Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-20 · 38 (20.9.1912) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3022020--21487-3046583
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 38 Dr. Blochs Wochenschrift Sette 649 Was die jüdischen Stoffe anlangt, die er behandelte, so besitzen Wir von ihm eine „Simson-Trilo-.- gie", ein Epos „Bar-Kochba", vom Grafen Boos- Waldeck 1899 ins Deutsche übertragen, und ein Lustspiel, mit dessem Inhalt ich die Leser dieses Blattes, denen wohl meist die tschechische Literatur ein entfernter liegendes Gebiet fein dürfte, in den nachfolgenden Zeilen zur Erinnerung an den Dichter bekannt machen will. Es sind jetzt gerade 20 Jahre verflossen, im Oktober 1892 war es, als mir der damalige Professor am ersten deutschen Staats-Ober-.Gymnasium zu Brün n, mein nun verewigter College .Franz Bauer, der es sich zur Aufgabe machte, den Deutschen musterhafte Uebersetzungen zeitgenössischer tschechischer Literaturwerke zu liefern, das Manuskript einer Übersetzung des Lustspiels IZ r ch l i ck y's übergab, das „Moudrost Rabinska" heißt. Bauer übersetzte es unter dem Titel „D i e Weisheit des R a b b i", Lustspiel in drei Aufzügen. Ich weiß nicht, ob diese Uebersetzung gedruckt wurde oder nur Handschrift blieb. Das Werk selbst war zum erstenmale 1886 erschienen, wurde aber 1902 zum zweitenmale herausgegeben, wie dies das große tschechische Lerikon „Slovnik Nauvn^" verzeichnet, das dem großen Dichter einen sehr ausführlichen, literarisch und ästhetisch bedeutsamen Artikel widmet. Das Lustspiel läßt sich an Vorurteilslosigkeit der Gesinnung Cumberlands „Der Jude" und Lessings „Nathan" an die Seite stellen und gehört, was Situationskomik und ausgezeichnete Charakteristik der Personen anlaffgt, zum besten, was auf dem Gebiete d,es Lustspiels geschaffen wurde. Den Mittelpunkt des Stückes bildet der Prager Oberräbbiner Löwe ben Bezalel. der „hoh^e Rabbi Löb" genannt, der durch die an seinen Namjen sichknüpfenden Wundersagen allerdings berühmter, -als durch seine Schriften geworden ist und mit dem Kaiser Rudolph II. (1576 bis 1612), im Jahre 1592 eine Unterredung hatte. Wer immer nach Prag, der alten, an geschichtlichen Erinnerungen so reichen Stadt kommt, unterläßt es nicht, den alten Friedhof zu besichtigen, der freilichjetzt, den Stürmen einer neuen Zeit weichend, fast gänzlich vom Erdboden geschwunden ist. Wie erinnerten aber einstmals die engen Gajssen der ehemaligen Judenstadt an diel vergangenen Jahrhunderte! In der „breiten Gasse" wurde das Haus des Rabbi Bezalel Juda Löwe gezeigt. Heiter-ernste Geschichten wurden von diesem Alchymisten, Kabbalisten und von seinem „Golem" erzählt, deren eine wohl das Urbild von Goethes „Zauber^ lehrling" geworden. Nun ruht er, neben seinen Schülern, auf dem -alten Friedhofe, das heißt auf jenem Teile, der erhalten Web. Sein Grabstein ist mit dem Bilde eines Löwen geziert. Einer seiner Zeitgenossen war der durch seine Wohltätigkeit ausgezeichnete M a rdechai Meisel, gestorben 1601, der die seinen Namen tragende Meisel-Synagoge, sowie ein Lehrhaus, Armenhäuser und Hospitäler erbauen ließ, dessen Vermögen der Kaiser Rudolph, der in Prag residierte und sich hier mit der Auffindung des „Steines der Weisen", mit physikalischen, astronomischen und alchymistischen Studien beschäftigte, nachdem kinderlos verstorbenen Wohltäter für den Staatsschatz einzog. An den Hof des auch der Kunst sehr geneigten Kaisers, dessen Schwäche recht eigentlich zu dem großen!, dem 30jährigen. Kriege führfe und welcher der traurige Held des gewaltigen Dramas Grillparzers wurde, führt uns nun Vrchlicky's Lustspiel. Wir befinden uns un Jahre 1608. Den kaiserlichen Herrn beherrscht der kaiserliche Rat Philipp Lang von Langenfels vollständig. Der ist ein Wüstling, ein Betrüger, ein Scheusal in Menschengestalt. Das junge Weib Meister Davids von Brüssel, die schöne Jüdin Recha, möchte er in seine Netze locken. Ihr Gatte, ein Juwelier, ist nach Prag gekommen, um seine kostbaren Waren dem Kaiser anzubieten. Der allmächtige Lang soll ihm Zutritt zum Kaiser verschaffen. Der Wüstling aber verlangt den Besitz von Davids Weibe als Preis dafür. Lang verfolgt mit seinen unsauberen Anträgen auch die Braut eines einfachen Landmannes Stefan Chanovskys, Veronika. Diese enfflieht ihrem Verführer, wird vom Rabvi Bezalel Löwe gerettet, und in einer wunderbaren Kammer, einer camera ubsciua des 17. Jahrhunderts, verborgen gehalten. Diese hat die Eigenschaft, daß sich in ihr mehrere Personen, von einander unbemerkt, zu gleicher Zeit aufhalten können. Rabbi Löwe hat in ihr. durch sein Faktotum Jechiel, auch die Gattin Davids vor den Nachstellungen Längs verbergen lassen. Dieser, in seiner ewigen Geldnot, möchte nun von dem weisen Rabbi die Hinterlassenschaft Mardechai Meisels erpressen, jene Summen nämlich, welche dieser zum wohltätigen Zwecke der Prager Judenschaft verschrieben und die Rabbi Juda Loewe in sichere Verwahrung genommen hatte. Auch ein kaiserlicher Hofmaler Spranger, der Lang bei einer unliebsamen Affäre, die dieser mit dem Bräutigam Veronikas, Stefan, auszufechten hatte, betroffen, wird von dem Rabbi gerettet und in feiner Dunkelkammer verborgen. So 'laufen die Fäden des ganzen Lustspiels im Hause des Rabbi zusammen, der es bis dahin nur mit seinem Weibe Perl, seinem Famulus Jechiel und seinem „Golem" geteilt hatte. Und nicht der wunderwirkende Kabbalist, nicht der überirdische Mann, dem selbst die Geister untertänig sind, der den „Golem" sich dienstbar machen kann, tritt uns in dem Rabbi entgegen: vielmehr ist es der Mann, dem es durch einfache menschliche Klugheit gelingt. Lang zu entlarven, seinen allmächtigen Einfluß bei hem schwachen Kaiser durch seine Weisheit zu vernichten, die Gelder Meisels der Judenschaft zu retten, Recha ihrem eifersüchtigen Gatten, Veronika ihrem ehrlichen Geliebten Stefan wiederzugeben und selbst seine alte Perl auszusöhnen, welche Anwandlungen von Eifersucht verspürte, vor der auch Alter nicht schützt. Zwei Welten, zwei Anschauungen stellt Vrchlicky in -seinem prächtigen Lustspiele einander entgegen: die auf ihren Einfluß pochende Macht und die diese besiegende Klugheit des Rabbi, des 70jährigen Greises. Vrchlicky versteht es ausgezeichnet, durch den Mund des Rabbi die weisen, lebensklugen Sentenzen des Midrasch am rechten Orte aussprechen zu lassen. So hat der tschechische Zuhörer wohl noch niemals Talmud und Midrasch kennen zu lernen Gelegenheit gehabt. Aber nicht nur der weise Rabbi, dessen Haus von den Uneingeweihten für eine Art Hexenküche erklärt wird, in dem es aber mit sehr natürlichen Dingen zugeht, auch sein Weib Perl, die eifersüchtige Matrone, der schlaue bucklige Jechiel, des Rabbis Famulus, der gut die Geheimnisse seines Herrn zu verschweigen versteht, der feurige David von Brüssel, sein keusches Weib Recha sind vortrefflich gezeichnete Charaktere. Wir sind der festen Ueberzrugung, daß dieses Stück auf deutschen oder jüdischen Bühnen, denen wir es zur Aufführung warm empfehlen, seine Wirkung nicht verfehlen wird. Manche Szenen, wie z. B. die drastische Situation am Ende des ersten Aufzuges, da David von Brüssel und seinem Weibe von ausgelassenen Malern ein Ständchen dargebracht wird, müssen als außerordentlich wirksam bezeichnet werden. Die deutsche Bühne allerdings verschließt sich noch immer manchen ausgezeichneten Werken der tschechischen Literatur. Sehr mit Unrecht. Was kümmern die Kunst die schwierigen Ausgleichsverhandlungen zwischen Deutschen und Tschechen? So sollte man wenigstens meinen. Doch davon wollen wir in diesem Gedenkblatte zu Ehren Vrchlicky's lieber nicht sprechen. Er selbst hat zur Einbürgerung der klassischen Schätze der deutschen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.