Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 38 Sette 639 Dr. Mochs Wochenschrift Ein Protest gegen die Septemberaktion der „Freien Schule". Die Septemberaktion der Freien Schule mit ihren Demonstrationen gegen den Eucharistischen Kongretz hat in jüdischen Kreisen nicht ohne Grund das Bedürfnis erzeugt, jede Gemeinschaft mit den Veranstaltern dieser Demonstrationen öffentlich abzulehnen, Heber Veranlassung des Herrn Bezirksrates Philipp Bak ist eine Versammlung jüdischer Bürger der Leopoldstadt zusammengetreten,. welcher unter andern beiwohnten: Hofrat K a r e i s, die Eemeinderäte kais. Rat Ignaz Fischer und K o d i c z e k, Dr. L. I. Brau n, Inspektor Neubach, Fabrikant Mar Marchfeld, Hausbesitzer Julius E h r t i ch, Weinhändler Karl Fuchs, die Fabrikanten Heinrich Neurath. S. Lengsfelder und Quittner, Tempelvorsteher Frommer, Finanzrat Karpfen» Kaufmann Mar Funk, Anstreichermeister Mensch, Bezirksrat H o f m a n n. Industrieller Philipp Dub, Eenossenschaftsvorsteher Plaschkes. Bezirksrat PH. Bak begrüßte zunächst die Erschienenen und richtete an sie eine Ansprache, der wir folgendes entnehmen: „Sie alle wissen, datz Wien gegenwärtig der Schauplatz eines rein katholisch-konfessionellen Ereignisses ist, über dessen Notwendigkeit und Nützlichkeit ein freiheitlich denkender Mann wirklich den katholischen Staatsbürgern das Recht einräumen mutz, ihre eigene Meinung zu haben. Ist es doch ein Grundprinzip der Freiheit, datz wir stets allen anderen zubilligen müssen, was wir für uns selbst in Anspruch nehmen. Ich selbst, und — wie ich annehmen darf — Hundertlausende mit mir betrachten den Kongretz als eine rein konfessionelle Angelegenheit, und wir haben darum den einzig richtigen Standpunkt eingenommen, datz sich in die konfessionellen Angelegenheiten kein außerhalb der betreffenden Konfession Stehender einmengen soll. Scheint es also nach all dem für den ersten Moment überflüssig, datz wir Juden hierzu speziell das Wort ergreifen, so wird man uns das um so weniger verdenken, als wir dazu förmlich genötigt und provoziert worden sind. Das Hauptmoment liegt darin, datz sich gewisse Kreise unterfangen haben, die Gegendemonstrationen gegen den Eucharistischen Kongreß den Juden in die Schuhe zu schieben. Wohl kaum eine zweite Konfession gibt es heute und hat es seit Jahrhunderten gegeben, die so wie wir Juden fremde Religionen und fremde Konfessionsangelegenheiten stets respektiert hätten. So wie wir Juden für uns unbedingten Respekt unsrer eigenen konfessionellen Angelegenheiten fordern, so ist es sicher, datz es keinem einzigen Juden mit gesunden Sinnen einfallen kann, sich in fremde Konfessionsangelegenheiten .^pmengen,zu.-xooll^. - Es -ist. daher klar,: datz, das Judentum als Konfession für die Handlungen einzelner, die sich etwa an Demonstrationen gegen den Kongreß beteiligen sollten, in keiner Weise verantwortlich gemacht werden kann. Unsre heutige Beratung hat also zum Zweck: 1. Unfern Standpunkt sestzustellen, datz. sowie wir volle Freiheit und vollen Respekt für unsre Konfession in Anspruch nehmen, wir Juden selbstverständlich auch dem ganzen Eucharistischen Kongreß selbst und der Protestbewegung gegen denselben vollkommen ferne stehen. und 2., datz wir es auf das entschiedenste verurteilen müssen, wenn die Eegenbewegung auf unser Konto geschrieben wird. Anschließend hieran bin ich in der Lage, Ihnen die Mitteilung zu machen, datz ich und meine Freunde Gelegenheit hatten, mit zwei der autoritativsten Stellen des Wiener Judentums hierüber Rücksprache zu pflegen» und darf ich öffentlich konstatieren, datz ich mich bei meinen Erklärungen in voller Uebereinstimmung mit denselben befinde. In ergreifender Weise hat in seiner Festtagspredigt Oberrabbiner Dr. Güdemann das Verhältnis der Juden zum Eucharistischen Kongreß beleuchtet. Dr. Güdemann forderte von uns Juden in flammenden Worten den höchsten Res'pekt vor den religiösen Kundgebungen anderer Konfessionen, genau so, wie wir Juden das gleiche für die unsrigen in Anspruch nehmen." Redner beantragte sodann folgende Resolution, um den Standpunkt der Juden in der Angelegenheit des Eucharistischen Kongresses in offizieller Weise kundzutun: „Die hier versammelten zahlreichen Vertreter der Wiener Iudenschaft erklären hiemit, daß sie die Veranstaltungen des Eucharistischen Kongresses als eine interne Angelegenheit des katholischen Kultus betrachten, in welche sich einzumengen sie für vollständig unzulässig ansehen, da sie selbst eine Einmengung in ihre eigenen Kultusangelegenheiten auf das entschiedenste zurückweisen würden. Aus diesem Grunde mißbilligen sie es auch, wenn sich Mitglieder unserer Religionsgenossenschaft au irgend welchen Antidemonstrationen beteiligen würden. Die Versammlung betont auf das entschiedenste, daß die Wiener Iudenschaft diesen Gegendemonstrationen vollkommen ablehnend gegenübersteht." In der Debatte führte Eemeinderat Kodizek aus: „Was immer geschieht, wird den Juden in die Schuhe geschoben. Deshalb ist es Pflicht der Juden, zu erklären, datz sie mit den Kundgebungen gegen den Eucharistischen Kongreß nichts zu tun haben. Wir verdammen alle Kundgebungen gegen den Eucharistischen Kongreß, da dieser eine rein religiöse Veranstaltung ist." (Beifall,) Gemeinderat kais. Rat Ignaz Fischer sagte: „Wir bringen jeder Religion und auch der katholischen die größte Hochachtung entgegen, denn wir stehen auf dem Grundsätze: „Nur wer andere achtet, hat Anspruch darauf, selbst geachtet zu werden." Insbesondere müssen wir die katholische Religion achten» die auf dem Standpunkt steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Wir haben zu diesem Kongreß gar nichts zu bemerken; es ist eine religiöse Frage, mit der wir nichts zu tun haben." (Stürmischer Beifall.) Ein anderer Redner polemisiert sehr scharf gegen die Aktion der „Freien Schul e", die der Eucharistische Kongreß gar nichts angehe, da ja die „Freie Schule" auf dem Standpunkte steht, Religion gehöre nicht in die Schule. Auch Hofrat K a r e i s sprach sich entschiedenst gegen die Kundgebung der „Freien Schule" aus, worauf, nachdem noch mehrere Redner in gleichem Sinne gesprochen halten, die vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen wurde, ebenso ein Zusatzantrag des Herrn Julius Ehrlich, der dahin geht, die israelitische Kultusgemeinde zu bitten, sich dieser Kundgebung anzujchlietzen. Eine Aeuherung des Oberrabbiners Dr. Güdemann. Oberrabbiner Dr. Güdemann äußerte sich am 12. d. M. in seiner Festpredigt, bezugnehmend aus die Kundgebungen gegen den Eucharistischen Kongreß, unter anderm folgendermaßen: „Unsre Religion atmet den Geist der Liebe und selbstlosen Anerkennung; sie fordert deshalb von uns, datz wir dieselbe Hochachtung, die unsre Religion für sich beansprucht, auch der Glaubenskundgebung jeder andern religiösen Gemeinschaft beweisen." Wo s>mv „die Feindr Kirche"? Die biedere „Reichspost" wird nicht müde, die Juden als „Christushafier" zu denunzieren, immer wieder als die Kirchenfeinde anzuschwärzen. In den antisemitischen Wählerversammlungen auf der Landstraße und in Fünfhaus wird das Zusammengehen der „Christlich-Sozia^ len" mit den Deutschnationalen als das Heil gepriesen zum Schutz der „christlichen" Wienerstadt. In der Nummer vom Mittwoch. 18. September, bringt die Wiener „Ostdeutsche Rundschau" folgenden Bericht unter dem Schlagwort: „Abgeordneter Regierungsrat Hartl über den Klerikalismus." Aus Reichend erg wird uns unterm 17. d. gedrahtet: Aus Anlaß der fünfzigjährigen Wiederkehr des Tages, an dem Otto v. Bismarck an die Spitze des preußischen Ministeriums berufen wurde, fand letzten Sonnabend in dem hiesigen „Dokksgarten" eine Bismarckfeier statt. Abgeordneter Regierungsrat Hartl hielt eine scharfeRede gegen die klerikalen B e st r e b u n g e n, die besonders am Eucharistischen Kongreß zutage traten. Er führte aus, daß der Kongreß seinem ganzen Wesen nach eine politisch-klerikale Heerschau größten Stiles, eine prunkvolle Schaustellung römischer Macht darstelle. Wohl wird man in den Gemütern der Gläubigen die liefen religiösen Schauer vor dem geheimnisvollen Wunder der Wandlung erregen, aber über das Wunder hinweg wird man die verzückten Blicke auf die Träger dieses Wunders lenken, auf die römischen Priester. Und so wird sich die Gottesfurcht auflösen in Priesterfurcht! Die Begründung dieser Auffassung ergibt sich aus den Kundgebungen der Kirche selbst. Hat sich doch der Salzburger Fürsterzbischof Dr. Katschthaler in einem Hirtenbriefe bei Besprechung der Eucharistie bis zu den wahnwitzigen Worten verstiegen: „Er (der röm.-kath. Priester) ist eigentlich nicht Mensch, nein, er ist ein G o t t, j a n o ch mehr als Gott, denn er kann Größeres tun. als Gott durch die Welterschaffung getan, denn Gott hat ihm Gewalt über sich selbst gegeben!"