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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-09-20 · 38 (20.9.1912) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 638 Dr. Bkochs WÄchenßchM Nr. ss Reuters Taubenpost. Zum Ursprung von Reuters Telegraphen! ureau. In dem holländischen Städtchen Vaals bei Aachen hängt in einem Gasthause unter Glas und Rahmen ein vergilbtes Papier mit der Originalunterschrift eines Vertrages, den ein Herr Reuter aus Berlin mit dem Großvater des jetzigen Hausbesitzers, einem Herrn Geller aus Aachen abschloß und der ein neues Zeitalter auf dem Gebiete des Nachrichtendienstes einleitete. Die Geschichte ist interessant genug, um an der Hand weiterer, in Vaals Vorgefundener Dokumente erzählt zu Werden. Der in Dassel geborene Sohn des jüdischen Ehepaares Iosephat Julius (den Namen Reuter nahm er erst später an) lernte in einem Bankgeschäft und richtete dann mit einem Herrn Marquards in Berlin einen kleinen Buchhandel ein, der aber nicht recht gehen wollte. Kurz entschlossen gab deshalb Iosephat alias Reuter das Geschäft auf und lieh sich in Paris als Zeitungsberichterstatter nieder. Hier entsprang seinem erfinderischen Hirn der Gedanke, eine sich eben bietende und anscheinend nur von ihm benutzte günstige Konjunktur auszubeulen. Belgien hatte damals (1850). noch keinen dem Publikum zugänglichen Telegraphen. Dagegen war seit 1849 in Preußen der elektrische Telegraph der Eisenbahngesellschaften dem öffentlichen Verkehre übergeben worden. Depeschen .mußten also durch Belgien von Eisenbahnreisenden nach Aachen gebracht werden. Reuter verfiel darauf, Brieftauben für einen beschleunigten Depeschendienst zu verwenden. Er schuf in Brüssel eine dem Hauptmann a. D. Steffen übertragene Zentrale, bei der die von Agenten in Paris, Lille usw. aufgegebenen Vrieftaubendepeschen eintrafen. Hauptsache war die Weitergabe der redigierten Depeschen in regelmäßigem Dienste zum Endpunkte des preußischen Telegraphen -m Aachen. Die Stadt hatte und hat heute noch zahlreiche Liebhaber des Brieftaubenfports („Duvvegecke" nennt sie scherzhaft der Aachener Volksmund), und unter diesen war im Jahre 1850 Herr Geller einer der größten. Aber Herr Geller war auch ein unternehmender Mann, deshalb schenkte er dem schwächlichen, jüdischen jungen Journalisten, der bei ihm vorsprach und der nichts besaß, als ein intelligentes Gesicht und eine Idee, Glauben und Kredit. Er schoß ihm das Geld für Eröffnung des Betriebes, Taubentransport usw. vor, verbürgte sich für ihn im Gasthause und verpflichtete sich, unter strenger Wahrung des Geschäftsgeheimnisses, 40 wohladressierte und zwischen Aachen und Brüssel gereiste Tauben zu stellen, von denen stets 12 bei dem Herrn Steffen vorrätig sein mußten. Als Entschädigung erhielt er 40 Taler monatlich. Der Betrieb entwickelte sich ganz vorzüglich. Herr Geller und seine Familie wechselten ab in der Woche am Taubenschlag, um die eingehenden Tauben sofort zu fangen und fremde Tauben, die das Einsch lüpfen der Depeschenträgerinnen aufhalten konnten, durch Lärm zu verscheuchen. Morgens gegen sieben kam in der Regel nach zweistündigem Fluge die erste Taube in Aachen an; weitere folgten im Laufe des Tages. Jede Taube wurde aus dem geschlossenen Schlage genommen und von dem um eine Schwanzfeder gelegten Depeschenstreifen befreit. Das Papierröllchen kam in eine Sparbüchse, zu der allein Herr Reuter den Schlüssel hatte, und wurde in dieser in eiligem Laufe von einem Burschen gegen das fürstliche Honorar von einem Kastemännchen zu dem im Hotel wohnenden Vater und Direktor des Unternehmens gebracht. Reuter seinerseits stürzte zu dem nahen Rheinischen Bahnhofe und gab die Depeschen nach Berlin, Wien oder Petersburg auf. Er brachte auf diese Weise wichtige politische und Börsennachrichten sechs bis sieben Stunden,: ja oft einen ganzen Tag früher als auf dem bisherigen Wege an diese Orte und ermöglichte seinen Abnehmern außerordentlich gewinnbringende Spekulationen. Auch fein Gewinn kann nicht klein gewesen sein, obwohl damals .ein Telegramm von Aachen nach Berlin im Umfange von 20 Worten nicht weniger als 5 Taler 6 Silbergroschen kostete. Nach drei Wochen war er schon in der Lage, Herrn Geller seine Vorschüsse zurückzuzahlen, die Hotelrechnung zu begleichen und dann auf eigene Faust zu spekulieren. Der Betrieb erhielt sich in Aachen zwei Vierteljahre, dann übersiedelte Herr Reuter, als im Oktober 1850 die Telegraphenlinie Aachen-Verviers fertiggestellt war, nach Verviers und folgte von dort allmählich der immer weiter ausgebauten Linie bis zur französischen Grenze, an der er bis zur Eröffnung des Unterseekabels Calais-Dover im Jahre 1851 verblieb. Nach nur einjährigem Bestehen der Taubenpost könnte Julius Reuter seinen geschäftlichen Schwerpunkt nach London verlegen, wo er die Verbindungen mit überseeischen Ländern anknüpfte. 1865 wurde das zum Wellhause gewordene Institut in eine Aktien-Gesellschaft umgewandelt. Werner von Siemens erzählt in seinen „Lebenserinnerungen" S. 76: „Während des Baues dieser Linie (von Köln über Aachen nach Verviers) lernte ich den Unternehmer der Taubenpost zwischen Köln und Brüssel (soll wohl heißen Aachen-Brüssel) kennen, einen Herrn Reuter, dessen einträgliches und nützliches Geschäft durch die Anlage des elektrischen Telegraphen schonungslos zerstört wurde. Als Frau Reuter, die ihren Galten auf der Reise begleitete, sich bei mir über dieser Zerstörung ihrer Geschäfte beklagte, gab ich dem Ehepaar den Rat, nach London zu gehen und dort ein ebensolches Depeschen-Permittlungsbureau anzulegen, wie es gerade in Berlin unter Mitwirkung meines Vetters, des schon genannten Justizrates Siemens, durch einen Herrn. Wökfft Mtzrüüdet^ wcfl" ' ReÜtets'' befökgteri" Minen 'Rat mit ausgezeichnetem Erfolge. Das Reutersche Telegraphenbuveau in London und sein Begründer, der reiche Baron Reuter, sind heute weltbekannt." Korrespondenzen. Gemeinderatswahl in Funkhaus. Die jüdischen Gemeind,eratswähler in Fünfhaus möchten wir eindringlich auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Gemeinderatswahl aufmerksam machen und an ihre Pflicht gegenüber der Gesamtheit des Judentums erinnern. Das Eemeinderatsmanhat des Reichsratsabgeordneten August Forstner wurd^e von der herrschenden antisemitischen Partei nur aus parteitaktischen Gründen annulliert. Der Besitz des GeMeinderatsmandates ist nämlich Vorbedingung und auch sichere Gewähr für das Landtagsmändat. Es find ziemlich dieselben Wählerkreise, welche für das eine und das andere Mandat entscheiden. Landtagsabgeordneter in Fünfhaus ist gegenwärtig Herr Ernst Schneider. Und dieser .Ernst Schneider — man braucht den Namen nur zu nennen — ist gegenwärtig Landesausschuß-Referent für das niederösterreichische Schulwesen, Beherrscher der Lehrer. Die Bedeutung dieser beschämenden Tatsache erst näher zu erläutern, ist gewiß überflüssig. Umsomehr erwächst für jeden ehrenhasten Juden, wie für jeden aufrichtig freisinnigen Mann die ernste Pflicht, nichts zu verabsäumen, um die Wiederwahl des Reichsratsabgeordneten August. Forstner zum Gemeinderat durchzusetzen. Die denkenden Männer der jüdischen Wählerschaft in Fünfhaus haben die Aufgabe, .ihrerseits alles anzuwenden, um die jüdische Wählerschaft über die Bedeutung der Wahl aufzuklären, damit kein einziger bei der Abstimmung fehle.'

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