschaft gewährt, und das Gesetz fichert den Schuldscheinen der Genossenschaft eine vereinfachte Exekution. In der Regel ist die monatliche oder wöchentliche Ratenzahlung üblich, eine Zahlungsform, die auch früher bei der jüdischen Bevölkerung unter dem Namen „Wocher" gebräuchlich war. Unter den Juden ist auch der kleine Mann mit der Geldwirtschaft vertraut, die Genoffenschaft ist genau seinen Verhältniffen angepaßt, die Zahlungen laufen ziemlich regelmäßig ein, so daß der Betrag der rückständigen Schulden kaum 21j2 % aller ausgeliehenen Gelder ausmacht. Der Jude ist von jeher an Sparsamkeit gewöhnt, und er trägt gerne die kleinen Ecsparniffe in seine Genoffenschaftskasse; fie ist ihm viel zugänglicher als die staatliche Sparkasse, mehr seinen Bedürfnissen Rechnung tragend, und bietet ihm in der Regel auch einen größeren Zins. Die jüdischen Geschäftsleute vertrauen den Genossenschaften ihre Kassenvorräte an. Irrig wäre es, zu glauben, daß vor der Entstehung von Genoffenschaften die Ausnutzung dieser Summen der jüdischen Volkswirtschaft verloren gegangen wäre, denn die Sitte des „Gmilath-Chesied" (zinsloses Gefälligkeitsdarlehen) ist von jeher unter den Juden sehr üblich, besonders in den Kleinstädten, wo keine Banken vorhanden find. Die jüdischen Genoffenschaften verstehen es, das Vertrauen sogar der russischen Beamten und Landwirte der Umgegend zu gewinnen; fie vertrauen der Genossenschaft ihre Depositen an, insbesondere dort, wo die schlechten Verkehrsmittel fie hindern, die größeren Bankplätze aufzusuchen. In den ersten Jahren nach der Gründung find die Genossenschaften gezwungen, kurz- und langfristige Anleihen von Privatpersonen und gemeinnützigen Instituten aufzunehmen, insbesondere hat fich in dieser Hinsicht die Jewish Colonisation Association verdient gemacht; die ruffische Staatsbank dagegen, die den bäuerlich-christlichen Genoffenschaften so viel Betriebsmittel zur Verfügung stellt, gewährt den jüdischen Genoffenschaften nur selten Kredit. Nach Ablauf einiger Jahre vergrößert sich der Zugang an Depofiten, und manche Genoffenschaften werden gezwungen, die Aufnahme größerer Depofiten zu verweigern. In vielen Kreisen ist die Idee einer Zentralkaffe sehr populär, einstweilen begegnen ihr noch Schwierigkeiten seitens der russischen Behörden. Der jährliche Reingewinn kommt selten zur Verteilung, er wird in der Regel zur Bildung und Verstärkung verschiedener Fonds bestimmt. So werden außer dem obligatorischen Reservefonds eine Reihe von Spezialfonds gebildet: Die eine Genoffenschaft errichtet einen Delkrederefonds, die zweite einen Fonds zur Tilgung einer aufgenommenen Anleihe, die dritte will Kommiffionsgeschäfte für ihre Mitglieder besorgen und errichtet einen Spezialfonds, ebenso werden Hilfskaffen für Sterbefälle und gegenseitige Verficherungskaffen gegen Feuerschaden errichtet. In diese Kaffen werden nur Genossen ausgenommen, die auch besondere Kaffenbeiträge entrichten müffen. Manche Genoffenschaften verwenden einige Summen für gemeinnützige oder Wohltätigkeitszwecke. Der Vorstand und Auffichtsrat üben ihre Funktionen in der Regel ehrenamtlich aus, manche Genoffenschaften haben einen bezahlten Rechner. Was die sonstigen Formen des Genoffenschastswesens anbelangt, so ist der jüdische Konsumverein unter den jetzigen Berhältniffen gänzlich ausgeschloffen. Die erste Voraussetzung dafür wäre, daß große jüdische Arbeitermaffen lokal vereinigt wären. Die jüdischen Arbeiter haben aber zu den Großunternehmungen keinen Zutritt, fie können daher nicht maffenweise organisiert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.