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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-20 · 38 (20.9.1912) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 640 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. d8 Solche Worte frevelhafter Vermessenheit lassen die wahren Absichten der Veranstalter des Eucharistischen Kongresses mit voller Klarheit erkennen. Aber die Wirkungen, die von dem Kongresse ausgehen, .werden auch Gegenwirkungen auslös e n und innere und volle Abkehr von einer Kirche, die für ihre Priester göttliche Verehrung fordert, wird vielleicht seine nächste Folge sein. Wir aber wollen schon 'heute Stellung nehmen gegen den f i n st e r e n, kulturfeindlichen G e i st, d er in diesen Tagen aus der Reichshauptftadt uns entgegenwehte, und wollen uns vereinen in dem Gelöbnisse treuer Wacht, damit dieser Geist in unseren heimatlichen Gauen nie und nimmer eine Stätte finde. (Stürmischer Jubel.) Grundsteinlegung des Kaiser Franz Joseph I. Huldigungstervpels des Bethausvereiuesj Am Bolkert. Am 8. September, als am ersten Tage „Selichoth", fand unter zahlreicher Beteiligung die Grundsteinlegung des A l t a r e s des bereits zur Dachgleiche gediehenen Baues des Kaiser Franz Joseph-Huldigungstempels statt. Zu dieser intimen Feier hatten sich eingefunden: Der Protektor des Tempelbaues, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Alfred S t e r n, die beiden Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Ko hu und Hofrat Dr. Rappaport, sowie Kultusvorsteher Architekt I. Gärtner, I. Sekretär kaiserl. Rat Dr. Theodor Lieben und Sekretär Dr. Emil Adler, Amtsleiter Jul. Braun, sowie Vertreter mehrerer anderer Vereine, endlich der gesamte Vorstand des Bethausvereines, sowie auch die am Bau beschäftigten Prost ssionisten. Eingeleitet wurde die Feier durch einen vom Oberkantor Gieblichmann und dem verstärkten Chor vorgetragenen Festpsalm, komponiert vom Dirigenten I. P o r t h, worauf der Obmann des Vereines, Kultusvorsteher Adolf Schrämest die erschienenen Teilnehmer herzlichst begrüßte, dem Präsidium sowie dem gesamten Kultusvorstande aufrichtigsten Dank für die überaus ausgiebige finanzielle Unterstützung sagte. Nach der nun folgenden Festpredigt durch den Vereinsrabbiner A b e l e s folgte durch den Erbauer des Tempels Architekten Ignaz Reiser die Verlesung der Grundsteinurkunde und deren Einmauerung. Die ersten drei Hammerschläge leistete der Präsident Dr. Alfred Stern' mit dem üblichen Begleitspruche, worauf dnser Brauch von allen anderen ausgeübt wurde. Zum Schluffe erfolgte noch seitens des Obmann-Stellvertreters des Baukomitees Samuel Adler eine der Bedeutung des Festes entsprechende Ansprache und nachdem der Schriftführer des Vereines Dr. Kohn den Ausdruck der ehrerbietigsten Huldigung für Se. Majestät unseren allergnädigsten Kaiser dargebracht hatte, schloß die erhebende Feier mit der Abfingung der Volkshymne. Allseitig wurde schon jetzt nach einem abgehaltenen Rundgange im Gebäude die Zweckmäßigkeit der Anlage und die Schönheit des Baues gerühmt. Historische Bedeutung der Lol-ItLärs-Billa. in der Hiuterbrühl bei Mödling. Von S. Brody, Mitglied des Wiener israel. Kultusvorstandes. Seit Jahren erregt die Inschrift auf einer in der Hinterbrühl, Eießhüblerstraße, hochgelegenen, zweistöckigen, nett gebauten Villa „Kol-Nidre-Villa" die Aufmerksamkeit der Passanten, und ich hielt mich üm so mehr verpflichtet, die historische Bedeutung dieser Namensbezeichnung zu eruieren, als sehr viele Mödlinger Sommergäste sich an mich um Aufschluß wandten, und als ich mich auch für berufen fand, an geeigneter Stelle über das Resultat meiner Bemühung Bericht zu erstatten. Das Gebäude selbst war in der heurigen Sommersaison unzugänglich, da, wie ich in der Nachbarschaft erfahren, der Besitzer auf einer Geschäftsreise und dessen Gemahlin zur Kur in Baden weilten. Ich wandte mich daher erst dieser Tage an den Besitzer der Villa, Herrn Leopold Kellner, der als Chef einer renommierten Wiener Plakatierungsunternehmung gekannt und der mir bereitwilligst folgende Episode über die ehrwürdige Namensbezeichnung der Villa milteilte: „Vor zirka 25 Jahren feierte ich in dieser, damals eingemieteten Villa unter geistlicher Assistenz des Badener Seelsorgers, Sr. Ehrw. Dr. Reich, mein Hochzeitsfest. Nach dem kirchlichen Akte und während des Festmahles äußerte sich unter anderem meine Frau zufällig: „Einen solchen Villenbesitz möchte ich mein Eigen nennen", und ich tat sofort, bewußt als ernster Jude, folgendes Gelübde: „Wenn mir der liebe Gott in meinen geschäftlichen Unternehmungen Glück geben wird, soll Dein Wunsch in Erfüllung gehen." Und Gott erhörte den Wunsch des jungen Ehepaares. Das Glück war demselben günstig, und schon nach wenigen Jahren war Herr Kellner in der Lage, zwei Villen sein eigen zu nennen. Als überzeugter, ehrlicher Jude erinnerte er sich seines Gelübdes und seines damals gehegten Empfindens. Er nannte nun eine der Villen „Mathilden-Villa", die andere bezeichnete er, um vor aller Welt seinem Gotte sich dankbar zu erweisen, mit dem Namen „Kol-Nidre", d. h. „Villa des Gelübdes". Zu der Zeit gab es in Mödling noch wenig oder keine jüdischen Villenbesitzer, und es gehörte jedenfalls Mut dazu, auf einem jedem Vorübergehenden sich bemerkbar machenden Gebäude eine hebräische Aufschrift zu setzen. Aus dieser angeführten Tatsache ergibt sich für uns folgende Lehre: 1. Wir Juden sollen keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne uns als Juden öffentlich vor aller Welt zu bekennen. 2. Es ist wohl richtig, daß jeder ehrenhafte und intelligente Mensch, er gehöre welchem Glaubensbekenntnisse immer an, es mit einem gegebenen Worte, nicht bloß dem Ehren-, sondern auch mit dem Mannesworte, sehr genau nehmen müsse. — Uns Juden ist jedoch das Einhalten eines ausgesprochenen Wortes» eines Gelübdes, überdies auch noch religiöses Gesetz. Ein eigenes Gebet ist es sogar, mit welchem der allerheiligste Versöhnungstag eröffnet und seinen Einzug hält und das man Kol-Nidre nennt. Mit diesen einleitenden Worten muß der Beter vor allem Verzeihung emholen für solche Gelübde und Aussprüche, die einzuhalten im verflossenen Jahre eine Sache der physischen Unmöglichkeit gewesen. Es war darum ein Mt der Feigheit, daß einzelne Gemeindevorstehungen aus Furcht vor Mißverständnissen und Verleumdungen das herrliche Kol-Nidre-Gebet aus dem Gottesdienste gestrichen haben. Setzen wir nur ruhig wieder dieses herrsche Gebeten seine ihm gebührende Ehrenstelle und lassen wir uns von der althergebrachten Vortragsweise desselben weiter erbauen, um so mehr, als dieselbe schon viele nichtjüdische Könige und Fürsten ihrer Eigenart wegen erbaut ifat. Vöslau, 13. September 1912. Verehrliche Redaktion! Aus den Notizen mehrerer Wiener Blätter im Vormonate werden Sie ersehen haben, welcher „Wertschätzung" sich das fast ausschließlich jüdische Kurpublikum hier erfreut. Gestatten Sie, daß ich Ihnen einen neuerlichen Beweis hiefür liefere. Ich habe des Regenwetters wegen heute meine Frau beim Einkäufe begleitet. Beim Spezereiwarenhändler Rumpel (Hochstraße) — der größere Teil der Sommergäste kauft dort ein — beanständete meine Frau irgend eine Kleinigkeit. Ganz unberufen mengte , sich der zufällig anwesende Magister Kurtz (Apotheke Willvonseder) in die Sache ein und bemerkte: „Bei uns in der Apotheke ist's genau so, wem's nicht paßt, der soll nicht mehr Herkommen. Und wenn dieses Publikum nicht mehr kommt, so wird's hier ganz andere Luft geben und es wird nicht mehr Vöslu. sondern richtig Vöslau heißen." Mich mit diesem Herrn in eine Diskussion einzulassen, hielt ich .angesichts des passiven Vierhaltens der dabeistehenden Frau Rumpel für nicht angezeigt. Dagegen zollten der Kommis und die anwesenden Vöslauer dem „teutschen" Sprecher für uns höhnischen Beifall. Nun frage ich: Welcher jüdische Familienvater wird nächsten Sommer wieder sein Geld nach Vöslau tragen, und welcher jüdische Apotheker wird jenen Herrn Kurtz — der am 15. d. M. die Apotheke verläßt — als Magister anstellen? Mit der höfl. Bille, diesen Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte gefl. Raum zu geben, zeichnet ganz ergebenst Willy Frommer.

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