Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 642 Dr. Vlochs Wochenfchrfft Nr. 38 Durch Nachfrage an Ort und Stelle gewannen sie, wie wir der „Kattowitzer Ztg." entnehmen, einen umfassenden Ueberblick. Sie erfuhren, daß die Leute, soweit sie aus der Grube arbeiten, — die meisten tun es unter Tage — mit der Arbeit im allgemeinen zufrieden sind und vor keiner, auch der ungewohntesten, nicht zurückschrecken. Der Lohn, der mindestens 2,80 Mk. täglich beträgt, bei Akkordarbeit aber auch bis 5 Mk. steigt, genügt ihnen ebenfalls, wenngleich er denen, die zu Hause eine große Familie zu versorgen haben, begreiflicherweise noch zu gering erscheint. Der durchschnittliche Monatslohn ist 70—100 Mk. (!! D. Red.), wovon dank dem Sparsamkeits- und Familiensinn der jüdische Arbeiter, nach Abzug der Beträge für Beköstigung, Versicherung, Schlafhausmiete usw. regelmäßig der Rest von ihnen selbst oder durch das Arbeitsamt den Angehörigen zugesandt wird. Die Schichten werden regelmäßig befahren und die am Sabbath ausfallende in der Nacht darauf eingeholt. Das Verhältnis zu den christlichen Kameraden ist durchweg gut, da diese von den Beamten darauf hingewiesen wurden, sich jeglicher Beleidigung der Juden zu enthalten. Die Vorgesetzten selbst gaben ebenfalls zu erkennen, daß die jüdischen Arbeiter ihre Pflichten gern und treu erfüllen. Sie loben, daß diese regelmäßiger einfahren, als ein Teil der anderen Ausländer, die zum Teil zwei Schichten wöchentlich auslassen, und daß sie nicht mal an ihren strengen Fasttagen feiern. Sie erkennen ihre Sparsamkeit an, die sogar so weit geht, daß sie an der Kost sparen. Oft müssen die Beamten darauf halten, daß sie mehr Nahrung zu sich nehmen. Daß sie intelligenter sind als die übrigen Ausländer, wird zugestandcn, und vor allem rechnet man es ihnen hoch an, daß sie bestrebt sind, durch deutsche Bücher und Zeitungen belehrenden Inhalts sich in unserer Sprache sortzubilden. Nach all dem Mitgeteilten, das ohne Beschönigung wiedergegeben ist, dürste es klar sein, daß die bisherigen Erfahrungen mit den jüdischen Bergarbeitern zu weiteren Versuchen ermuntern, und vorurteilslose Verwaltungen, selbst aus dem, Auslande, wenden sich an das jüdische Arbeitsamt um Abgabe tüchtiger Kräfte. Der Umstand, daß einmal ein Trupp von 30 Lodzer Leuten die Arbeit aufgab, ist nicht so merkwürdig; ereignet sich derartiges doch oft bei ausländischen Arbeitern, und den Bergbeamten ist es nichts neues. Die von manchen Seiten gehegte Befürchtung, die jüdischen Arbeiter könnten im Falle einer Arbeitseinstellung die Rolle von Streikbrechern spielen, ist gänzlich ausgeschlossen. Dagegen spricht zunächst ihre geringe Anzahl und dann die Gewißheit, daß, falls die Häuer mit der Förderung aufhören, die übrigen Beschäftigungen von selbst endigen, mithin auch die Juden' keine' Arbeit mehr haben. Die „Kattowitzer Ztg." schließt den Bericht mit folgenden Worten: „Gelingt das Werk, so ist beiden Teilen geholfen, mißlingt es, so hat niemand einen Schaden davon, und es bewahrheitet sich dann bloß der alte Satz, daß in großen Dingen auch schon der gute Wille anerkannt werden muß." Die Bedeutung der Juden für den Handel in Rußland. Aus Petersburg Wird berichtet: Der Weltberühmte Zentralpunkt für den russischen Handel, die Stadt Nischnij-Nowgorod, hat mit der heurigen Herbstmesse ein entschiedenes Fiasko erlitten. Noch niemals war die Messe so schlecht besucht und niemals war der Warenverkehr ein so geringer als heuer. Die russische Presse beschäftigt sich mit diesem Umstande eingehend und forscht nach den Gründen dieser Erscheinung. Wahrend nun die antisemitischen Blätter dies der allgemeinen schlechten Geschäftslage zuschreiben, weist die „Rjetsch" in einem längeren Artikel darauf hin, daß die Ursache für das vollständige Mißlingen der heurigen Herbstmesse in Nischnij-Nowgorod in der Tatsache zu suchen ist, daß der Gouverneur von Nischnij-Nowgorod gerade in diesem Jahre mit besonderer Strenge die Juden verfolgt hat, wodurch gerade die bedeutendsten Kaufleute von der Messe fernbleiben müßten. Die Folge davon war, daß auch die Kommittenten diefer jüdischen Kaufleute die Messe mieden und der ganze Markt darunter empfindlich litt. Dies fei, so führt die „Rjetsch" Weiter aus, nur ein neuerlicher Beweis für die von progressiver Seite Wiederholt hiervorgehobene Wahrheit, daß die rusiische Regierung gerade die russische Bevölkerung, welche sie zu schützen vorgibt, am empfindlichsten schädigt, wenn sie die Juden aus den Städten vertreibt. Nach den bisherigen Erfahrungen, meint das Blatt schließlich, ist es allerdings kaum zu erwarten, daß fcifc Regierung aus den Vorgängen in Nischnij-Nowgorod die richtige Lehre ziehen werde. Die Kämpfe der mmünifchm Judm um ihr Recht. Aus Jassy wird uns geschrieben: Man hat allen Grund, die Tätigkeit der Union der heimischen Juden nicht nur mit Sympathie, sondern auch mit einem gewissen Optimismus zu verfolgen. Ihre systematische aber energische Arbeit hehufs Erlangung der Rechte für die rumänischen Juden hat schon manchen Erfolg gebracht, und es ist gar kein Zweifel, daß solche Arbeit auch schließlich zum Siege führen Muß. Vor allem hat diese „Union" schon das Eine erzielt, daß eine Anzahl reicher Juden, die bereits im Besitze aller Rechte sind und sich bisher wenig um ihre rechtlosen Brüder im Lande gekümmert haben, nun zur Mitarbeit für dieselben gewonnen wurde. Ein sehr beachtenswertes Zeugnis hiefür bietet ein Fall, der sich vor kurzem' hier ereignet hat: Der hiesige Bankier und Großindustrielle Moritz Wachtel, der schon seit vielen Jahren das rumänische Bürgerrecht genießt, hat sich an die Spitze des hiesigen Zweigvereines der Union der heimischen Juden gestellt. Er kam auch bald in die Lage, zu zeigen, wie ernst er es mit dieser Würde nimmt. Bekanntlich wird jetzt daran gearbeitet, in Jassy Me moderne Börse zu schäften. Die Jassyer Handelskammer wählte nun Herrn Wachtel als ihren Vertreter in den Vorstand der Börse. Herr Wachtel lehnte jedoch diese Ch-renstelle mit der Begründung ab, daß er als Präsident der Jyssyer Union der heimischen Juden unmöglich Me Vertretung der Handelskammer übernehmen könne, da selbst in der Handelskammer und auf dem ganzen Gebiete des Handels und der Industrie in Rumänien judenfeindliche Tendenzen zum Ausdrucke kommen, dfe es mögliche machen, daß die Juden in Rumänien als Fremd,e betrachtet - und behandelt werden.- - Jnsolange dien Hand elskammer, es nicht als ihre Ehrenpflicht ansieht, an her Beseiti-? gung solcher Ungeheuerlichkeiten tätig zu sein, hätte er es für unvereinbar, von dieser Kammer Ehrenstellen anzunehmen. Diese Haltung hes Herrn Wachtel, der als einer der einflußreichstjen Finanziers und Industriellen des Landes naturgemäß mit den kompetenten Persönlichkeiten Rumäniens in steter Fühlung ist, hat in allen Kreisen des Landes Men tiefen Emdruck gemacht. Lord Rothschild und der Besuch Sasonows in London. Der Besuch des russischen Ministers Sasonow in London hat auch in den jüdischen Kreisen Englands das größte Interesse hervorgerufen. Die vor einiger Zeit mit großem Applomb emgeseitete Aktion in der Paßangelegenheit ist nur scheinbar etwas abgeflaut, in Wirklichkeit wird die Aktion mit der gleichen Energie wie bisher weitergeführt. Nur die Form wurde auf Anraten des englischen Ministers des Aeußern geändert. Lord Rothschild hat einem Interviewer gegenüber die dezidierte Erklärung abgegeben, daß, falls Sasonow die Absicht hat, seine Anwesenheit in London mit der Entrierung einer rusiischen Anleihe zu verbinden, so werde er unter keinen Umständen sich an einer solchen Anleihe beteiligen. Von dieseM seinen festen Entschlüsse würde er nur in dem Falle abkommen, wenn Sasonow in her Lage sein wird, Garantien dafür zu bieten, daß mit der systematischen unmenschlichen Verfolgung der jüdischen Bürger Rußlands ein Ende gemacht wird. Diese Aeutzerung hat in den kompetenten Kreisen Englands sowohl als auch Rußlands einen tiefen Emdruck gemacht. Inzwischen hat aber die Londoner BMai B'rith Loge sich an die Spitze der Aktion hehufs Anerkennung der englischen Pässe im' Besitze von Juden seitens der russischen Regierung gvstzellt. Wie aus einem Sitzungs-