Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 648 Dr. Blochs Wochenschrift lichkeitsrechte versehenen israelitischen Blindeninstitute in Wien und bietet die notwendigen Garantien für sachgemäße Führung dieser neuen Bildungsstätte, die sich in einer reizend gelegenen Villa in der Nähe von Wald und Meer befindet. Lundenburg. (Tempelspende.) Anläßlich seines 70. Wiegenfestes spendete Herr Simon D i tz und dessen Gattin Frau Amalia ein herrliches, wertvolles Thoramäntelchen und beschenkte die hiesigen jüdischen Ortsarmen mit namhaften Geldbeträgen^ Am heurigen Neujahrsfeste überraschte Herr D i tz neuerdings unsere Gemeinde mit einer prachtvollen, kostbaren Eebettischdecke, ausgeführt von dem bekamnen .Bmststi terei-Atelier Jos. Schlesinger. Das eifrige, religiöse Interesse dieses edlen, echt jüdisch denkenden Ehepaares verdient wohl in einem jüdischen Blatte gewürdigt zu werden. In Anbetracht der Tempelspende fühlte sich der Kultusvorsteher Herr Josef Holländer veranlaßt, Herrn D i tz im Namen des Kultusausschusses den verbindlichsten Dank aus schriftlichem Wege zu übermitteln. Am ersten Neujahrstage wurde der Spender zur Thora aufgerufen und es wurde ihm in solenner Weise ein besonderer Mischeberach vorgetragen. Montreal. In Kanada sind in 828 landwirtschaftlichen Besitzungen 3482 Juden angesiedelt. Ihr Eesamtlandbesitz umfaßt 135.534 Acres. Jetzt hat die ,.Jca" (Jewish Colonisation Association) weitere 4050 Acres Land angekauft, das sie in Ansiedlungen zu 40 Acres parzellieren will. — In Winnipeg, der drittgrößten Stadt Kanadas, wohnen unter 170.000 Einwohnern 12.000 bis 15.000 Juden. Es gibt in Winnipeg acht Synagogen und Bethäuser. Die ,.Jca" unterhält ein Bureau, das Juden der Landwirtschaft zuführt. Diesem Bureau ist es gelungen, zahlreichen jüdischen Einwanderern homstead, d. h. unentgeltlich Land von der Negierung zu verschaffen. Feuilleton. Jom Kipoer. Von Selly de Jong. Aus dem Holländischen übersetzt durch die Dichterin. Heilig, heiliger Jom Kipoer, Eingeprägt in Israels Herzen, Großer Tag der Menschheit Sühnung, Tag der Freude, Tag der Schmerzen. In der heil’gen Synagoge Büßend niederknie’n die Scharen, Flehend um der Seele Friede, Reine Quell’ des ewig Wahren. Feierlich das Wort des Priesters Tönet durch die Tempel-Hallen, Wie ein Meer der Flehensworte, Rauscht der Klageruf von Allen: »Herr und Vater, ach vergebe Uns, gebeugt durch Sünden-Fülle«, Flackernd, sanft die Kerzen leuchten, Aus der Leuchter äussern Hülle. Weiße lange Leichenhüllen, Totenblasse Angesichter . . . »Herr und Vater, deinen Kindern Sei kein gar zu strenger Richter«. Heißer rauschen die Gebete, Tönen durch die Tempelräume, Wie der Geist des Gottvertrauens, Wie der Geist der frommen Ahnen. Voller Demut steb’n sie Alle, Die erhab’ne fromme Büßung Hebt sie über Welt und Sünden, In den Himmel heil’ger Sühnung. Heiligend die Stunden fliehen, Im Gebet der Tag sich neiget Bei dem mächt’gen Schlußakkorde Zittern schier die heil’gen Mauern. »Israel, dein Gott ist ewig, Gnadenreich und voll Erbarmen, Die vertrauend zu ihm kamen, Preisen dankend seinen Namen . . .« Nr. 38 Durch die hohen Tempelbogen, An den Himmelsbogen sehen Bleiche Sterne . . . Hört, Posaun schallt, Wie ein Ruf aus Himmelshöhen. Höret . . . Engelsschwingen rauschen, Gottesfrieden zärtlich kündend, Bringen her die Gnadeusbotschaft, Jubelnd in den Herzen wieder: »Hör, mein Volk, mein auserlesen Israel. Gott hörte dein.Fleh’n, Und die Sünden sind vergeben, Stamm von Jakob, ziehe in Frieden . . .« Jaroslav Urchlicky«: „Die Weisheit des Rabbi." (Zum Dahinscheiden des Dichters am 9. September 1912.) Die Nachricht von beln1 Tode des größten böhmischen Dichters der Geg>enwart, des im Jahre 1853 zu Laun geborenen Emil Frida, der unter dem Namen Jaroslav Vrchlicky, wie man mit Recht behaupten kann, sich einen Weltruf erworben, wird gewiß, auch in jüdischen Kreisen, schmerzliche ,empfunden werden. Jo mehr in unseren Tagen Indien und Judentum, sowohl in Volksals auch Reichsratsversammlungen, in öffentlichen Körperschaften ebenso, wie in der Literatur angegriffen werden, desto mehr muß es uns freuen, wenn wir, wenn auch auf einem den Weiften unter uns entlegener liegenden Literaturgebiete, einer Erscheinung begegnen, die uns das entgegenbringt, worauf wohl alle Menschen Anspruch erheben können: Gerechtigkeit und Vorurteilslosigkeit. Oefter schon wiesen wir, auch in diesem Blatte, z. B. bei Gelegenheit der Besprechung von Wilhelm Raabes „Hungerpastor", darauf hin, wie durch manche wissenschaftlich sich drapierende, aber auch schöngeistige Literaturprodukte unserer Zeit Juden und Judentum in karikierter, entstellter Art dem großen Lesepublikum vorgeführt und, wie nicht am wenigsten; durch solche Literaturerscheinungen, Feindseligkeit und Gehässigkeit gegen uns gezüchtet werden. Mit dankbarer Verehrung schauen wir dagegen zu den Manen des dahing eg angenen großen tschechischen Dichters empor und gedenken pietätvoll des Namens Jaroslav Vrchlicky's, der in einigen seiner Werke das Judentum gerecht beurteilte, ja geradezu verherrlichte. Er hat sich dadurch vollen Anspruch auf unsere Dankbarkeit erworben, die wir niemals dem versagen, der uns Gerechtigkeit und Würdigung zuteil werden läßt. Es ist hier nicht am Platze, von der universellen dichterischen Bedeutung Vrchlicky's zu sprechen. Er gehörte zu den fruchtbarsten Dichtern der Gegenwart, hat Werke lyrischen, epischen und dramatischen Inhalts geschaffen. Durch die vortrefflichen Uebersetzungen von zum Teile jüdischen Schriftstellern, wie Edmund Grün und Adler, oder von Eduard Albert, wurden sie in die deutsche Literatur eingeführt, und manche von ihnen, die auch in die Reklamsche Universal-Bibliothek aufgenommen wurden, sind Gemeingut her Gebildeten geworden. Was seine dramatischen Werhe anlangt, bemerken wir, daß er auch eine Tragödie „Julianus Apostat«" schrieb, also denselben Stoff, wie Ibsen in „Kaiser und Galiläer" behandelte. Fügen wir noch Hinzu, daß es sein Streben war, die Werke der ^.Weltliteratur", wie sie Goethe sich dachte, die Werke Dantes, Tassos, aber auch die der späteren Geistesheroen wie die LeopardiS, Victor Hugos und anderer Größen der verschiedensten Literaturen, ins Tschechische durch vortreffliche Uebersetzungen emzusühren.